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Der Terror kehrt zurück: Rückkehr: Die Nächte gehören dem IS

Der Terror kehrt zurück : Rückkehr: Die Nächte gehören dem IS

In Syrien und dem Irak sind Enthauptungen, Entführungen, Bombenanschläge und Selbstmordattentate wieder an der Tagesordnung.

Nach Sonnenuntergang, wenn sich Armee und Milizen in ihre Kasernen zurückgezogen haben, kommen die Terroristen aus ihren Verstecken. „Niemand stellt sich dem Daesh in den Weg“, klagt Samira, die zu ihrem eigenen Schutz ihren richtigen Namen nicht nennen will. Die 32-jährige Syrerin lebt in Mazloum. „Daesh“ ist das arabischen Akronym für den sogenannten Islamischen Staat (IS). Das Dorf in der Nähe der Provinzhauptstadt Deir ez-Zor gilt seit Herbst 2018, als der IS seine letzten Hochburgen im Osten Syriens verlor, als „befreit“.

100 Anschläge allein im Januar

Tatsächlich gehören die Nächte in der Euphrat-Ebene wieder dem IS. Lokale Nichtregierungsorganisationen registrierten dort allein im Januar 2021 mehr als 100 Anschläge und andere Verbrechen. „Wir sprechen von Enthauptungen, Entführungen, Bombenschlägen sowie Selbstmordattentate mit Kleinwagen und Motorrädern“, berichtet Ali, ein Feldforscher in der Region Deir ez-Zor. Kein Tag vergehe ohne Tote.

Besonders gefährdet seien Syrer mit Verbindungen zu pro-iranischen oder kurdischen Milizen. Sie würden oft ohne Vorwarnungen getötet. Einheimische Kriminelle nutzten das so entstandene Klima der Angst aus, indem sie sich als IS-Aktivisten ausgäben und von der lokalen Bevölkerung Schutzgelder erpressten.

600 Anschläge hat der IS nach eigenen Angaben 2020 in Syrien verübt. Ende Dezember starben bei einem Überfall auf einen Konvoi der Assad-Armee mehr als 40 Soldaten. Die Bilder der Leichen veröffentlichten die Dschihadisten im Internet und kündigten weitere „Widerstandsoperationen“ an.

Im benachbarten Irak treiben die Terrorbanden des IS bisher vor allem im Norden ihr Unwesen. Am 21. Januar dieses Jahres schickte die islamistische Terrormiliz wieder zwei Selbstmordattentäter nach Bagdad, wo sie auf einem belebten Kleiderbasar 32 Zivilisten mit sich in den Tod rissen. Mit dem Angriff habe man Schiiten treffen wollen, hiess es in dem Bekennerschreiben der sunnitischen Dschihadisten, die noch immer von dem jahrhundertealten Konflikt zwischen den beiden grössten Glaubensrichtungen des Islam profitieren.

Anwerbung sunnitischer Flüchtlinge

Unterstützung findet der IS vor allem bei Angehörigen sunnitischer Flüchtlingsfamilien, die im von Schiiten dominierten Irak einer ungewissen Zukunft entgegensehen. Als Sunniten schweben sie gleichsam in ständiger Gefahr, von Schiitenmilizen als Sympathisanten der IS verdächtigt zu werden. Der Einfluss der von Teheran kontrollierten Verbände ist in den vergangenen Jahren ständig gewachsen. Mit ihrem Verhalten, das viele Sunniten als Schreckensherrschaft empfinden, haben sie vermutlich entscheidend zur Wiederauferstehung des IS beigetragen.

Indirekte Hilfe kam auch von der Trump-Regierung, die nach ihrem vor zwei Jahren gefeierten „Hundertprozentigen Sieg über den IS“ die Zahl der Anti-Terroreinheiten im Nord-Irak und Syrien von 5200 auf 2300 Soldaten reduzierte. Das so geschaffene Sicherheitsvakuum hilft den Dschihadisten beim Wiederaufbau eigener Strukturen im ehemaligen sogenannten „Kalifat“, das zu seiner stärksten Zeit 2015 von den westlichen Vororten von Bagdad bis vor die Tore von Aleppo reichte.

Mindestens 10.000 IS-Kämpfer sind im Irak und in Syrien nach Einschätzung von Wladimir Woronkow, dem Anti-Terror-Beauftragten der UN, aktiv. Ihre bei Überfällen auf die irakische Zentralbank in Mosul und andere Einrichtungen erbeuteten Bargeldreserven schätzt das US-Finanzministerium auf „bis zu 100 Millionen Dollar“. Überdies habe die Terrororganisation in Hunderten von geheimen Bunkeranlagen in Syrien und dem Irak modernste Kommunikationstechnik, Benzin, Generatoren sowie umfangreiche Sprengstoff- und Waffenvorräte versteckt.