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Das politische Buch: Von der Macht der politischen Sprache

Das politische Buch : Von der Macht der politischen Sprache

Die Macht der Sprache und der bewusste Missbrauch von Worten im politischen Kampf: Der Politikwissenschaftler David Ranan hat zu diesem Thema einen spannenden Essayband herausgegeben.

Die politische Sprache ist ein machtvolles Instrument. Sie be­stimmt unseren Blick auf den Lauf der Dinge. Sie lenkt unser Denken und unsere Gefühle. Sie kann präzise und differenziert sein. Sie kann aber auch täuschen, verwirren und manipulieren. Bisweilen ist sie sogar tödlich.

Die politische Sprache ist durchsetzt von Kampfbegriffen und Etiketten. Offensichtlich wird das in Wahlkämpfen, wenn Parteien mit simplen Schlagworten um sich werfen und die Medien diese ständig wiederholen. Doch auch in ruhigeren Zeiten – sollte es diese denn überhaupt noch geben – werden Begriffe gezielt eingesetzt, um politische Ziele zu erreichen. Oft sind es Worte, deren Bedeutung auf den ersten Blick eindeutig erscheinen. Aber was passiert mit Ihnen beim zweiten Blick?

 Den zweiten Blick wagt ein Buch des deutsch-britisch-israelischen Politikwissenschaftlers David Ranan. Es heißt „Sprachgewalt“, ist gerade im Dietz-Verlag erschienen und untersucht den Gebrauch, vor allem aber den häufigen Missbrauch von Begriffen. In dem Sammelband beschäftigen sich 28 Autorinnen und Autoren – darunter Koryphäen wie der Holocaust-Forscher Amos Goldberg, der Erziehungswissenschaftler Micha Brumlik oder aber der Politiker Gregor Gysi – in kürzeren Essays jeweils mit einem „charismatischen Wort“. Etwa mit den gängigen Begriffen Freiheit, Wahrheit, Demokratie oder Sozialismus. Was bedeuten sie tatsächlich? Was ist unter Fake News, Populismus, Islamismus, Antisemitismus, Zionismus, Apartheid, Kolonialismus oder Faschismus genau zu verstehen? Wo kommen die Begriffe her, wie hat sich ihre Bedeutung im Laufe der Jahre gewandelt, wer benutzt sie heute wie, wann und wozu?

 Ranan selbst untersucht in seinem Essay den Bedeutungsrahmen des Begriffs Terrorismus genauer. „Er ist eine emotionale Verpackung, mit der Feinde gekennzeichnet werden“, sagt der Politologe. Wer von Regierungen mit diesem Etikett belegt werde, müsse um sein Leben fürchten. „Gruppen und Einzelpersonen als Terroristen zu definieren, kommt einer Lizenz zum außergerichtlichen Töten gleich“, betont Ranan. Damit würden die gesellschaftlichen Hemmschwellen gegen staatliche Gewalt gezielt gesenkt. Der 76-jährige Mitarbeiter des Zentrums für Antisemitismusforschung in Berlin, der vor seiner wissenschaftlichen Karriere Jahre für den israelischen Geheimdienst tätig war, warnt deshalb vor einem unscharfen, inflationären, leichtfertigen Gebrauch des T-Wortes und verweist auf einen Satz des ehemaligen US-Präsidenten Ronald Reagan: „Des einen Terroristen ist des anderen Freiheitskämpfer.“

Überraschende Erkenntnisse

Die 28 Einzelanalysen des Buch sind durchweg von sehr hoher Qualität. Sie verknüpfen Begriffsgeschichte mit Realgeschichte. Immer wieder macht der Leser die überraschende Erfahrung, dass manches anders ist, als es zunächst erscheint.

 Einst schrieb George Orwell: „Politische Sprache wird gestaltet, um Lügen wahrhaftig und Mord respektabel klingen zu lassen und leerem Geschwätz Aufmerksamkeit zu verschaffen. Man sollte begreifen, dass das gegenwärtige politische Chaos mit dem Verfall der Sprache zusammenhängt und dass sich eine Verbesserung wahrscheinlich dadurch erreichen ließe, bei seinem verbalen Ende anzufangen.“ Ranan hat den Ball des britischen Schriftsteller aufgenommen – 75 Jahre später. „Sprachgewalt“ ist ein spannendes, hochinteressantes Plädoyer für einen kritischen Blick auf unseren Sprachgebrauch.