Die Lage in Afghanistan: Der Frieden in weiter Ferne

Die Lage in Afghanistan : Der Frieden in weiter Ferne

Sohaila Alekozai kämpft unermüdlich für die Menschen in ihrem Heimatland Afghanistan – von Aachen aus ebenso wie in Kabul. Sie warnt: Für die Frauen steht viel auf dem Spiel.

Bei Sohaila Alekozai laufen die Nachrichtensendungen aus Afghanistan rund um die Uhr. Sie schaut sie im Fernsehen in ihrer Dachgeschosswohnung in Aachen. Sie bedrücken sie. „Aber ich kann nicht ohne“, sagt die 58-Jährige.

Zweimal ist Alekozai, die in Deutschland als Referentin, Dolmetscherin und Diplom-Sozialarbeiterin tätig ist, als junge Witwe mit ihren zwei kleinen Kindern aus Afghanistan geflüchtet. Einmal vor der sowjetischen Besatzung und einmal während des anschließenden Bürgerkriegs. Immer wieder zieht es sie zurück in ihre Heimat. Von 2003 bis 2010 arbeitete die studierte Juristin und Politikwissenschaftlerin unter anderem als Beraterin für afghanische Ministerien in Kabul und bei der Frauenrechtsorganisation Medica Afghanistan.

Wenn sie nicht in ihrer alten Heimat ist, setzt sie sich von Deutschland aus für ihr Land ein. Allerdings sind ihre Forderungen drastisch und umstritten. „Pakistan sollte zur Rechenschaft gezogen werden“ und „die Weltgemeinschaft sollte ihre desaströse Rolle in diesem Konflikt einräumen (...) und angerichtete Schäden wiedergutmachen“, heißt es unter anderem in einem offenen Brief. „Ich bin sehr kritisch und das kommt bei Verantwortungsträgern nicht gut an. Ich denke, das liegt auch daran, dass sie sich schuldig fühlen.“ Die Afghanin hat keine Angst vor Zurückweisung und scheut auch keine Konfrontation mit Politikern. „Ich fahre zu ihnen, klopfe an ihre Tür und verteile meine Flugblätter. Und wenn sie mir die Tür nicht öffnen, dann schiebe ich die Zettel darunter durch.“

Internationale Missionen

Setzt sich ein für Frieden in Afghanistan: Sohaila Alekozai. Foto: Annika Thee

Alekozai sieht die internationale Gemeinschaft in der Pflicht. „Bevor die amerikanischen Truppen das Land verlassen, sollen sie es wieder in Ordnung bringen“, sagt sie. „Es wird viel Tam Tam gemacht, vorgerechnet, wie viel Geld schon nach Afghanistan gepumpt wurde. Aber die Wahrheit ist, dass ein Großteil der Kosten die eigenen Militärausgaben waren. Nur ein Bruchteil kommt beim Volk an.“

Nach dem 11. September 2001 wurden die regierenden radikal-islamischen Taliban in Afghanistan im Rahmen der Antiterroroperation „Enduring Freedom“ gestürzt. Deutschland beteiligte sich daran ebenso wie an der bis 2014 bestehenden Nato-Mission „International Security Asisstance Force“ (ISAF). Auf sie folgte die Ausbildungsmission „Resolute Support“, an der zurzeit rund 1200 deutsche Soldaten  beteiligt sind. Der Afghanistan-Einsatz ist der bislang teuerste Einsatz der Bundeswehr, bis 2018 waren geschätzt rund 90.000 deutsche Soldaten auf afghanischem Boden, 55 verloren ihr Leben. „Die Afghanen und die Deutschen verbindet eine lange Freundschaft, und daher haben wir auch die Erwartung, dass Deutschland eine positive Rolle spielt“, sagt Alekozai.

Doch der jahrelange Einsatz konnte dem Land bisher weder Frieden noch Sicherheit bescheren. Die Opferzahlen erreichten im ersten Quartal 2019 den höchsten Stand der vergangenen zehn Jahre. Laut des aktuellen Berichts des Sicherheitsrats der Vereinten Nationen verringerte sich zwar die Zahl der Selbstmordanschläge, gleichzeitig stieg aber die Zahl der Luftschläge von Regierungstruppen und ihren internationalen Partnern. Das Ergebnis: 2018 starben 3800 Zivilisten, mehr als 7000 wurden verletzt. Ein Großteil der Opfer sind Frauen und Kinder.

Gefahr für Frauen

Laut einer Studie der Thomson-Reuters-Foundation ist Afghanistan weltweit auf Rang zwei der gefährlichsten Länder für Frauen, nur übertroffen von Indien. Als besonders bedrohlich stuft Alekozai die radikal-islamische Taliban ein. „Die Taliban haben Angst vor den Frauen“, sagt sie. „Die Frauen sind so durstig nach Wissen, sie wollen lernen, Verantwortung übernehmen, teilhaben.“

Von Deutschland aus hat Alekozai während des Taliban-Regimes eine geheime Schule für 700 Mädchen in Kabul geleitet. „Damals konnte ich mich unter dem Ganzkörperschleier verstecken, den ich tragen musste. Das hat mich zwei- oder dreimal gerettet“, erzählt sie.

Allein im letzten Quartal 2018 wurden 55 Schulen von den Taliban angegriffen. „Sie wollen keine aufgeklärte, gebildete Gesellschaft.“ Alekozai senkt ihre Stimme und hält kurz inne. Zögerlich sagt sie: „Ich habe die Angst, dass sich die Frauen in den von den Taliban besetzten Gebieten radikalisieren und nachher selbst zu Attentäterinnen werden. Sie haben nichts zu verlieren. Sie werden gesteinigt, wenn sie sich nicht unterdrücken lassen wollen. Auch die Gewalt der Männer gegen die Frauen in ihren eigenen Familien wird schlimmer“.

Neben dem Leid, das Alekozai über die Jahre in ihrem Land gesehen und miterlebt hat, sieht sie aber auch Entwicklungen, die ihr Mut machen. „Wir haben so viel geschafft in den vergangenen 18 Jahren.“ Die Gesellschaft habe sich weiterentwickelt, sie dürste nach Frieden und Fortschritt. Dazu zähle auch, dass im afghanischen Parlament 28 Prozent der Abgeordneten Frauen sind und sie auch in den Ministerien führende Positionen innehaben. „Die Taliban sind und waren niemals eine echte Alternative für Afghanistan. Wir wollen diesen Fortschritt nicht wieder aufgeben. Wir lassen uns die Burka nicht wieder anlegen.“