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Aachen: Warum wir Uli Hoeneß fast dankbar sein müssen

Aachen : Warum wir Uli Hoeneß fast dankbar sein müssen

Das Bayerische Fernsehen hat dieser Tage Bilder von Uli Hoeneß‘ Haus gezeigt, es liegt am Tegernsee und sieht aus wie ein Landgasthof der gehobenen Mittelklasse in den Berchtesgadener Alpen. Viel Holz, viel Gemütlichkeit, viele Blumen auf dem Holzbalkon, aber kein Protz. Es ist ein Haus wie der Mensch Hoeneß, den die Welt bis vergangenen Samstag als bodenständigen Multimillionär mit Sinn fürs Soziale wahrnahm, als zum guten Patriarchen aufgestiegenen kleinen Mann.

Es ist nicht das Haus, das zu Hoeneß, dem Steuerhinterzieher, passen will, auch nicht zu dem Hoeneß, der erst vergangene Woche forderte, die Bundesliga wettbewerbsstark zu halten, um dann einige Tage später Borussia Dortmund seinen besten Spieler für die unvorstellbare Summe von 37 Millionen Euro wegzukaufen. Es ist ein Haus, das nur eine Seite von Hoeneß‘ ambivalentem Wesen zeigt. Die andere Seite dieses Wesens beschäftigt nun neben den Ermittlungsbehörden auch den Rest der Republik, und zwar auf eine Weise, die vermuten lässt, dass eine Zeitenwende bevorsteht.

Völliges Unverständnis

Der Fall Hoeneß lässt die Bundesregierung, die auf das am Ende im Bundesrat gekippte Steuerabkommen zwischen Deutschland und der Schweiz gedrungen hatte, von einem Tag auf den anderen als Lobbyisten der Superreichen dastehen. Dieses Abkommen hätte deutschen Steuerhinterziehern Straffreiheit garantiert, wenn sie ihr Vermögen freiwillig zurück nach Deutschland überführt und nachträglich versteuert hätten. Doch dass Steuerhinterziehern staatliche Nachsicht zuteil wird, stößt allerspätestens seit Bekanntwerden des Falls Hoeneß in weiten Teilen der Gesellschaft auf völliges Unverständnis.

Gerade Hoeneß‘ Beispiel macht anschaulich, dass beruflicher Erfolg nicht nur das Ergebnis von Ehrgeiz, Fleiß und Talent ist, sondern auch eines Staates und einer Gesellschaft bedarf, die diesen Erfolg und sozialen Aufstieg ermöglicht. Hoeneß‘ Karriere vom Metzgersohn zum Fußballprofi zum Vereinsfunktionär zum Unternehmer zum Multimillionär ist überwiegend nur in Staaten denkbar, die bemüht sind, Menschen aller sozialen Schichten gleiche Chancen einzuräumen.

Wer als Mitglied einer solchen Gesellschaft zum Großverdiener wird und sich mit seinen Millionen oder Milliarden aus dem Staub macht, lässt zu, dass die ohnehin immer kleiner werdende Mittelschicht blutet. Von der Unterschicht, die von sozialen Kürzungen als erstes betroffen ist, ganz zu schweigen. Wer also wie Hoeneß durch Staat und Gesellschaft die Chance erhält, so viel zu verdienen, dass er überhaupt Steuern hinterziehen kann, der macht es durch Steuerhinterziehung zukünftigen Generationen erheblich schwerer, ähnlichen finanziellen Erfolg zu haben.

Genau genommen gilt das nicht nur für Steuerhinterzieher, sondern eigentlich auch für Steuerflüchtlinge, die wie Michael Schumacher, Sebastian Vettel oder Franz Beckenbauer, zeitweise auch Nadja Auermann oder Boris Becker, dorthin ziehen, wo sie weniger Steuern zahlen müssen.

„Steuersünder“? Von wegen.

Nicht zuletzt die zum Dauerzustand gewordene europäische Schuldenkrise hat den Bürgern in Europa eine Ahnung davon gegeben, was im schlimmsten Fall finanziell auf sie zukommen könnte. Die Krise verdeutlicht überdies, dass eigentlich kein Staat in Europa finanziell mehr in der Lage ist, den gegenwärtigen sozialen und kulturellen Status Quo weiter zu gewährleisten. Auch deswegen ist die Steuerhinterziehung auch im öffentlichen Bewusstsein schon seit einigen Jahren keine Sünde mehr, sondern kriminell.

Als der frühere Post-Chef Klaus Zumwinkel 2009 in einem seltsamen Prozess wegen Hinterziehung von etwa einer Million Euro lediglich zu einer Bewährungsstrafe verurteilt wurde, empörte sich die Öffentlichkeit zurecht. Selbst Richter des Bundesgerichtshofes sollen seinerzeit hinter vorgehaltener Hand geflüstert haben, eine Haftstrafe von drei Jahren sei für Zumwinkel angemessen gewesen. Dieser Fall wird vermutlich der letzte gewesen sein, in dem ein prominenter Steuerhinterzieher in einem Prozess eher geschont wurde.

Dass nun Hoeneß ungestraft davon kommen soll, nur weil er sich möglicherweise gerade noch rechtzeitig selbst anzeigt hat, ist kein zeitgemäßer Umgang mit einem gesellschaftsschädigenden Straftatbestand. Künftig wird auf derartige Großzügigkeit vermutlich verzichtet werden.

Der immer noch gängige Gebrauch des Begriffs „Steuersünder“ scheint von einem Tag auf den anderen gestrig geworden zu sein. Eine Sünde ist im Sprachgebrauch ein moralisches Vergehen, das aber nicht justiziabel ist und deswegen keiner weltlichen Gerichtsbarkeit unterliegt. Der Begriff stammt aus der Wirtschaftswunderzeit, während der Steuerhinterziehung dem Staat weniger geschadet hat als heute, während der es allerdings auch noch nicht ganze Berufszweige gab, die vom Erdenken und der weltumspannenden Organisation sogenannter Steuersparmodelle für die Reichsten leben.

24 Billionen in Steueroasen

Ein Wirtschaftswissenschaftler hat vor einigen Jahren errechnet, dass Deutschland schuldenfrei wäre, wenn jeder Bürger seine Steuern zahlen würde, wie das Gesetz es vorsieht. Das mag stimmen oder nicht, aber die Studie eines früheren McKinsey-Unternehmensberaters, derzufolge weltweit bis zu 24 Billionen Euro auf Konten in sogenannten Steueroasen liegen, verdeutlicht die Dimension des durch Steuerhinterziehung verursachten Schadens. Die europäische Schuldenkrise erscheint angesichts dieser Dimension als übersichtliches Problemchen.

In Anbetracht der auch vom Fall Hoeneß befeuerten öffentlichen Empörung wird die im Herbst zu wählende Bundesregierung, aus welcher Koalition sie auch immer bestehen wird, kaum mehr daran vorbeikommen, die Strafen für Steuerhinterzieher im Gesetz zu verschärfen oder wenigstens die gesetzlich festgelegte Nachsicht abzuschaffen. Nicht zuletzt deshalb, weil das Land auch zukünftig darauf angewiesen sein wird, dass soziale Aufstiege wie der von Uli Hoeneß möglich bleiben. Für Menschen, die ein schärferes Bewusstsein dafür entwickeln, wie sehr eine freie Gesellschaft auf ihre Steuern angewiesen ist.

Für diese Erkenntnis muss man Hoeneß am Ende fast sogar noch dankbar sein.