Ein Foto löst Bestürzung aus: Im Tod eine letzte Umarmung

Ein Foto löst Bestürzung aus : Im Tod eine letzte Umarmung

Das Foto, das seit Dienstag über die US-Medien verbreitet wird, ist nur schwer erträglich anzusehen. Es erinnert im ersten Moment an eine der Flüchtlingstragödien im Mittelmeer.

Für die so weit von Europa entfernten Menschen in den USA wird die Migranten-Debatte mit der Aufnahme nun plötzlich hautnah realistisch – und viel dramatischer als der andauernde politische Streit um die Unterbringung von wöchentlich Tausenden Neuankömmlingen, bei dem viele Bürger weghören. Das Foto, entstanden am Ufer des Rio Grande auf mexikanischer Seite südwestlich von Texas, zeigt die angespülten und bäuchlings im trüben Wasser treibenden Leichen von Oscar Alberto Ramirez und seiner 23 Monate alten Tochter Valeria.

Das Mädchen hatte – wohl unmittelbar vor ihrem Tod durch Ertrinken – noch einen Arm unter dem T-Shirt ihres Vaters um seinen Hals gelegt. So fanden Polizisten in Mexiko am Montag die beiden. Julia Le Duc, eine Polizeireporterin für die mexikanische Zeitung „La Jornada“, hielt die erschütternde Szene nahe der Stadt Matamoros fest, bevor die beiden geborgen wurden.

Bestürzende Fakten

Nach und nach drangen dann, als das Foto durch Soziale Medien und Sender wie CNN weiterverbreitet wurde, Details des Dramas an die Öffentlichkeit. Es sind bestürzende Fakten, die nicht für einen seltenen Einzelfall mit tragischem Ausgang stehen. Sondern insgesamt für den fragwürdigen Umgang einer von Wohlstand geprägten westlichen Supermacht mit jenen Menschen, die die USA als gelobtes Land ansehen. Aber die dennoch, so wollen es der Präsident und seine konservative Wählerbasis, unerwünscht sind und mit allen Mitteln abgeschreckt werden müssen.

Der aus El Salvador stammende Ramirez hatte zusammen mit seiner Frau Tania und der Tochter seit rund zwei Monaten versucht, am Grenzübergang Brownsville einen offiziellen Asylantrag für die USA zu stellen. Doch neue strikte Richtlinien der Regierung Trump sehen vor, dass pro Tag lediglich einer kleinen Zahl von Antragstellern erlaubt wird, aus Mexiko kommend an der Grenzstation vorstellig zu werden. Andere müssen sich auf Wartelisten eintragen. So sollen, wie Kritiker dieser Praxis monieren, Migranten aus Südamerika entmutigt werden, die lange Reise in Richtung Vereinigte Staaten anzutreten.

Eine neue Vereinbarung Washingtons mit der mexikanischen Regierung, von Trump mit der massiven Drohung von Strafzöllen kürzlich abgepresst, sieht zudem vor, dass ein Teil der Asylsuchenden den Ausgang des Verfahrens in Mexiko abwarten muss und vorerst nicht einreisen darf. Und: Mexiko hat rund 15.000 Soldaten als Abschreckung in die Grenzregion entsandt – auch einem drängenden Wunsch des Weißen Hauses folgend.

Oscar Ramirez und seine Familie träumten wie so viele den Traum vom Land der unbegrenzten Möglichkeiten. Sie hatten Berichten zufolge El Salvador bereits am 3. April verlassen, um für Valeria in den USA eine bessere Zukunft zu finden. Doch dann stießen sie auf eben jene Hürden, die auch für sie errichtet worden sind. Also suchten sie am Sonntag ihr Heil in der Flussdurchquerung. Doch der Rio Grande führt zu dieser Zeit deutlich mehr Wasser als gewöhnlich, und die Strömung kann für unerfahrene Schwimmer lebensgefährlich sein.

Zunächst schien es, so berichteten Angehörige später, als würde der Vater diese Herausforderung meistern können. Er schwamm, seine Tochter über Wasser haltend, von der mexikanischen Seite zum US-Ufer. Als er dann wieder ins Wasser ging, um auch seiner Frau durch den Fluss zu helfen, sprang ihm plötzlich die kleine Valeria nach und versuchte, zum Vater zu kommen. Beide wurden in den Fluten abgetrieben; und der Vater muss in seiner Verzweiflung versucht haben, Valeria in sein T-Shirt zu stecken, um sie bei sich zu halten. „Als er nicht mehr schwimmen konnte, hat er sich wohl entschieden, zusammen mit ihr zu sterben,“ zitieren mexikanische und amerikanische Medien Rosa Ramirez, die Mutter von Oscar.

Seine Frau musste hilflos mit ansehen, wie beide langsam im Wasser verschwanden. Ihre leblosen Körper wurden einen Tag später von Helfern mehrere hundert Meter entfernt an einer Uferböschung gefunden. Die Reporterin Julia Le Duc sagte der britischen Zeitung „Guardian“: Sie habe schon zahlreiche Leichen gesehen, da der Rio Grande gefährlicher sei, als viele Flüchtlinge annehmen würden. In ihrem Job würde man leicht abstumpfen. „Aber wenn du so etwas siehst, sensibilisiert es dich wieder“, äußerte sie. Auch Mexikos Präsident Andres Lopez Obrador äußerte sich zum Tod der beiden Migranten. Es sei höchst bedauerlich, sagte Obrador, dass so etwas geschehen könne.

Der von Donald Trump im Wahlkampf geforderte und nun mit Hochdruck verfolgte Mauerbau an der Grenze zu Mexiko – der in der Realität ein hoher Stahlzaun ist – dürfte die Tendenz, für eine bessere Zukunft das Leben aufs Spiel zu setzen, noch verstärken. Der US-Präsident hatte sich am Mittwoch vor dem Abflug zum G20-Treffen auch kurz zu dem Foto der beiden ertrunkenen Migranten geäußert. Er sei „bewegt“ von der Aufnahme. Die Vorgänge bestätigten seine Auffassung, dass es eine Krise an der Grenze gebe. Zuvor hatte er auf Twitter betont, die von Demokraten gewünschte „offene Grenze“ würde Verbrechen, Drogen und Menschenschmuggel bedeuten.

Ein Argument, dass sich von jenen, die die Grenzproblematik gut kennen, leicht widerlegen lässt: Der Großteil der Drogen kommt beispielsweise über die regulären Kontrollstellen in die USA, oft in Pkw oder Lastwagen verborgen. Doch solche eindeutigen Fakten zählen für Trump nicht – und werden als „Fake News“ abgetan.  Charles Schumer, ein führender Senator der Demokraten, forderte am Mittwoch Trump neben einem vergrößerten Foto der beiden Wasser-Toten auf, nicht länger wegzuschauen: Dies seien normale Menschen und keine Kriminellen gewesen, sagte Schumer im Kongress.

Seine Aussage steht für die im Land zunehmenden Schuldzuweisungen an das Weiße Haus in dem Migranten-Drama. Die Aufnahme der beiden Toten kommt zu einem Zeitpunkt, an dem sich die Grenze in Texas in den vergangenen Wochen immer wieder als Todesfalle für Migranten erweist. Nach Angaben der US-Grenzschutzbehörde wurden seit Monatsbeginn bereits sieben Leichen allein im Bezirk El Paso gefunden.

Erst am 2. Juni war im Bundesstaat Arizona die Leiche eines siebenjährigen Mädchens geborgen worden, Es hatte zusammen mit ihrer Mutter und Schwester eine Grenzüberquerung in schwierigem Terrain bei großer Hitze versucht, als Migranten-Schmuggler plötzlich die Flüchtlinge im Stich ließen. Das Kind starb durch Verdursten, seine Begleiterinnen konnten von Grenzschützern gerettet werden. Schlagzeilen machte ihr Fall nicht – es gab kein Foto. Die in Arizona operierende Hilfsorganisation „No More Deaths“ („Keine Toten mehr“), die in der Wüste seit langem Wasser-Stationen unterhält, sieht sich seit dem Amtsantritt Trumps mehr und mehr strafrechtlicher Verfolgung ausgesetzt. Vorgeworfen wird den Freiwilligen, so zynisch es auch klingen mag, die „Verschmutzung“ des Geländes durch Wasserbehälter und die Unterstützung von Illegalen durch „Schmuggeltätigkeit“. Es gab bereits erste Verurteilungen.

Heftige Vorwürfe

Allein im Mai dieses Jahres wurden an der Südgrenze der USA rund 144.000 Migranten aufgegriffen. Eine Zahl, die die Infrastruktur in der Region vor massive Probleme stellt. Was auch heftige Vorwürfe von Menschenrechtsanwälten belegen. Juristen von Hilfsorganisationen, die ein Lager in der Kleinstadt Clint nahe El Paso besuchen konnten, hatten letzte Woche von unerträglichen hygienischen Zuständen in der überfüllten Örtlichkeit berichtet. Ältere Kinder müssten dort Säuglinge versorgen, hieß es. US-Behörden hatten daraufhin am Montag einen Teil der Kinder in andere Behausungen verlegt, rund 100 von ihnen blieben in Clint.

Als durch Medienberichte alarmierte Bürger jetzt mit Spenden wie Windeln, Seife, Babynahrung und Decken vor dem Eingang des Lagers in Clint auftauchten, wurden sie von den Beamten barsch abgewiesen. Man sei nicht darauf eingerichtet, Spenden entgegen zu nehmen, hieß es. Am Dienstag verabschiedete das US-Repräsentantenhaus mit der Mehrheit der Demokraten ein Notfall-Hilfspaket für die Migrantenversorgung in Höhe von 4,5 Milliarden US-Dollar. Die Reaktion des Weißen Hauses kam nicht überraschend und wie ein Reflex: Trump kündigte umgehend sein Veto an. Das Prinzip „Abschreckung“ soll weiter Vorrang haben.

 Vorsicht, sensibler Inhalt: Hier sehen Sie das Fotos der Ertrunkenen.

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