Suizid oder Auftragsmord?: US-Milliardär Jeffrey Epstein in Gefängniszelle gestorben

Suizid oder Auftragsmord? : US-Milliardär Jeffrey Epstein in Gefängniszelle gestorben

US-Milliardär Jeffrey Epstein ist leblos in seiner Zelle im Hochsicherheitsgefängnis von New York gefunden worden. Die Spekulationen zu den Todesumständen überschlagen sich.

Es war eine Nachricht, die am Samstagmorgen in politischen Kreisen in den USA wie eine Bombe einschlug: Der 66-jährige Milliardär und Politiker-Freund Jeffrey Epstein, von einem Bundesgericht wegen Sex-Straftaten gegenüber zahlreichen minderjährigen Mädchen angeklagt, wurde von Wärtern leblos in seiner Gefängniszelle in New York aufgefunden. 15 Minuten habe man Wiederbelebungsmaßnahmen versucht, hieß es, bevor Epstein in ein Krankenhaus gebracht wurde. Dort stellten Ärzte seinen Tod fest.

Von anderen Häftlingen getrennt

Vertreter der Regierung in Washington sprachen wenig später von einem offensichtlichen Suizid durch Erhängen. Angeblich sei Epstein wegen eines befürchteten Selbstmords zunächst eine Woche lang unter Beobachtung gewesen, nachdem man ihn am 24. Juli auf dem Boden seiner Zelle liegend mit Bewusstseinsstörungen gefunden hatte. Doch warum nach sieben Tagen die besonderen Sicherheitsmaßnahmen plötzlich aufgehoben wurden, soll nun eine FBI-Untersuchung klären. Epstein sei von anderen Häftlingen getrennt gewesen, heißt es. US-Justizminister William Barr sprach von „vielen offenen Fragen“.

Der überraschende Tod Epsteins hat auch deshalb Brisanz, weil der Junggeselle freundschaftlich mit zahlreichen Prominenten verbunden war. Die engsten Verbindungen gab es zu Ex-Präsident Bill Clinton, der Flugaufzeichnungen zufolge mindestens 22 Mal an Bord von Epsteins privater Boeing 727 mitgeflogen sein soll. Diese Trips gingen zu Zielen in der ganzen Welt, darunter auch auf eine Privatinsel Epsteins in der Karibik.

Aufgrund der Flug-Manifeste steht fest, dass sich oft auch weibliche Passagiere an Bord befanden, die nur durch ihre Vornamen wie „Tatiana“ identifiziert wurden. Der Jet war Zeugen zufolge auch mit einem geräumigen Bett ausgestattet. In einer Erklärung hatte ein Sprecher Clintons nach dem Bekanntwerden der Vorwürfe gegen Epstein jegliches Fehlverhalten von Bill Clinton bestritten.

Auch zählte US-Präsident Donald Trump zu den Personen, die gesellschaftlichen Kontakt mit Epstein pflegten. Er soll allerdings nur ein einziges Mal an Bord des „Lolita-Express“, wie das Flugzeug im Bekanntenkreis Epsteins betitelt wurde, mitgeflogen sein. Trump hatte sich im Juli von Epstein distanziert. Er habe vor langer Zeit einen Streit mit ihm gehabt und sei kein Fan von ihm. In einem „New York Magazine“-Interview von 2002 hatte Trump Epstein dagegen als „großartigen Mann“ beschrieben. Damals sagte der noch nicht politisch aktive Immobilienmogul: „Es wird sogar erzählt, dass er schöne Frauen genauso mag wie ich. Und viele von denen sind eher von der jüngeren Sorte.“

Prinz Andrew aus Großbritannien soll ebenfalls Gast von Epstein gewesen sein. Ein bisher unveröffentlichtes Foto in Ermittlungsakten der Behören von Florida – wo Epstein ebenfalls einen Wohnsitz hatte – zeige das Mitglied der Royals neben einem jungen Mädchen, heißt es in Berichten. Das Königshaus in London hatte Vorwürfe einer US-Zeugin vehement bestritten, Andrew habe sich auf einem Epstein-Anwesen mit Minderjährigen eingelassen.

Mit dem Tod des Angeklagten endet auch das Strafverfahren gegen ihn. Doch jene Frauen, die sich als Opfer Epsteins sehen, kündigten am Wochenende bereits an, ihre zivilen Schadensersatzklagen gegen den Nachlass des Milliardärs fortführen zu wollen. Nur einen Tag vor Epsteins Tod hatte ein Bundesgericht erstmals als „explosiv“ empfundene Dokumente freigegeben. Sie beziehen sich auf eine Klage, die Virginia Roberts Guiffre gegen Epsteins Helferin und Gespielin Ghislaine Maxwell eingereicht hatte. Guiffre behauptet, dass Epstein und Maxwell sie jahrelang als „Sex-Sklavin“ nutzten und vermittelten, während sie noch minderjährig war. Sie sei zum Sex mit Prominenten aufgefordert worden. Unter ihnen seien auch prominente Demokraten wie Bill Richardson, Ex-Gouverneur von New Mexico, und der frühere Senats-Mehrheitssprecher George Mitchell gewesen. Beide Politiker bestritten am Wochenende ein Fehlverhalten.

Der New Yorker Staatsanwalt Geoffrey S. Berman teilte mit, dass die Untersuchungen zu den erhobenen Vorwürfen fortgeführt würden. Er verwies darauf, dass ein Anklagepunkt auch mutmaßliche Mittäter ins Visier nahm. Einer von Epsteins Anwälten, Marc Fernich, gab Berichten zufolge den Staatsanwälten, Opferanwälten und Medien eine Mitschuld am Tod seines Mandanten.

In den Sozialen Medien überschlugen sich in den letzten 48 Stunden die Spekulationen darüber, ob Epstein tatsächlich durch eigene Hand gestorben sei. Als jene, die ein Interesse an seinem Tod haben könnten, wird vor allem die Clinton-Familie genannt, weil Epstein – dem 45 Jahre Haft drohten – nun nicht mehr „auspacken“ und mit den Behörden kooperieren könne. Der Sender ABC wies in diesem Zusammenhang auf eine lange Liste mysteriöser Todesfälle von Menschen hin, die für die Clintons unbequem geworden seien.

Ein im Internet kursierendes Foto, das angeblich Epsteins Krankenhauseinlieferung am Samstag dokumentiert, zeigt am Kopf des Patienten Blutergüsse im linken Gesichtsbereich sowie möglicherweise eine gebrochene Nase – Verletzungen, die nicht unbedingt mit einem Tod durch Erhängen übereinstimmen. Unbestätigten Berichten zufolge gab es auch eine Videoüberwachung der Epstein-Zelle, doch am Samstagmorgen habe es eine mehrstündige Störung gegeben. Diese Meldungen, die durch die FBI-Untersuchung noch überprüft werden müssen, dürften die Verschwörungstheorien zum Tod der prominenten Angeklagten noch verstärken.

Frustration und Ärger

Unter den Frauen, die Jeffrey Epstein des sexuellen Missbrauchs beschuldigten, machte sich am Wochenende Frustration und Ärger breit. Sie und andere müssten nun die Narben seiner Aktionen bis zum Ende ihres Lebens ertragen, so Klägerin Jennifer Araoz. Auf politischer Ebene richtet sich die Kritik vor allem gegen den Umstand, dass Epstein offenbar nicht mehr regelmäßig überwacht wurde.

Der republikanische Senator Rick Scott sprach von einem „systematischen Versagen“ der Gefängnisverwaltung, während sein Parteifreund Ben Sasse formulierte: „Jeder in der Justiz wusste, dass dieser Mann selbstmordgefährdet war. Nun sind seine dunklen Geheimnisse mit ihm gestorben.“

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