Warschauer Aufstand: Ein prägendes Element des Nationalbewusstseins

Aufstand gegen Besatzer : Als Warschau zur Trümmerwüste wurde

In Deutschland ist der Osteraufstand 1943 im jüdischen Ghetto von Warschau der bekanntere. Für unsere polnischen Nachbarn ist der Warschauer Aufstand von 1944 aber prägendes Element ihres Nationalbewusstseins.

Sommer 1944: Warschau ist seit fast fünf Jahren von den Deutschen besetzt. Sowjetische Truppen haben Mitte Juli die polnische Ostgrenze überschritten und stehen nach zwei Wochen nur noch 40 Kilometer vor der polnischen Hauptstadt. Gleichzeitig haben die Briten und Amerikaner ihre Brückenköpfe in der Normandie verlassen und treiben die deutschen Armeen vor sich her. Gerade jetzt, auch unter dem Eindruck des Attentats auf Adolf Hitler, scheint der Zusammenbruch des Dritten Reichs unmittelbar bevorzustehen.

Zeichen setzen

Die polnische Exilregierung in London ist nun in Zugzwang: Wenn Warschau von den Sowjets befreit werden sollte, wird Stalin eine kommunistische Marionettenregierung an die Macht bringen. Um Polen als Staat des Westens zu bewahren, muss ein Zeichen gesetzt werden. In Absprache mit General Tadeusz Bór-Komorowski, dem Oberbefehlshaber der polnischen Heimat­armee (polnisch: Armia Krajowa (AK)), entschließt man sich zu einem großangelegten Aufstand in der Hauptstadt, die sich auf diese Weise selbst befreien soll. Allerdings sind die 400.000 Kämpfer der Heimatarmee in ganz Polen aktiv, weshalb nur ein kleiner Teil in Warschau eingesetzt werden kann.

Am 31. Juli um 17.30 Uhr gibt Bór-Komorowski den Befehl zum Beginn des Aufstandes in Warschau für den folgenden Tag. Er ist der Ansicht, nicht länger warten zu können, denn die Rote Armee steht mittlerweile in den östlichen Vororten der Stadt. In seinen eigenen Worten liest sich der Beginn der Kämpfe so: „Punkt fünf Uhr nachmittags blitzten, als sie aufgerissen wurden, Tausende von Fenstern. Von allen Seiten ging ein Kugelhagel auf die vorübergehenden Deutschen nieder, zerfetzte ihre marschierenden Kolonnen und prallte gegen die von ihnen besetzten Gebäude. Der Kampf um die Stadt war entbrannt.“

Verhängnisvolle Situationen

Tatsächlich wird das Überraschungsmoment, auf das die Polen große Hoffnung setzen, durch verfrühte und nicht aufeinander abgestimmte Aktionen verspielt. Und nur jeder sechste der 16.000 Kämpfer der AK besitzt eine Waffe.

Auf deutscher Seite rechnet man schon seit längerem mit der Möglichkeit eines Aufstandes. Zur Garnison zählen etwa 20.000 Soldaten sehr unterschiedlicher Qualität. Allerdings haben die Deutschen in Erwartung sowjetischer Angriffe die Stadt befestigt. Alle wichtigen Gebäude werden von Stacheldrahtverhauen und Bunkern geschützt. Außerdem stellt der Transport von Nachschub und Verstärkungen für die Deutschen kein Problem dar, was sich im Verlauf der Kämpfe als verhängnisvoll für die polnische Heimatarmee herausstellen wird.

Da die Ausrüstung der Soldaten der Heimatarmee im Kampf mehr als dürftig war, trugen sie auch deutsche Uniformteile, zum Beispiel Stahlhelme. Foto: -/Eugeniusz Lokajski

Doch am 1. August – sofort zu Beginn des Aufstandes – kann die AK wichtige Erfolge verbuchen: Die Eroberung eines deutschen Arsenals versorgt sie mit einer großen Menge Waffen und Munition, Hauptpost und Elektrizitätswerk fallen in ihre Hände. Auch das Gebäude der Prudential-Versicherung, damals eines der höchsten Gebäude der Stadt, wird von den polnischen Kämpfern besetzt. Aus verschiedenen Durchgangslagern werden KZ-Häftlinge befreit, die sich teilweise den Kämpfern anschließen.

Die Deutschen verlieren sogar zeitweise die Kontrolle über die Weichselbrücken und damit über die Ost-West-Verbindungen in der Stadt. Die Flughäfen und das Polizeihauptquartier bleiben jedoch fest in ihrer Hand.

Nach dem ersten Tag des Aufstandes gleicht Warschau einem Flickenteppich: Einige Stadtteile sind fest in polnischer Hand, andere sind heftig umkämpft und wieder andere verbleiben unter deutscher Herrschaft. Bis zum 4. August kann die Heimat­armee den größeren Teil der Stadt befreien, doch dann stoppt der Rück­zug der Wehrmachtstruppen nach Westen. Jetzt treffen Verstärkungen ein, hauptsächlich Truppen der SS, unter ihnen einige wegen ihrer Brutalität besonders berüchtigte Einheiten.

Der neue deutsche Befehlshaber wird SS-General Erich von dem Bach-Zelewski, ein „Fachmann“ für Partisanenbekämpfung. Schon bei den bisherigen Gefechten hat die Wehrmacht die Regeln des Völkerrechts gebrochen, indem sie polnische Zivilisten als menschliche Schutzschilde missbraucht hat. Nun wird aus dem Kampf ein Vernichtungsfeldzug. Heinrich Himmler als „Reichsführer SS“ gibt den Befehl, alle nichtdeutschen Einwohner der polnischen Hauptstadt, gleichgültig ob sie an dem Aufstand beteiligt sind oder nicht, zu töten und die Stadt zu vernichten: „Dann aber ist Warschau, die Hauptstadt, der Kopf, die Intelligenz dieses 16- bis 17-Millionenvolkes der Polen ausgelöscht.“

Schon während ihrer ersten Einsatztage verüben die Truppen der SS Massaker im Stadtteil Wola, denen mindestens 20.000 Zivilisten zum Opfer fallen. Einzelne Einheiten tun sich durch Plünderungen, Vergewaltigungen und Massenmorde hervor, während sie den Kampf mit der polnischen Heimat­armee scheuen. Es wirft ein grelles Licht auf ihre Bestialität, dass der nicht von Skrupeln geplagte SS-Befehlshaber schließlich die Ablösung dieser Truppen durchsetzt. Die Rechnung Himmlers, durch dieses gnadenlose Vorgehen der Heimatarmee den Rückhalt in der Bevölkerung zu nehmen und ihren Widerstand zu brechen, geht nicht auf. Ganz im Gegenteil, sie erhält noch Zulauf.

Die erbeuteten Waffen und ihre steigende Zahl befähigen die polnischen Freiheitskämpfer, den deutschen Truppen zähen Widerstand entgegenzusetzen. Obwohl Artillerie und Sturzkampfbomber gezielt polnische Widerstandszentren angreifen, gelingen keine großen Fortschritte.

Schon Stalingrad hat den Deutschen vor Augen geführt, wie hart und verlustreich Kämpfe in urbaner Umgebung sein können. In Warschau wiederholt sich das, denn die Heimatarmee wird von der polnischen Bevölkerung bedingungslos unterstützt. Es ist allen Polen klar, dass sie unter der Herrschaft Hitlers keine Zukunft haben. Aber die Verluste sowohl unter den Kämpfern als auch unter der Zivilbevölkerung sind horrend. Die Polen hoffen auf die Unterstützung der Alliierten. Doch die Rote Armee am anderen Ufer der Weichsel schaut dem Gemetzel weitgehend untätig zu. Auch die Hilfe durch die alliierten Bomberflotten ist gering. Zwar werfen die Amerikaner und Briten Hilfsgüter, Munition und Waffen über der Stadt ab, aber vieles davon gelangt in die Hände der Deutschen.

Angriff auf Altstadt

Am 13. August beginnt der deutsche Angriff auf die Altstadt. 39.000 Soldaten brauchen trotz großer materieller Überlegenheit Wochen, um 6000 polnische Kämpfer zurückzudrängen. Als die Lage aussichtslos wird, entscheidet sich das polnische Oberkommando zur Räumung der Altstadt. Knapp 30.000 Einwohner kommen während der Kämpfe ums Leben.

Der Markt in der Altstadt von Warschau: Was die Kämpfe übrig ließen, brennen die Deutschen systematisch nieder. Nach dem Aufstand ist die polnische Hauptstadt eine Ruinenstadt. Foto: -/Ewa Faryaszewska

Die deutschen Truppen gewähren kein Pardon: Verwundete Zivilisten werden ebenso erschossen wie gefangene Angehörige der AK. Nur in einem Fall verhindern befreite deutsche Soldaten die Liquidierung eines Lazaretts, weil sie selbst dort medizinisch versorgt worden sind. Mit dem Fall der Altstadt wird die Situation für die Heimatarmee aussichtslos.

Bór-Komorowski ersucht am 8. September bei der Exilregierung in London um die Erlaubnis zur Kapitulation, welche ihm gewährt wird. Doch eine beginnende Offensive der sowjetischen Truppen am 9. September gibt den Polen neue Hoffnung. Binnen eines Tages vernichtet die rote Luftflotte die deutsche Lufthoheit über der Stadt. An einigen Stellen sind die Rotarmisten nur noch wenige hundert Meter von den polnischen Stellungen entfernt – und bleiben stehen. Stalin hat bereits die Errichtung einer kommunistischen Marionettenregierung in Polen beschlossen. Für die AK als Armee der bürgerlichen Exilregierung hat er keine Verwendung. Die Verhandlungen ziehen sich in die Länge, während das sinnlose Sterben auf beiden Seiten weitergeht.

Die Westalliierten warnen die Deutschen vor Repressalien gegenüber den Kämpfern der AK. Schließlich gestehen diese den Gefangenen gemäß der Haager Landkriegsordnung den Status von Kriegsgefangenen zu. Dies schützt allerdings nur die Angehörigen der Heimatarmee, die am 2. Oktober kapituliert. Und es schützt erstmals auch Frauen, nämlich die Kämpferinnen der AK, was die Deutschen vor Probleme stellt: Weibliche Kriegsgefangene hat es bis dahin noch nicht gegeben. Für die polnische Zivilbevölkerung hat das Leiden noch kein Ende. Niemand schützt sie vor der Rache der Deutschen.

Die Geisterstadt Warschau

Warschau wird Häuserblock für Häuserblock systematisch dem Erdboden gleichgemacht. Sogenannte „Brennkommandos“ legen Feuer, Pioniereinheiten sprengen die ausgebrannten Gebäude. Gemäß Himmlers Befehl soll Warschau aufhören zu existieren. Die verbliebenen Zivilisten werden entweder zum Arbeitseinsatz nach Deutschland deportiert oder in KZs gebracht.

Warschau, das im August 1939 1,3 Millionen und zu Beginn des Aufstandes 900.000 Einwohner gehabt hat, wird zu einer Geisterstadt. Als die Rote Armee im Januar 1945 die Stadt besetzt, leben nur noch etwa tausend Menschen in der Trümmerwüste, die einst als eine der schönsten Städte Europas galt.

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