Elizabeth Warren: Erste Präsidentin der USA?

Erste Präsidentin der USA? : Eine Geschichte, wie Amerikaner sie lieben

Elizabeth Warren stieg aus ärmsten Verhältnissen zur Harvard-Professorin auf. Sie könnte nun die erste Präsidentin der USA werden.

Das schwarze Ausgehkleid geht Elizabeth Warren nicht aus dem Sinn. Wie es da ausgebreitet auf dem Bett im Elternschlafzimmer lag. Und die damals Zwölfjährige zusah, wie ihre Mutter versuchte, sich in das gute Stück hineinzuquetschen, das sonst nur für Hochzeiten und Beerdigungen aus dem Schrank kam. „Na, wie sehe ich aus?“, fragte Pauline Herring ihre Tochter, die für sie immer schon „Betsy“ hieß. „Ist es zu eng?“

Das Kleid war zu eng. Aber sie hatte kein anderes, das sie zum Bewerbungsgespräch für einen Job als Telefonistin hätte anziehen können. Die Hausfrau, die neben Betsy noch deren drei Brüder Don Reed, John und David großzog, sah nach dem Herzinfarkt ihres Mannes keine andere Wahl, als sich im Alter von 50 Jahren für den ersten Arbeitsplatz in ihrem Leben zu bewerben.

„Der schlecht bezahlte Job meiner Mutter rettete uns das Haus“, erzählt die Spitzenreiterin im Feld der demokratischen Präsidentschaftsbewerber bei Wahlkampfauftritten wieder und wieder. „Wenn Sie wissen wollen, wer ich bin, haben Sie es gerade gehört.“ Der Aufstieg Warrens aus kleinsten Verhältnissen in Oklahoma zur Harvard-Professorin, US-Senatorin und vielleicht ersten Frau im Weißen Haus könnte amerikanischer kaum sein.

Elizabeth kam am 22. Juni 1949 in einer Arbeiterfamilie zur Welt. Sie wuchs in einem konservativen Umfeld auf, in dem Bildung für Frauen nicht vorgesehen war. Dank ihres Ehrgeizes in der Schule verdiente sie sich ein Stipendium für die renommierte George Washington Universität in der amerikanischen Hauptstadt. Mit 19 brach sie ihr Studium ab, um ihrem alten „Sweat­heart“ aus Highschool-Tagen nach Houston zu folgen. Sie heiratete Jim Warren, bekam zwei Kinder – Alex und Amelia – und schloss ihr Studium der Rechtswissenschaften an der University of Houston ab.

Danach strebte sie eine akademische Karriere an, die sie von Houston über die Universitäten von Austin und Pennsylvania nach Harvard brachte. Auf der Strecke blieb ihre erste Ehe. Elizabeth hatte darauf bestanden, Familie und Beruf unter einen Hut zu bekommen, während das traditionelle Rollenbild ein anderes war. Ihren zweiten Ehemann, Bruce Mann, einen Rechtshistoriker, heiratete sie im Juli 1980.

Die Karikatur der roten Frontfrau, die Banken und Konzerne das Fürchten lehrt, entstand erst um die Jahrtausendwende. „Liz war eine knallharte Konservative“, erinnert sich ihre Schulfreundin Katrina Harry. „Sie hat eine 180-Grad-Kehrtwende vollzogen.“

Der Wandel begann in den 80er Jahren und als Warren anhand Tausender Fälle erforschte, warum Familien in den Bankrott gingen. Dabei realisierte sie, dass in den allermeisten Fällen nicht Verschwendung und Unvernunft der Grund waren, sondern Dramen, die sie aus ihrer eigenen Kindheit kannte: Eine plötzliche Krankheit, ein Todesfall in der Familie oder ein verlorener Job.

Dank ihrer Expertise erhielt Warren 1995 einen Beratervertrag bei der unabhängigen „National Bankruptcy Review Commission“. Dort platzierte sie ihre Vorschläge für eine Reform des Insolvenz-Rechts an den Kongress. In dieser Zeit registrierte sie sich erstmals als „Demokratin“ und lernte Joe Biden kennen, der sich als Senator aus dem Bankenstaat Delaware für die Finanzindustrie stark machte.

Das Platzen der Immobilienblase und die „große Rezession“ bestätigten Warrens schlimmste Befürchtungen. Aus patriotischer Verantwortung nahm sie 2008 das Angebot des damaligen Senatsführers der Demokraten, Harry Reid, an, über die Verteilung des fast eine Trillion Dollar großen TARP-Rettungspakets zu wachen.

Sehr schnell beobachtete sie, dass weder der Republikaner Henry Paulson noch sein Nachfolger als Finanzminister, Timothy Geithner, daran interessiert schienen, den „unter Wasser“ geratenen Hausbesitzern zu helfen. Stattdessen händigten sie ohne größere Vorgaben Milliarden an Steuergeldern an die aus ihrer Sicht Verantwortlichen der Krise aus.

Die Finanzindustrie konnte nicht verhindern, dass die von Warren erdachte Verbraucherschutz-Behörde CFPB im Rahmen der Finanzmarkt-Reformen 2010 aus der Taufe gehoben wurde. Doch sie blockierte ihr den Weg an die Spitze der Behörde. US-Präsident Barack Obama überzeugte die politische Novizin davon, stattdessen in Massachusetts für den Senatssitz des verstorbenen „liberalen Löwen“ Ted Kennedy anzutreten.

Entgegen allern Unkenrufe, mit denen ihr vorhergesagt wurde, als Frau in einem Bundesstaat wie Massachusetts keine Chance zu haben, hängte sie den Republikaner Scott Brown am Wahltag mit sieben Punkten ab. „Ich weiß zu kämpfen, und ich weiß zu gewinnen“, entgegnet Warren den Skeptikern, die sie nun davor warnen, von Donald Trump im Wahlkampf bis zur Unkenntlichkeit entstellt zu werden. Den Präsidenten versucht sie im Wahlkampf so gut wie nicht namentlich zu erwähnen. „Wir gewinnen, wenn wir darüber sprechen, was kaputt ist, wie wir es ändern.“ Dafür hat Warren im Vorwahlkampf der Demokraten ein wahres Ideenfeuerwerk gezündet.

Bis heute stellte die Bewerberin 20 Programme vor, in denen sie unter anderem detailliert beschreibt, wie sie eine allgemeine Gesundheitsversicherung für alle („Medicare for All“) schaffen will. Sie hat Vorschläge für den freien Zugang zu Colleges und Universitäten, den Erlass von Ausbildungsschulden, den grünen Umbau der Wirtschaft, bezahlbaren Wohnraum, Zugang zu Kinderbetreuung oder die Zerschlagung der Technologie-Giganten Facebook, Google, Apple und Amazon.

„Ich habe einen Plan“

Im Wahlkampf nimmt sie mit dem Satz „Ich habe einen Plan dafür“ immer wieder Bezug auf ihre Ideen und prägt damit die inhaltliche Debatte bei den Demokraten. An der Basis kommt das an. Zuletzt zog die zähe Kämpferin in Umfragen an Biden und ihrem alten Freund Bernie Sanders vorbei an die Spitze im ersten Vorwahl-Staat Iowa, in dem im Februar 2020 abgestimmt wird. Ob sie im Fall einer Nominierung eine Chance hat, ins Weiße Haus zu ziehen, spaltet die Geister.

Doch die Power-Frau aus Oklahoma lässt sich nicht beirren. Streitbar, aufrecht und mit vielen Plänen will sie die Herzen der Wähler erobern. Und kommt damit so sehr an, dass sie noch lange nach dem Ende ihrer Veranstaltungen für ein Selfie mit ihren Fans in die Kameras lächelt.

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