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Das politische Buch: Vom Krieg überrascht

Das politische Buch : Vom Krieg überrascht

Der emeritierte Aachener Politologe Winfried Böttcher hat vor wenigen Tagen ein Buch über das Verhältnis zwischen Russland und dem Westen veröffentlicht. Ihm ist der Schock über Putins Angriffskrieg anzumerken.

Der Krieg hat offenbar auch den Autoren überrascht. Winfried Böttcher, emeritierter Professor für Politische Wissenschaft an der RWTH Aachen, hat vor wenigen Tagen ein neues, schnell konzipiertes Büchlein veröffentlicht. In ihm skizziert der langjährige wissenschaftliche Direktor des Klaus Mehnert Instituts an der Universität Kaliningrad das Verhältnis zwischen Russland und dem Westen. Die Schreibaufnahme liegt wohl in den Tagen um den Jahreswechsel, als sich die Stimmung zwischen Moskau, Brüssel und Washington rapide verschlechterte und die Tonlage immer aggressiver wurde.  

Der 86-jährige Böttcher hakt dort ein. Sein Text bemüht sich zunächst um Deeskalation, verweist darauf, dass Russland ein integraler Bestandteil Europas ist und wirbt dafür, auch einmal die Perspektive Moskaus einzunehmen.

Kurz streift der Emeritus russische Sicherheitsängste, spricht von Fehlern des Westens in der Zeit nach dem Zusammenbruch des Warschauer Paktes und versucht zu erklären, warum Kreml-Chef Wladimir Putin in den vergangenen Jahren zunehmend härter, autoritärer und aggressiver regiert hat.

Zudem wirft Böttcher ein kurzes Schlaglicht auf das besondere Verhältnis Russlands zu seinem südlich-westlichen Nachbarn und entwirft Vorschläge für eine neutrale Ukraine.  Schwarz-Weiß-Denker würden ihn wohl für einen „Putin-Versteher“ halten, obwohl Böttcher mehrfach betont, dass zwischen „Verstehen“ und „Verständnis haben“ deutliche Unterschiede liegen. 

Doch dann der 21. und der 24. Februar – zunächst Putins Anerkennung der Separatistengebiete und dann sein Überfall auf die Ukraine. Wie viele andere Experten ist auch Böttcher geschockt und überrascht.

Mitten in seinem Büchlein ändert er die Tonlage und zwar radikal. Sein Text wird zu einer Philippika gegen den „kaltblütigen, skrupellosen Machtmenschen“ Putin, der „rational und eiskalt“ seine Ziele verfolgt. Böttcher fordert nun, „die Europäer sollten sofort damit beginnen, ihre Verteidigungsfähigkeit, im Zweifel ohne die USA, sicherzustellen“. Putins Ukraine-Krieg interpretiert er jetzt als Systemkonfrontation, als eine Auseinandersetzung zwischen autokratischen und demokratischen Vorstellungen.

Doch an einem hält der Politikwissenschaftler weiter fest: Sobald die Waffen schweigen, muss damit begonnen werden, eine neue Vertrauensbasis zwischen dem russischen Volk und den anderen Völkern Europas aufzubauen – mit oder ohne Putin.  

Böttchers Buch „Russland und der Westen“ ist im Romeon Verlag (Jüchen) erschienen. Kostenpunkt: 13,95 Euro.