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Berlin: Verantwortlich: Das wichtigste Wort des Journalisten

Berlin : Verantwortlich: Das wichtigste Wort des Journalisten

„Ich will, dass Journalismus eine Zukunft hat. Ich möchte, dass Verlage auch in der digitalen Welt noch eine wichtige gesellschaftspolitische Rolle spielen. Und ich werde deshalb dafür kämpfen, dass Verlage auch im Jahr 2050 noch ein gesundes und attraktives Geschäftsmodell haben. Ohne Geschäftsmodell keine gesellschaftspolitische Rolle. Und die ist wichtig. Denn eine Demokratie braucht unabhängige, kritisch recherchierende Journalisten.“

Kein langatmiges Wehklagen, kein Jammern, keine Schuldzu­weisungen, sondern Aufbruch, Optimismus, Mutmachen: Der neue Präsident des Bundesverbandes Deutscher Zeitungsverleger (BDZV), Mathias Döpfner, hat, so haben es manche nach seiner Rede zum Auftakt des Zeitungskongresses in Berlin formuliert, eine Ruck-Rede gehalten, die die Branche geradezu aufwecken soll, und den Inhalt kann man auf die Devise reduzieren: Begreift die Digitalisierung der Welt vor allem als Chance und nicht nur als Risiko! Habt mehr Selbstbewusstsein! Verändert etwas!

Wir dokumentieren Auszüge aus der Rede des vor wenigen Wochen neu gewählten BDZV-Präsidenten und Vorstandsvorsitzenden des Springer-Konzerns.

Der Journalist: „Journalisten sind fehlbar — wie alle anderen Menschen auch. Manchmal verlogen, manchmal selbstgerecht. Aber Journalisten haben einen Ethos, der sie grundlegend von anderen Berufen unterscheidet: Ihr Ansporn ist es, der Wahrheit auf die Spur zu kommen, sogar dann, wenn die Veröffentlichung der Wahrheit sie selbst bis auf die Knochen blamiert. Kein anderer Beruf ist von diesem Ethos so durchdrungen wie wir. Ärzte nicht, Polizisten nicht, Politiker nicht, und Manager nicht.“

Die sogenannte Lügenpresse: „Als Lügenpresse müsste man uns bezeichnen, wenn wir den Irrtum verschweigen und fortsetzen würden. Erst dann, wenn fahrlässiger Irrtum in vorsätzliche Lüge umschlüge. Doch das Gegenteil war der Fall. Wir Journalisten, vor allem Zeitungen und öffentlich-rechtliche Fernsehsender, haben unsere Irrtümer erkannt, sie korrigiert und ihretwegen in aller Öffentlichkeit um Entschuldigung gebeten. Weder Polizei noch Politik haben ihre Fehler von Köln so schonungslos und schnell eingestanden, ausgewertet, dokumentiert und dafür gebüßt.“

Die Zukunft: „Der neue Mega-Trend heißt: Social Distribution. Oder, um es im Zeitungsjargon zu formulieren: Das Grosso heißt jetzt Facebook. Es gibt die ersten Medienmarken, die auf eine Webseite ganz verzichten, die den Vertrieb ihrer Inhalte zu hundert Prozent über Social Media organisieren... Social Distribution ist der Vertriebsweg der Zukunft. Hier ein Geschäftsmodell zu etablieren, muss eine Priorität des BDZV werden.“

Die Verantwortung: „Wir Verlage treten für das ein, was wir zeigen und schreiben. ViSdP sind die stolzesten fünf Buchstaben unserer Welt: Verantwortlich im Sinne des Presserechts. Verantwortlich ist das erste und wichtigste Wort. Wenn wir etwas Falsches schreiben, müssen wir es korrigieren. Wenn jemandem dadurch Schaden entsteht, müssen wir gegebenenfalls Schadensersatz zahlen. Das ist nicht angenehm, aber richtig. Das Prinzip Zeitung ist das Prinzip Verantwortung. Und unter anderem dafür wollen wir bezahlt werden.“

Das System: „Wir wollen nicht systemrelevant sein, sondern nur relevant für das System. Und relevant für das System sind wir, indem wir es kritisieren. Damit es noch besser wird. Wir wollen nicht gerettet werden wie die Banken. Und ich bin sicher: Wir müssen nicht gerettet werden. Rettung schafft Abhängigkeit und kostet Freiheit. Eine gerettete Presse ist keine mehr. Wir wollen auch keine Subventionen. Wir wollen die Herausforderungen des Wandels aus eigener Kraft meistern.“

Das Geschäft: „Und was ist unser Geschäft? Das Bedrucken von Papier mit Nachrichten? Das tun wir. Und immer noch mit großem Erfolg. Und das wird auch noch länger einträgliche Renditen erwirtschaften, als viele Pessimisten in den letzten Jahren prognostiziert haben. Aber wachsen wird dieses analoge Geschäft, von ganz wenigen Ausnahmen abgesehen, nicht mehr. Was also ist unser Geschäft? Ich meine: Zeitungsjournalismus. Unabhängige, kritische Recherche und relevante Information sowie gute Unterhaltung. Verantwortliche Absenderschaft. Und dieses Geschäft hat in der digitalen Welt seine besten Zeiten vielleicht noch vor sich.“

Der Inhalt: „Heute sind alle Bildschirme gleich. Es geht nur noch um den Inhalt. Und die Frage: Finden unsere Leser das wichtig und interessant, was wir publizieren? Und finden sie das, was wir publizieren? Ich meine: Das ist für jeden Journalisten, für jeden echten Verleger eine gute Nachricht. Und gerade für kleine Verlage mit Special-Interest-Angeboten und für Regionalzeitungen bieten sich hervorragende Chancen. Denn je spezifischer oder je regionaler der Inhalt ist, desto schwerer ist er durch andere zu ersetzen.“