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Aachen/Bonn: Wahlnacht im TV: Enttäuschung, Schrecken? Unprofessionell!

Aachen/Bonn : Wahlnacht im TV: Enttäuschung, Schrecken? Unprofessionell!

Es ist eine Nacht, die selbst den gestandenen Profis beim Fernsehsender Phoenix Ausdrücke der Fassungslosigkeit ins Gesicht geschrieben hat: Die Frage „Trump oder Clinton“ ist beantwortet. Die Experten — sei es in Ton, Technik, Moderation oder als Politikwissenschaftler zur Einordnung — , stellen sich die Frage nach dem Warum. Nur die Simultandolmetscher bleiben oberflächlich kalt, unberührt, gelassen — dabei sind sie es, die die hartgesottenen Beobachter fast ununterbrochen durch die Wahlnacht begleiten.

„Gefühle und Befindlichkeiten haben bei dieser Arbeit aber keinen Raum. Wenn man sich in seinen Gedanken verliert — nur einen kleinen Moment — dann hinkt man schon einen halben Satz hinterher“, sagt Norbert Heikamp, politischer Dolmetscher. Im Phoenix-Studio in Bonn gibt es in der ganzen Wahlnacht Programm. Das Signal des amerikanischen Senders CBS wird mit 20 Sekunden Verzögerung ausgestrahlt.

In den Werbepausen wird das Programm live mit Einschätzung von Prof. Thomas Jäger, Politikwissenschaftler der Universität Köln, und Andrew Dennsion, amerikanischer Politologe, der in Deutschland lebt, ergänzt. Die 20 Sekunden Verzögerung in der Programmübertragung gehören Heikamp und seinen drei Kollegen. In dieser Zeit sprechen sie gleichzeitig mit den amerikanischen Experten — und übersetzen.

„Es ist eine besondere Herausforderung“, sagt Heikamp. Im Gegensatz zu politischen Reden wechseln die Sprechenden ständig und fallen sich gegenseitig ins Wort. Um die Übersetzung leisten zu können, braucht es höchste Konzentration, stilles Wasser (damit der Mund nicht austrocknet) und eine besondere Fähigkeit, etwas, das Heikamp „antizipatorische Approximation“ nennt: „Wenn der Sprecher zu Reden beginnt, habe ich in meinem Kopf schon eine Erwartung, wie der Satz zu Ende geht — ich darf sie aber erst aussprechen, wenn es auch tatsächlich so gesagt wurde.

Etwa eine Stunde sprechen Heikamp und seine Teampartnerin Kathrin Jahrreiß durchgehend. Dann werden die beiden abgelöst und können sich eine Stunde erholen, bevor sie wieder in die kleine Kabine gehen, sich ihre Kopfhörer aufsetzen und 60 Minuten nur noch als Instrument fungieren, das „den Ton im Ohr aufnimmt und aus dem Mund wieder herauslässt“, sagt Heikamp und lacht.

In gewisser Weise müsse man auch eine Art Experte sein. Wenn man sich in der Sache nicht auskenne, könne man Themen wie die wirtschaftliche Lage in Amerika und ihren Einfluss auf die Wählerschaft nicht angemessen übersetzen. Die Enttäuschung, den Schrecken darüber, was sich da über Stunden in der CBS-Übertragung abzeichnet, darf Heikamp nur in den Pausen an sich heranlassen.

Auch wenn das Ergebnis für ihn Folgen hat: In den kommenden vier Jahren wird er eine andere Sprache sprechen. „Die Reden von Obama waren mir immer sehr lieb“, sagt er. Der 44. US-Präsident habe sich immer klar und pointiert ausgedrückt. Mit Trump werden Heikamp und Kollegen ihren Wortschatz anpassen müssen.