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Verbraucherschützer im Interview: Warum ein Experte bei den Energiepreisen vorsichtig optimistisch ist

Verbraucherschützer im Interview : Warum ein Experte bei den Energiepreisen vorsichtig optimistisch ist

Wird der anstehende Winter dank der Energiepreisbremse für die Menschen weit weniger hart als noch vor Monaten befürchtet? „Ich sehe nicht mehr ganz so schwarz“, sagt Udo Sieverding von der Verbraucherzentrale NRW.

Herr Sieverding, während der vergangenen Wochen sind die Preise für Gas im Großhandel wieder gesunken. Gleichzeitig flattern derzeit Privatverbrauchern immer höhere Gasrechnungen ins Haus. Viele empfinden das als Widerspruch.

Udo Sieverding: Es ist aber nur ein vermeintlicher Widerspruch. Er lässt sich mit der Beschaffungsstrategie der Endversorger erklären. Deren Kundentarife in der Grundversorgung resultieren aus einer Mischkalkulation. Sie basieren auf den Großhandelspreisen, zu denen die Unternehmen in den vergangenen 24 oder 36 Monaten Gas eingekauft haben.

Können Sie das an einem Beispiel verdeutlichen?

Sieverding: Im September 2021 und den Monaten davor lagen die Großhandelspreise für Gas auf einem sehr niedrigen Niveau. Diese günstigen Einkaufszeiten fallen nun nach und nach aus der Mischkalkulation der Unternehmen heraus. Ersetzt werden sie in den Berechnungen durch aktuell deutlich teurere Monate. Im vergangenen August lag der Gaspreis im Großhandel beispielsweise auf einem absoluten Rekordniveau. Inzwischen hat er sich zwar etwas abgekühlt, aber er übersteigt das Vorkriegsniveau immer noch um ein Vielfaches. Deshalb wird es in den kommenden Monaten wohl auch weitere Preiserhöhungen für den Endkunden geben können. Ärgerlich wird es, wenn Energieversorger die Preise stärker als erforderlich erhöhen, weil die Preisbremse bald kommt. Da werden die Aufsichtsbehörden gefordert sein.

Die deutschen Gasspeicher waren zwischenzeitlich zu hundert Prozent gefüllt. Droht überhaupt ein Gasmangel?

Sieverding: Wir werden in diesem Winter sehr wahrscheinlich in keine Gasmangellage kommen. Das hängt maßgeblich mit dem Wetter, also den sehr moderaten Temperaturen im Oktober und November zusammen. Nur wenn alle Langzeitwetterprognosen falsch liegen und wir zwischen Dezember und Februar eine extreme Kälteperiode erleben sollten, könnte es noch mal eng werden. Daneben gibt es eine weitere Unwägbarkeit. Deutschland ist Teil des europäischen Gasverbundes. Sollten beispielsweise Ungarn, Rumänien oder Bulgarien Energieprobleme bekommen, weil sie nicht mehr mit Gas beliefert werden, dann könnte das nach Deutschland durchschlagen.

Vor den europäischen Küsten kreuzen derzeit Dutzende vollbeladene LNG-Tanker. Angeblich warten sie nur darauf, dass der Gaspreis wieder steigt, um dann ihre Ladung zu löschen. Wirkt sich das auf den Gaspreis aus?

Sieverding: Dass LNG-Tanker um die Welt fahren und darauf warten, dass ihnen jemand das Flüssiggas zu einem möglichst hohen Preis abkauft, ist kein neues Phänomen. Natürlich wird spekuliert. So funktioniert der LNG-Markt. Auf die aktuelle Preisbildung hat das allerdings keinen entscheidenden Einfluss.

Können die Versorger ihre Preise eigentlich beliebig erhöhen? Oder sind sie an Regeln gebunden?

Sieverding: Bei Neuverträgen kann der Anbieter nehmen, was er will. Preiserhöhungen müssen hingegen angemessen sein. Darüber wachen Aufsichtsbehörden.

Wer definiert was angemessen ist?

Sieverding: Notfalls Gerichte. Aber bevor ein Verbraucher diesen Weg geht, sollte er von seinem Sonderkündigungsrecht Gebrauch machen und den Anbieter wechseln.

Mit der Energiepreisbremse soll der Gaspreis nun ab Januar für 80 Prozent des Vorjahresverbrauchs auf 12 Cent pro Kilowattstunde gedeckelt werden. Beim Strompreis liegt der Deckel für ein Grundkontingent in Höhe von 80 Prozent des prognostizierten Jahresverbrauchs bei 40 Cent pro Kilowattstunde. Mit welchen zusätzlichen monatlichen Belastungen muss ein Musterhaushalt trotzdem rechnen?

Sieverding: Vor der Krise betrug der Gaspreis fünf bis sechs Cent. Trotz der Bremse wird er sich also bereits für die ersten 80 Prozent des Verbrauchs verdoppeln. Bei jedem zusätzlichen Verbrauch muss mit einer Verdreifachung oder Vervierfachung des Preises gerechnet werden.

Liegt der Deckel mit 12 Cent zu hoch?

Sieverding: Nein, ich halte die Höhe für angemessen. Er bewegt sich auf einem Niveau, das sich langfristig durch die Preisentwicklungen im Großhandel zur neuen Normalität entwickeln wird, an die wir uns gewöhnen müssen.

Aber gerade Menschen, die wenig verdienen, werden damit dauerhaft vor einem nachhaltigen Problem stehen.

Sieverding: Um Menschen mit Zahlungsproblemen müssen wir uns natürlich zusätzlich kümmern. Das Bundeswirtschaftsministerium hat einen Härtefallfonds angekündigt. Daneben gibt es ein ausgeweitetes Wohngeld, Heizkostenzuschüsse und andere Entlastungsmaßnahmen. Ob das reicht, wird sich zeigen. Möglicherweise muss die Ampel ihre Hilfen für diese Menschen nochmals ausweiten.

Gleichzeitig profitieren von der Energiepreisbremse auch Haushalte, die es eigentlich nicht nötig haben. Häufig ist zu hören, dass der Besitzer einer Villa mit Swimmingpool unter dem Strich stärker entlastet wird als eine Familie, die bereits in der Vergangenheit aus welchen Gründen auch immer sehr sparsam mit Energie umgegangen ist. Teilen Sie diese Kritik?

Sieverding: Natürlich ist das ungerecht. Natürlich stößt es bitter auf, wenn jemand, der schon in der Vergangenheit auf energieeffiziente Technologien gesetzt hat, jetzt sehen muss, dass sein Steuergeld bei jemandem landet, der sich in den vergangenen Jahren gegen das Energiesparen entschieden hat – also auch beim Villenbesitzer, der keine neue Heizung einbauen wollte. Ich kann den Unmut darüber verstehen. Aber wir sollten uns jetzt nicht auf Ungerechtigkeiten fokussieren, sondern darauf konzentrieren, soziale Härten zu vermeiden.

Die Kritik an dem Gießkannenprinzip gibt es schon seit geraumer Zeit. Warum hat die Ampel darauf nicht reagiert?

Sieverding: Weil es technisch keine Alternative gibt. Es liegen keine Daten vor, was hinter dem Gaszähler passiert, ob es sich bei dem Kunden um einen Single mit Villa oder um einen Wohnblock mit 25 Familien von Geringverdienern handelt.

Hätte die Ampel nicht auch mit direkten Zahlungen an die Verbraucher arbeiten und diese Hilfen sozial staffeln können?

Sieverding: Natürlich wäre es deutlich gerechter, wenn der Staat das Geld pro Kopf an die Bürger direkt auszahlen würde und die es dann unterschiedlich hoch versteuern. Dafür muss er aber für jede Steuer-ID eine Kontonummer geben. Das Problem ist: Laut Bundesfinanzminister Christian Lindner braucht seine Behörde für die Synchronisierung aller dazu notwendigen Daten angeblich 18 Monate.

Rund 25 Prozent der Haushalte in Deutschland – vornehmlich in ländlichen Regionen - heizen mit Öl. Für diese Verbraucher ist keine Bremse vorgesehen, obwohl auch sie mit steigenden Preisen kämpfen. Könnten Sie das nachvollziehen?

Sieverding: Nein, das ist ein Ärgernis. Wobei es allerdings nachvollziehbar war, dass die Bundesregierung zunächst mit einer Bremse für Gas und Strom gestartet ist. Öl, Flüssiggas und Pellets sind dabei in der politischen Diskussion und der Lösungsumsetzung hinten runtergefallen. Auch bei Wärmepumpen und Nachtspeicherheizungen ist die Preisbremse von 40 Cent nicht plausibel. Ob in der Ampel für Haushalte, die mit Öl heizen, noch eine systematische Lösung gefunden wird, kann ich nicht sagen. Ich weiß nur, dass die SPD darauf drängt.

Sozialverbände fordern, dass Energieversorger ihren Kunden, die Gas und Strom nicht mehr zahlen können, die Rechnungen stunden sollen. Was bringt solch ein Moratorium angesichts von Energiepreisen, die wohl auch dauerhaft deutlich höher liegen werden als bisher?

Sieverding: Es wäre schon ein wichtiges Signal, dass es in diesem Winter keine Energiesperren gibt. Aber irgendjemand muss die Rechnungen begleichen. Bisher verzeichnen die Stadtwerke durchschnittliche Zahlungsausfälle von etwa 0,5 bis ein Prozent. Sollten sie sich Richtung zehn Prozent bewegen, wäre das für die Unternehmen nicht mehr verkraftbar. Würde also eine Welle von Strom- oder Gassperren drohen, müsste der Staat finanziell einspringen, wenn er die Sperren vermeiden will. Offenbar setzt die Ampel jedoch darauf, dass es dank der Gas- und Strombremse erst gar nicht so weit kommt.

Im neuen SchuldnerAtlas wird die Befürchtung geäußert, dass rund 20 Prozent der deutschen Haushalte wegen der vor allem von den gestiegenen Energiepreisen getriebenen Inflation vor massiven nachhaltigen Zahlungsschwierigkeiten stehen werden. Ist das ein übertriebenes Szenario?

Sieverding: Im August und September hatte ich ähnliche Befürchtungen. Dank der Preisbremsen sehe ich nicht mehr so schwarz.

Wie können Kommunen ihre Einwohner entlasten?

Sieverding: Zum einen, indem sie ihre eigenen Immobilien energetisch ertüchtigen und so mit gutem Beispiel vorangehen. Daneben können sie über Beratungen, Kampagnen und Förderprogramme auch den privaten Sektor ansprechen. In Aachen ist das sehr gut gelungen – etwa mit der Altbau-Plus-Initiative. Da ist Aachen landesweit mit Städten wie Münster oder Bonn ganz weit vorne.