Boris Johnson wird neuer Premier-Minister von Großbritannien

Machtwechsel in London : Boris Johnson macht das Rennen

Es kommt wie erwartet: Die Torys wählen Boris Johnson zu ihrem neuen Vorsitzenden. Am Mittwoch wird er dann ganz automatisch auch Premier-Minister.

Er wurde einmal gefragt, ob er britischer Premierminister werden wolle „Es ist wahrscheinlicher“, hatte Boris Johnson seine Chancen kommentiert, „dass ich als Olive wiedergeboren werde; oder von einem Frisbee enthauptet werde.“ Das war vor vier Jahren. Am Dienstag war das anscheinend Unmögliche vollbracht. Vor einem vollgepackten Saal im Londoner „Queen Elizabeth Centre“ wurde der neue Vorsitzende der britischen Konservativen gekürt, der nach dem Rücktritt von Theresa May am Mittwoch automatisch auch Premierminister wird. Und der Sieger sei, verkündete die Wahlleiterin Cheryl Gillan, „mit 92.153 Stimmen: Boris Johnson.“ Der Blondschopf hatte seinen Kontrahenten, den Außenminister Jeremy Hunt, bequem überflügelt. Mit fast zwei Dritteln der Stimmen besitzt Johnson jetzt ein eindeutiges Mandat der Parteimitglieder.

In seiner kleinen Siegesrede fand Johnson warme Worte für die Noch-Premierministerin Theresa May und seinen Mitbewerber Jeremy Hunt. Er erinnerte die Zuhörer an den Slogan seiner Kampagne: „Brexit liefern, das Land vereinen und Jeremy Corbyn schlagen“, womit er den Chef der Labour-Partei meinte. „Das ist, was wir tun werden“, rief er leidenschaftlich, „wir werden dem Land Energie verleihen, wir werden an uns selbst glauben und wir werden dieses großartige Land wieder einen!“ Die lautstarken und langen Standing Ovations, die der Sieger erhielt, ließen den Eindruck aufkommen, als ob die Konservative Partei sich genauso leidenschaftlich hinter ihrem neuen Chef vereinen will.

Der deutliche Sieg verschafft Johnson Autorität, zumindest zeitweise. Selbst seine schärfsten parteiinternen Kritiker werden ihm zunächst eine Flitterwochenperiode einräumen wollen, um ihm die Chance zu geben, sich beweisen zu können. Allerdings sind damit die Flügelkämpfe innerhalb der Partei nicht aus der Welt. Die scharfen Differenzen darüber, ob Großbritannien ohne einen Deal aus der EU aussteigen soll – wie es Johnson wohl riskieren würde – werden für den Herbst reserviert. Am Donnerstag geht das Parlament erst einmal in die Sommerpause. Der neue Premierminister wird versuchen, Möglichkeiten für eine Modifizierung des Austrittsabkommens mit der EU auszuloten, bevor das Unterhaus am 3. September wieder zusammentritt. Dann wird Boris Johnson möglicher Weise sofort ein Misstrauensantrag der Opposition erwarten, und es wird spannend zu sehen, ob Johnson immer noch die volle Unterstützung seiner Partei genießt. Rund 40 Fraktionskollegen haben schon in einer Abstimmung in der letzten Woche signalisiert, dass sie einen ungeregelten Austritt nicht mittragen wollen.

Seine andere große Aufgabe hat er selbst benannt: Die Nation wieder zu vereinen. Das wird nicht leicht, das hätte sie bitter nötig. Das Mandat, das Johnson gewinnen konnte, bekam er von den rund 160.000 Mitgliedern der Konservativen Partei, also gerade einmal 0,3 Prozent der britischen Wählerschaft. Der Rest der Nation durfte nicht mitstimmen, aber ist immer noch tief gespalten über den Brexit, wobei mittlerweile die „Remainer“, die in der EU bleiben wollen, eine kleine Mehrheit haben. Die Szene vor dem Konferenzzentrum illustrierte die Zerstrittenheit: Drinnen wurde gekrönt und gejubelt, draußen protestierte gegen Johnson lautstark eine Gruppe von EU-Freunden, die ein zweites Referendum verlangen. Am Freitag will Johnson mit einer Rede im Norden Englands das Projekt beginnen, die Nation wieder zusammenzuschweißen. Wie ihm das im Falle der Landesteile Schottland und Nordirland, die beide für den Verbleib in der EU gestimmt haben, gelingen soll, bleibt ein offenes Geheimnis.

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