Nato wird 70 Jahre alt

Für die Zukunft schlecht gerüstet : Die Nato wird 70 Jahre alt

Wohin steuert das größte Verteidigungsbündnis der Welt? Während politisch viel gestritten wird, funktioniert die militärische Allianz reibungslos.

Die Geburtstagsgesellschaft geht mit dem Jubilar nicht zimperlich um. Frankreichs Staatspräsident Emmanuel Macron hält die Nato für „hirntot“. Sein US-Kollege Donald Trump nennt die Allianz „obsolet“. Wenn die nordatlantische Verteidigungsgemeinschaft am Dienstag in London mit einem Gala-Dinner bei Königin Elizabeth II. ihren 70. Gründungstag begeht, herrscht keine Feierstimmung.

Als die Allianz 1949 aus der Taufe gehoben wurde, hatte US-Präsident Harry S. Truman noch ein ganz anderes Ziel. Für die nächsten zehn Jahre sollte der Pakt halten. Dann, so sagte Truman damals, sollten die Mitgliedstaaten wieder die Verantwortung für sich selbst übernehmen. Es war die Zeit nach den Schrecken des Zweiten Weltkrieges. Der sowjetische Diktator Josef Stalin unterzog den späteren Ostblock einer gnadenlosen Sowjetisierung. Die Nato, so ihr erster Generalsekretär Lord Hastings Ismay, wurde 1949 gegründet, um „die Russen draußen, die Amerikaner drin und die Deutschen unten zu halten“. Nachdem die Kuba-Krise die Welt 1962 an den Rand eines Atomkriegs geführt hatte, eskalierten die Bemühungen um das Gleichgewicht des Schreckens.

Doch das konnte nicht verhindern, dass die Nato ihre eigenen Krisen pflegte. US-Präsident John F. Kennedy beklagte sich bereits 1963 darüber, dass die Europäer zu wenig für ihre eigene Verteidigung bezahlten. Frankreich scherte bereits 1959 aus der Militärstruktur aus. Auf den Straßen in Europa wuchs der Widerstand gegen das Bündnis, das ab 1970 auf europäischem Boden Mittelstreckenraketen installierte – als Antwort auf die sowjetischen SS-20.

Als 1989 zuerst die Berliner Mauer und dann der Ostblock implodierte, rutsche die Allianz in die nächste Sinnkrise. Doch tatsächlich begann die Allianz zu wachsen: Ehemalige Ostblock-Staaten schlüpften unter das Dach des Bündnisses.

1999 wurde zum erneuten Wendepunkt: Nach Berichten ethnischer Säuberungen im Kosovo griff die Allianz auf dem Balkan ein. Da stand die Nato noch zusammen. 2003 zerfiel sie, als die USA den Irak-Krieg begannen und Deutschland sowie Frankreich sich nicht beteiligten. Dafür blieben beide lange an der Seite der USA in Afghanistan. Erst 2014 fand sich das Bündnis wieder zusammen – als Reaktion auf die Annektion der Krim durch Russland.

Der Jubiläumsgipfel ist keines der üblichen Treffen: Abendessen, eine kurze Arbeitssitzung. Mehr ist nicht geplant. Schon gar keine Grundsatz-Diskussion. Die internationale Sicherheitsarchitektur, so verbreiten die Nato-Strategen, sei „brüchig“ geworden. Eine Neuauflage des ausgelaufenen INF-Vertrags für Mittelstreckenwaffen werde „ohne Begeisterung“ fortgeführt, weil auch in der Nato-Chefetage jeder weiß, dass die Welt nicht mehr bipolar „USA gegen Russland“ funktioniere. Die Rüstungsanstrengungen Chinas, Indiens, Saudi-Arabiens oder der Türkei führen zu neuen Herausforderungen.

Und doch arbeitet das Bündnis fast reibungsfrei weiter – militärisch. Experten sprechen von zwei Natos: eben jener Militär-Allianz, die ihre Einsätze professionell abwickelt. Und der politischen Nato, in der kritisiert und gebremst werde. Vor 70 Jahren ging es den Vätern des Paktes um den Schutz der Demokratie und die Verteidigung der Menschenrechte. Heute vereint das Bündnis Staaten, die diesen gemeinsamen Nenner nicht mehr haben.