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Umfrage: Ungeimpft aus Trotz

Umfrage : Ungeimpft aus Trotz

Eine aktuelle Umfrage zeigt, dass Menschen, die sich bisher nicht immunisieren ließen, auch kaum umzustimmen sind. Unter anderem die Furcht vor Spätfolgen hält sie ab. Trotzdem kann die Politik etwas tun.

Nun tritt also zutage, wie schwer erreichbar Menschen mit ablehnender Haltung zum Impfen tatsächlich sind: Unter denen, die sich in Deutschland bisher gegen eine Immunisierung entschieden haben, gibt in einer aktuellen Umfrage eine große Mehrheit an, sich voraussichtlich auch nicht mehr zu einer Impfung bewegen zu lassen.

Bei der Online-Befragung unter 3000 Teilnehmern, die das Meinungsforschungsinstitut Forsa im Auftrag des Bundesgesundheitsministeriums vorgenommen hat, sagten 65 Prozent der Befragten, sie wollten sich „auf keinen Fall“ in den nächsten zwei Monaten impfen lassen. 23 Prozent tendierten zu „eher nein“. Lediglich zwei Prozent wollten sich „auf jeden Fall“ noch impfen lassen. Die restlichen zehn Prozent hätten sich eher unentschlossen geäußert oder hielten eine spätere Impfung „eher“ für möglich.

Ein weiteres Ergebnis ist für den Fortgang der Impfkampagne genauso ernüchternd: 89 Prozent gaben an, es habe keinerlei Einfluss auf die eigene Impfbereitschaft, wenn die Intensivstationen erneut an Kapazitätsgrenzen stoßen. Die Gründe der Ungeimpften haben vor allem mit Vertrauen zu tun. Eine große Mehrheit hält die Impfstoffe laut Umfrage für zu wenig erprobt (74 Prozent) und befürchtet Langzeitfolgen (62 Prozent). Hinzu kommt Skepsis gegenüber der Wirksamkeit der Impfstoffe. Insbesondere führt eine große Mehrheit (63 Prozent) an, dass auch Geimpfte sich mit Corona infizieren und andere anstecken können.

Die Politik muss also zwei Befunde zur Kenntnis nehmen: Die Impfkampagne erreicht einen Teil der Bevölkerung weiterhin nicht, egal was die Pandemie anrichtet. Und: Die Hauptursache dafür ist Misstrauen. Anscheinend ist es nicht gelungen, die Risikoabwägung, die jeder Bürger treffen muss, auf realistischen Boden zu stellen. Nur das erklärt, warum die statistisch schwer zu begründende Angst vor dem Impfstoff größer ist als die statistisch naheliegende Angst vor einer potenziell tödlichen Krankheit.

Bezeichnenderweise beziehen sich viele Impfskeptiker vor allem auf die Langzeitfolgen. Das ist so diffus wie schwer zu widerlegen, denn natürlich gibt es über die Zukunft keine Daten. Wenn dann noch Prominente wie der Fußballer Joshua Kimmich entsprechende Bedenken äußern und mit ihrem Beispiel die Impfkampagne infrage stellen, verstärkt das die Hartnäckigkeit der Zweifler. Welche Expertise ein Fußballer besitzt, ist dann zweitrangig. Gerade sein besonnenes Auftreten kann jene bestärken, die eben keine rechten Krakeeler und Pandemieleugner sind. Nur Skeptiker. Mit diesen oder jenen Bedenken.

Das Bundesgesundheitsministerium reagiert verhalten auf die Ergebnisse der Umfrage. Sie zeige, dass es zur Impfung nicht an Gelegenheit oder Information mangele, erklärte ein Sprecher auf Anfrage. Die Ungeimpften misstrauten dem Staat und/oder dem Impfstoff. Man setze aber weiter auf die Kraft des Arguments. Allerdings sind Befragungen keine Sachstandserhebungen, sondern Stimmungsmesser – mit unterschiedlichen Ergebnissen.

„Wir haben unsere Befragungen in drei Wellen vorgenommen und jeweils dieselben Menschen befragt. Dabei haben wir festgestellt, dass etwa 15 Prozent der Befragten angeben, sich nicht impfen lassen zu wollen, es waren aber nicht immer dieselben Menschen“, sagt die Verhaltensökonomin Katrin Schmelz vom Exzellenzcluster zur Ungleichheit an der Uni Konstanz. Wie Befragte sich zum Impfen verhalten, sei stark davon abhängig, wie groß ihr Vertrauen in Regierung und öffentliche Institutionen sei. Nur ein sehr kleiner Teil der Befragten, etwa fünf Prozent, äußere sich konstant gegen das Impfen. Auch zeigen die Befragungen an ihrem Institut, dass die Bereitschaft, sich doch noch impfen zu lassen, sogar geringer wird, wenn eine Impfpflicht ins Spiel kommt.

„Es kommt also darauf an, Vertrauen zu schaffen, wenn man die Impfquote steigern will“, sagt Schmelz, „den Druck zu erhöhen, kann den Widerstand verfestigen.“ Zu dieser These passt, dass das Aus für kostenlose Corona-Tests nicht die erwartete Steigerung der Impfquote gebracht hat. Womöglich haben die jüngsten Regeln, die Menschen indirekt zur Impfung bewegen sollten, bei einigen sogar zu Trotzreaktionen geführt.

Schmelz geht davon aus, dass Misstrauen und Angst die Hauptursachen für eine Entscheidung gegen das Impfen sind. Darum plädiert sie dafür, das Thema, das eine Gesundheitsfrage ist, weniger politisch anzugehen. Ärzte sollten mehr gehört werden, nicht Politiker. Was die Angst vor Langzeitfolgen oder die Einschätzung von Impfdurchbrüchen angeht, müsse weiter niederschwellig Aufklärungsarbeit geleistet werden.

„Natürlich gibt es dazu alle Informationen. Jeder könnte wissen, dass ein Impfdurchbruch zwar bedeutet, dass ein Mensch sich trotz Impfung infiziert, dass er aber keine lebensgefährliche Erkrankung fürchten muss – anders als Ungeimpfte, die sich anstecken“, sagt Schmelz. Man müsse diese Informationen aber niederschwellig zugänglich machen. Und wirkungsvoller sei es, wenn Menschen etwa von ihrem eigenen Arzt informiert würden. „Man kann eben nicht davon ausgehen, dass Leute von sich aus versuchen, ihre Fragen auf den Seiten des Bundesgesundheitsministeriums zu beantworten“, sagt Schmelz.

Es ist ein Drama, wenn ungeimpfte Menschen auf Intensivstationen landen, für die Betroffenen, die Pflegenden, die Solidargemeinschaft. Mit Druck, Drohung, moralischen Appellen aber wird dem nicht beizukommen sein. Vertrauen zu schaffen, ist immer ein Langzeitprojekt.