20 Tote an der mexikanisch-texanischen Grenze der USA

Politische Gewalt in den USA : Massaker beim Wochenendeinkauf

Ein friedlicher Samstagvormittag verwandelt sich abrupt in ein Horror-Szenario: Ein mutmaßlich Rechtsextremist ermordet in einem Supermarkt an der texanisch-mexikanischen Grenze 20 Menschen – und erklärt sich in einem vier Seiten langen Manifest.

Die rund eintausend Kilometer lange Anfahrt zum „mexikanischen Walmart“ in der mehrheitlich von Latinos bewohnten Grenzstadt El Paso dauert zehn Stunden. Zeit genug für den 21-Jährigen aus dem blütenweißen Bilderbuch-Vorort von Dallas seinen teuflischen Plan noch einmal zu überdenken. Doch der junge Mann ist entschlossen.

Die Sicherheitskamera hält die Zeitmarke 10.39 Uhr und 35 Sekunden fest, als er am Samstag morgen den gut besuchten Walmart im „Cielo Vista“-Einkaufszentrum durch die Abteilung für Autozubehör betritt. Kurz darauf eröffnet der schmächtige Mann mit einer automatischen Waffe das Feuer auf die wehrlosen Menschen.

Augenzeugen erinnern die Details eines Anschlags, der einen friedlichen Samstagvormittag abrupt in ein Horror-Szenario verwandelte. Gewehrfeuer im Stakkato, leblose Körper auf dem Boden, Menschen, die Deckung suchen, Pulverdampf, Schreie und Chaos. Es ist ein Massaker.

„Ich sah ein Baby, das vielleicht sechs bis acht Monate alt war, mit Blut über seinem Bauch,“ sagt Manuel Uruchurtu (20) einem Reporter vor Ort. „Es hat geschrien und geschrien. Aber es lebte noch.“ Andere hatten weniger Glück. „Hay no“ ist auf einem Video in Spanish zu hören, was soviel heißt wie „Oh, nein“. Anschließend fällt ein Schuss.

Auch in Dayton nehmen sich die Menschen nach einem Blutbad mit mindestens zehn Toten tröstend in die Arme. Foto: dpa/John Minchillo

Als sich der Schütze der Polizei ergibt, hat er mindestens 20 Menschen auf dem Gewissen. Zwei Dutzend weitere werden in den umliegenden Krankenhäusern mit zum Teil schweren Schussverletzungen behandelt.

Nach den Motiven muss nicht lange gesucht werden. „Dieser Anschlag ist eine Antwort auf die hispanische Invasion von Texas“, heißt es in einem vier Seiten langen Manifest, das jemand 19 Minuten vor dem ersten Notruf auf einer Online-Forum einstellte. Dabei handelt es sich um dieselbe Platform, die der Rechtsterrorist von Christchurch benutzte.

Die Logik des Verfassers ist so einfach, wie brutal. „Wenn wir genügend Leute loswerden, kann unser Weg zu leben, nachhaltiger werden.“ Experten gehen mit an Sicherheit grenzender Wahrscheinlichkeit davon aus, dass der mutmaßliche Massenmörder die rassistische Abhandlung unter dem Titel „Eine unbequeme Wahrheit“ selbst verfasst hat.

Darin knüpft er ausdrücklich an das Vorbild aus Neuseeland an. Dort hatte ein weißer Rechtsextremist 51 Menschen in einer Moschee getötet. In dem Manifest von El Paso wird die „Übernahme der lokalen und bundesstaatlichen Regierung meines geliebten Texas“ durch Latinos beklagt. „Die starke Präsenz der hispanischen Population in Texas wird uns in eine demokratische Hochburg verwandeln.“

Analysten erkennen dahinter dieselbe rassistischen Verschwörungstheorie, auf die sich weiße Terroristen von den Anschlägen auf die schwarze Kirche in Charleston über die Moschee in Christchurch bis hin zu den Synagogen in Pittsburg und Poway berufen haben.

Sie stammt von dem französischen Suprematisten Renaud Camus, der den Eliten in den westlichen Ländern unterstellt, aus Profitstreben heraus die weiße Bevölkerung ersetzen zu wollen. Das steckte auch hinter den Rufen „Juden werden uns nicht ersetzen“, die 2017 bei dem Fackelmarsch weißer Nationalisten durch die Straßen von Charlottesville im US-Bundesstaat Virginia schallten.

Und der Präsident?

US-Präsident Donald Trump versäumte es damals, sich eindeutig von dem Hass der Demonstranten zu distanzieren. Was ihm ein indirektes Lob des Manifest-Verfassers von El Paso einträgt. Seine Ansichten reichten in die Zeit „vor Trump und seinem Wahlkampf für die Präsidentschaft zurück“, heißt es darin.

Der US-Präsident ließ sich im Weißen Haus über die Details des Massakers informieren. Es gebe „keinen Grund und keine Ausrede, die jemals das Töten unschuldiger Menschen rechtfertigen könnte“, twittert er. „Gott sei mit Euch allen.“

Trump sprach mit dem texanischen Gouverneur Gregg Abbott und sicherte diesem seine volle Unterstützung zu. Während die Ermittlungen anfänglich in der Hand der Polizei des Bundesstaats lagen, erwägt die amerikanische Bundespolizei FBI die Tat als Inlands-Terror oder Hassverbrechen zu verfolgen.

Wie sehr die Bedrohung in den USA gestiegen ist, illustriert eine Statistik der Bundespolizei. Demnach kamen seit dem 11. September 2001 mehr Menschen bei Anschlägen einheimischer Terroristen ums Leben, als bei den Anschlägen in New York, Washington und Pennsylvania. FBI-Chef Christopher Wray sagte dem Kongress kürzlich, in diesem Jahr seien bereits mehr als 100 Personen wegen des Verdachts auf Vorbereitung einheimischer Terroranschläge festgenommen worden.

„Das Motiv ist Hass“, ist sich auch die neue Kongressabgeordnete von El Paso, Veronika Escobar, sicher. Die Grenzregion mit den beiden ineinander übergehenden Schwesterstädten El Paso (USA) und Juarez Ciudad (Mexiko), in der rund zwei Millionen Menschen leben, sei ein Ort des friedlichen Miteinanders gewesen. „Das war jemand, der von außen in unsere Gemeinde gekommen ist, um uns zu schaden.“

So sehen das viele Einwohner El Pasos, die routiniert vom Spanischen ins Englische wechseln, Familie auf beiden Seiten der Grenze haben und von dem gemeinsamen Handel leben. Bürgermeister Dee Margo erinnert daran, dass seine Stadt als eine der sichersten Kommunen der USA galt. „So etwas haben wir hier nicht erwartet.“

In den vergangenen Monaten geriet El Paso als Brennpunkt der Flüchtlingskrise in die Schlagzeilen. Während tausende Asylbewerber aus Honduras, El Salvador und Guatemala über die Grenze kamen, um Schutz vor Drogen- und Ganggewalt zu finden, versuchte die US-Regierung hier ein Exempel zu statuieren.

„Paso del Norte“-Grenzbrücke

Für weltweite Schlagzeilen sorgten im März dieses Jahres die Bilder von Menschen, die US-Beamte tagelang unter der „Paso del Norte“-Grenzbrücke wie Vieh hinter Maschendraht eingepfercht hatten. Nicht minder verstörend waren die Berichte über das Internierungslager im nahen Tornillo, wo die US-Regierung bis Januar 2019 nach eigenen Angaben insgesamt bis zu 6.200 Kinder und Jugendliche festgehalten hatte.

Der aus El Paso stammende Analyst und Bestseller-Autor („Lone Star Nation: How Texas Will Transform America“), Richard Parker meint, das im voraus geplante Massaker sei ein Nebenprodukt der Trump-Ära mit ihrer unmenschlichen Flüchtlings- und Einwanderungspolitik. „Diese hat uns Mauern, Internierungslager und Kinder in Käfigen gebracht.“ Er habe lange eine Eskalation der Gewalt befürchtet, sagt Parker. „Die Anfänge dafür liegen beim Präsidenten der Vereinigten Staaten.“

Andere Kritiker weisen auf die verblüffende Parallelität bei der Wortwahl hin. So gebrauche Trump regelmäßig das Bild einer „Invasion“ des Landes aus dem Süden. Beto O‘Rourke, der Trump im November 2020 herausfordern will und aus El Paso stammt, hält dem US-Präsidenten vor, selber ein Rassist zu sein. „Und er facht den Rassismus in diesem Land an.“ O‘Rourke stimmt auch in den Chor der Kritiker ein, die der Regierung Untätigkeit beim weitgehend uneingeschränkten Zugang zu Waffen in den USA vorhalten. „Eine Zukunft, in der jedes Jahr 40.000 Menschen ihr Leben wegen Waffengewalt verlieren, kann ich nicht akzeptieren.“ Der Walmart-Attentäter benutzte eine automatische AK-47, die wegen ihrer Feuerkraft als Kriegswaffe eingestuft wird.

Das erste August-Wochenende ragt besonders heraus, weil es in der Nacht zum Sonntag auch in einem Kneipenviertel von Dayton im US-Bundesstaat Ohio zu einer Schießerei mit mindestens zehn Toten und sechzehn Verletzten kam. Nach Informationen von Reportern vor Ort besteht kein Zusammenhang zu dem mutmaßlichen Terrorakt von El Paso. Bei dem Vorfall im sogenannten „Oregon District“ habe es sich um einen Streit gehandelt, der eskalierte. Demnach eröffnete ein Mann das Feuer, weil die Türsteher ihn nicht in eine Bar ließen. Die herbeigeeilte Polizei tötete den Schützen.

Ob mutmaßlicher Rechtsterrorismus, psychische Erkrankung oder nackte Aggression – in den USA nimmt das Problem der Waffengewalt nach Ansicht von Experten epidemische Ausmaße an. Allein in diesem Jahr registrierte das gemeinnützige „Gun Violence Archive“ bereits 249 Angriffe mit Schusswaffen. Dabei hatte das Jahr erst 215 Tage.

In Verbindung mit einheimischem Terrorismus bekommt der leichte Zugang zu Waffen damit eine ganz neue Dimension. Für die Angehörigen der Opfer machen die Motive der Schützen dagegen kaum einen Unterschied. Für sie bleibt der plötzliche Verlust ihrer Lieben unfassbar.

„Ich möchte den Familien, die trauern zeigen, dass sie nicht allein sind“, sagt Celina Arias (44), die mit mehr als 200 Menschen vor der „St. Pius X“-Kirche von El Paso am Abend des Anschlags eine Kerzenwache hielt. „Es hätte jeden Treffen können.“

Celina weiß, wovon sie spricht. Ihr Mann tankte draußen am „mexikanischen Walmart“ als drinnen das Morden begann.

Hier geht es zur Bilderstrecke: Die Todesschüsse in Dayton und El Paso

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