Aachen/Berlin: Ulla Schmidt fordert: „Mehr Frauen in den Bundestag“

Aachen/Berlin: Ulla Schmidt fordert: „Mehr Frauen in den Bundestag“

Die politische Karriere begann mit einem Spruch: „So hässlich bist du doch gar nicht, dass du in die Politik gehen musstest“, wurde Ulla Schmidt von einem SPD-Genossen am Anfang der 90er Jahre begrüßt. Das Zitat ist ein paar Jahre alt, die Debatte über den alltäglichen Sexismus ist gerade wieder aktuell.

Und die Aachener Abgeordnete und Bundestagsvizepräsidentin, vertritt klare Positionen — auch im Gespräch mit Redakteur Christoph Pauli.

Sie kommen gerade von einer Dienstreise aus den USA. In dem Land haben auch Frauen einen Präsidenten gewählt, der sich unglaublich zynisch und frauenfeindlich äußert. Warum findet er dennoch Zustimmung?

Schmidt: Das ist für mich auch kaum nachvollziehbar. Trump ist ja nicht nur offensichtlich frauenfeindlich, er ist auch rassistisch, er verachtet Gruppen, die er für minderwertig hält. Immer noch gibt es einen Kampf der weißen Männer, die um ihre Privilegien gegenüber Frauen und auch gegenüber der schwarzen Bevölkerung fürchten. Trump wurde auch von Frauen gewählt, die gar nicht an einer Gleichstellung interessiert sind. Unverändert gibt es nicht nur Männer, sondern auch Frauen, die zum Beispiel Vergewaltigung in der Ehe hinnehmen.

In der BRD ist das seit genau 20 Jahren unter Strafe gestellt worden, als es eine fraktionsübergreifende Initiative gab, an der Sie federführend mitgewirkt haben. Registrieren Sie ein anderes Frauenbild?

Schmidt: Es gibt eindeutig mehr Sensibilität gegenüber Frauen. Die plumpe Anmache, die ich als junge Politikerin erlebt habe, kommt seltener vor. Es ist die Ausnahme, nicht mehr der Alltag.

Je weiter Frauen in männliches Terrain vordringen, desto drastischer erfolgt die Gegenreaktion. Viele moderne Frauen möchten darauf vertrauen, dass dieses Denken eine Generationenfrage sei und sich im Lauf der Zeit von selbst überholt.

Schmidt: Zumindest die jüngere Männer-Generation ist anders aufgewachsen. Sie hat ein anderes Frauenbild. Aber damit sind nicht alle Vorurteile beseitigt. Bis heute werden Frauen immer noch anhand ihres Äußeren beurteilt. Wer gut aussieht, wird gleichzeitig als ein bisschen dumm eingestuft. Es funktioniert aber nicht mehr so flächendeckend. Dazu hat beigetragen, dass es mehr Frauen in wichtigen Funktionen gibt. Der Sohn einer Kollegin hat letztens gefragt, ob Martin Schulz wirklich Kanzler werden kann? Er kannte nur Angela Merkel in dem Amt.

Haben Sie diese Frauenfeindlichkeit am eigenen Leib in Ihrer Karriere erlebt?

Schmidt: Sexismus bedeutet nicht automatisch sexuelle Übergriffe, sondern die Bewertung aufgrund des Geschlechts und nicht der individuellen Fähigkeiten. Dem sind Frauen auch heute nach wie vor ausgesetzt. Er beginnt schon mit der Frage: Kann die Frau diese Aufgabe überhaupt bewältigen? Diese Frage habe ich noch nie über einen Mann gehört. Oder wird gefragt, ob ein Mann seine familiären Pflichten vernachlässigt, wenn er eine Aufgabe übernimmt?

Bei Angela Merkel wird immer noch über Frisur und Falten berichtet. Ich kenne nicht einen Artikel, der sich mit den Gesichtszügen von Horst Seehofer oder Markus Söder beschäftigt. Das ist der Alltags-Sexismus. Wenn Frauen sich streiten, ist das Zickenkrieg, wenn sich Männer in der CSU in einem unfassbaren Maße streiten, wird das als eine politische Auseinandersetzung registriert. Sie waren fast neun Jahre selbst eine exponierte Ministerin. Haben Sie Themen wie Kleidung, Haare, Figur begleitet?

Schmidt: Am Tag meiner Vereidigung als Gesundheitsministerin gab es abends bei Sat 1 eine Diskussion. Die Frage tauchte auf: „Kann eine Frau dieses Amt überhaupt bekleiden, es geht ja schließlich um viel Geld?“ Es war nicht zu fassen. Wäre die Frage gestellt worden, wenn ein Ulrich Schmidt Minister geworden wäre? Dann wurde sich mit meiner Tonmelodie beschäftigt und anderen Nebensächlichkeiten. Es sind Machtspiele, weil eine Frau in eine Männerdomäne eingebrochen war. Dieser Sexismus verschwindet erst, wenn sich eine Frau fachlich über einen Zeitraum beweist.

Ist Politik nicht unverändert ein vermintes Feld, weil der Männeranteil so hoch ist?

Schmidt: Meine Antwort ist, dass mehr Frauen in den Bundestag einziehen müssen. Wir brauchen einen gleichberechtigten Geschlechtereinfluss, eine gleiche Verteilung von Macht und Einfluss — das ist auch eine Frage der Demokratie.

Registrieren Sie im Bundestag einen unterschiedlichen Umgang mit Frauen in den einzelnen Parteien?

Schmidt: Bei SPD und bei den Grünen würde sicher kein Mann eine sexistische Bemerkung wagen. Je mehr Frauen in den Fraktionen sind, desto größer ist die Hemmschwelle. Bei der AfD mit acht Frauen ist die Rolle wohl eine andere.

Soziologen beobachten, dass in Debatten Redebeiträge von Frauen gern ignoriert werden. Wenn eine Frau das Gleiche oder das Gleiche besser gesagt hat, beziehen sich die die Männer fast nie auf die Frau — sondern auf den Mann. Ist das auch Ihre Beobachtung?

Schmidt: Definitiv. Männer beziehen sich fast nur auf Männer.

Sie haben als Bundestagsvizepräsidentin den Überblick: Steigt der Lärmpegel, wenn Frauen ans Rednerpult treten?

Schmidt: Das ist nicht mehr so. Der Bundestag hat einen weiten Weg hinter sich gebracht. Was war das für ein Aufstand, als die erste Frau im Bundestag im Hosenanzug redete (14. Oktober 1970; d. Red.), oder wenn die Grüne Waltraud Schoppe über Feminismus referierte? Die Zeit der Pöbeleien, wenn eine Frau ans Rednerpult geht, ist vorbei.

Im Düsseldorfer Landtag haben in der letzten Legislaturperiode zwölf SPD-Frauen einen Coach engagiert und an seinem „Arroganztraining“ teilgenommen. Sie haben Schlagfertigkeit und das konkrete Verhalten in Situationen geübt. Gibt es solche Initiativen auch im Bundestag?

Schmidt: Ich will das nicht ausschließen, habe aber noch nie davon gehört.

Warum schweigen so viele Sexismus-Opfer, warum melden sie sich nur großflächig, wenn es eine Protestwelle gibt?

Schmidt: Weil man als Frau immer die Folgen des Protest abwägen muss. Man muss damit rechnen, dass man anschließend öffentlich diskriminiert wird. „Sie hat es darauf angelegt“, ist immer noch eine übliche Reaktion. Waren Sie mal in einem Gerichtsverfahren, bei dem es um Vergewaltigung geht? Bis heute muss sie sich dort rechtfertigen. Um das aushalten zu können, muss man schon sehr stark sein.

Die wievielte Debatte über Sexismus erleben Sie gerade?

Schmidt: Es sind ungezählte, aber jede ist wichtig. Ich habe angefangen mit der Debatte über Frauenrechte, 1968/69, als die Frauen nach der Heirat zu Hause selbstverständlich bei den Kindern blieb. Die Unterdrückung der Frauen habe ich damals noch nicht gesehen. Je intensiver ich muss politisch interessiert und engagiert habe, desto wichtiger ist mir das Thema geworden. Frauen müssen in der Lage sein, sich ihre Existenz zu sichern. Erst das bedeutet Freiheit.