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Nanterre/Paris: Studenten-Revolte: Der erste Funke springt westlich von Paris über

Nanterre/Paris : Studenten-Revolte: Der erste Funke springt westlich von Paris über

An dem Ort, wo einst der erste Funke einer Bewegung entflammte, die sich bald wie ein Lauffeuer nach Paris und über ganz Frankreich verbreiten sollte, kokelt es genau 50 Jahre später wieder. Die Konsequenzen dürften dieses Mal weniger umstürzend sein als im legendären Frühjahr 1968 — und doch wirkt es naheliegend, einen geschichtlichen Bogen vom Damals zum Heute zu spannen.

Wochenlang haben Studenten den Eingang der Universität Nanterre mit Absperrungen, Stühlen und Tischen verbarrikadiert und teilweise dort kampiert. Prüfungen mussten verschoben werden, schließlich ließ der Präsident der Fakultät das Gebäude durch die Polizei räumen. Auf Plakaten begründeten Slogans den Protest: „Blockierte Uni für eine offene Uni“ stand auf einem. „Mai 68: Sie gedenken, wir machen weiter“ auf einem anderen. Die Studenten der Fakultät nordwestlich von Paris, wo vor 50 Jahren jene berühmt-berüchtigten Studentenproteste begannen, gehören erneut zu den aktivsten beim aktuellen Widerstand gegen ein geplantes Gesetz der Regierung, das den Hochschulzugang durch ein Auswahlverfahren einschränken soll.

Der Protest schwappt nach Paris: Nicht nur die dortigen Universitäten wie die Sorbonne wurden blockiert, sondern auch Barrikaden im Studentenviertel Quartier Latin errichtet (großes Bild). Einer der wortgewaltigen Anführer ist Daniel Cohn-Bendit (kleines Bild).
Der Protest schwappt nach Paris: Nicht nur die dortigen Universitäten wie die Sorbonne wurden blockiert, sondern auch Barrikaden im Studentenviertel Quartier Latin errichtet (großes Bild). Einer der wortgewaltigen Anführer ist Daniel Cohn-Bendit (kleines Bild). Foto: imago/United Archives, imago/ZUMA/keystone

Ihr Anliegen ist weitaus weniger umstürzlerisch als das ihrer historischen Vorgänger. Diese wollten die bestehende gesellschaftliche Ordnung als Ganzes umwerfen, rechneten mit konservativen Autoritäten und der Elterngeneration ab. Dass ihr Protest nur als ein schwacher Abglanz der damaligen Generalrevolte erscheint, geben die heutigen Studierenden zu.

Nanterre heute: Auch dieser Tage protestieren Studenten an der traditionell linken Universität. Die Stimmung ist aber weit weniger explosiv als in den 60er Jahren.
Nanterre heute: Auch dieser Tage protestieren Studenten an der traditionell linken Universität. Die Stimmung ist aber weit weniger explosiv als in den 60er Jahren. Foto: dpa

Vorwurf der „Hitler-Methode“

Die Situation sei nicht vergleichbar, sagt auch der Grünen-Politiker Daniel Cohn-Bendit. „Wir hatten 68 keine Angst vor der Zukunft. Wir sagten einfach: ‚Wir können unsere eigene Zukunft aufbauen, während Ihr uns Eure Welt aufzwängen wollt! Heute haben die Jungen Angst vor der Zukunft.“ Alles schien damals möglich — auch das Aberwitzige: „Was haben wir für Dummheiten erzählt, aber wir erzählten sie mit einem unglaublichen Charme“, sagt Cohn-Bendit, der seit jener Zeit, als sein Haarschopf noch nicht angegraut, sondern rotblond war, als „Dany le Rouge“ bekannt ist — „Dany, der Rote“.

Der 73-Jährige, der als einer der Wortführer im Frühjahr 1968 zur Ikone wurde, reagiert zurückhaltend auf die vielen Anfragen der Medien, die Stimmung von damals zu beschreiben: „Ich sehe nicht, warum ich 50 Jahre später immer noch davon anfangen sollte.“ Daher wollte er sich auch aus den Überlegungen über eine Form des Gedenkens durch Präsident Emmanuel Macron heraushalten, der selbst in Nanterre Philosophie studiert hat.

Dabei handelt es sich bei Cohn-Bendits Geschichte auch um die Geschichte des Landes. Der zunächst in Frankreich aufgewachsene Sohn deutscher Eltern, die als Juden vor den Nazis geflohen waren, hatte sich für Soziologie an der 1964 gegründeten Universität von Nanterre eingeschrieben, wo extrem linke Einstellungen stark unter den Studenten verbreitet waren.

Die abgeschiedene Lage abseits des Pariser Studentenlebens förderte den Zusammenschluss von Anarchisten, Maoisten und Marxisten noch. Eine erste Revolte gegen die Geschlechtertrennung in den Studentenwohnheimen und für bessere Studienbedingungen gab es bereits im November 1967; am 8. Januar 1968 kritisierte der damals 22-jährige Cohn-Bendit den Sport- und Jugendminister François Missoffe bei der Einweihung eines Uni-Schwimmbads für dessen „absurdes“ Weißbuch über die Jugend: „Sie verlieren kein einziges Wort über die sexuellen Probleme der Jugend!“ Dieser erwiderte: „Wenn Sie Probleme dieser Art haben, können Sie ja ins Schwimmbecken springen.“ Es sei eine „Hitler-Methode“, die Jugend mit Sport abzulenken, gab Cohn-Bendit zurück. Die Antwort brachte ihm nicht nur eine erste Berühmtheit ein, sondern auch eine Vorladung bei der Polizei.

De Gaulle reagiert

Die wachsenden Spannungen fanden einen ersten Höhepunkt am 22. März nach der Festnahme von Gegnern des Vietnam-Kriegs, die den Sitz der Bank American Express in Paris vandalisiert hatten. Im Protest gegen die Verhaftungen besetzten 142 Studenten das Verwaltungsgebäude der Uni Nanterre und gründeten auf Cohn-Bendits Initiative hin die „Bewegung 22. März“ mit einem harschen Manifest: „Die Zeit der friedlichen Aufmärsche ist vorbei. (…) Bei jeder neuen Stufe der Repression werden wir auf immer radikalere Weise zurückschlagen.“ Tatsächlich kamen die Inhaftierten frei. „Ab diesem Moment werden sich die Studenten der Stärke ihrer Bewegung bewusst. Sie gewinnen an Selbstvertrauen“, erklärt der Historiker Cédric Le Cocq.

In den kommenden Wochen nahm die Bewegung Fahrt auf und schwappte nach Paris, wo Studenten ihre Universitäten, allen voran die Sorbonne, blockierten. Auf der Straße kam es zu heftigen Tumulten und zahlreichen Festnahmen. Ein berühmt gewordenes Foto zeigt Cohn-Bendit gegenüber einem Polizisten, als der junge Student am 6. Mai auf dem Weg zu einem Disziplinarverfahren war.

Einige Wochen später sollte die Regierung in Paris nach einem Aufenthalt Cohn-Bendits in Berlin, wo dieser gefordert hatte, die französische Trikolore zu zerreißen und mit der Roten Fahne zu ersetzen, ein Aufenthaltsverbot gegen ihn erlassen. In einer spektakulären Aktion und begleitet von hunderten Studenten versuchte „Dany le Rouge“ dennoch das Überschreiten der Grenze, was ihm später auf illegale Weise gelingen sollte.

Längst hatten da bereits tausende Demonstranten im Studentenviertel Quartier Latin Barrikaden errichtet, türmten Pflastersteine auf, setzten Autos in Brand. Auch durch die gewaltsame Reaktion der Behörden erfasste die Bewegung weitere Teile der Bevölkerung — Schüler, Arbeiter, Künstler schlossen sich an. Es kam zu Streikbewegungen und Massendemos, die Regierung wurde zum Rücktritt aufgefordert.

Präsident Charles de Gaulle bekam die Situation nur langsam in den Griff, als er auf die Forderungen von Reformen im Bildungswesen einging, Lohnerhöhungen und soziale Zugeständnisse versprach: Der Mindestlohn stieg um 35 Prozent, die anderen Löhne um sieben Prozent, in Unternehmen wurden Gewerkschaften und Betriebsräte verankert. In der Folge galten Homosexualität und Schwangerschaftsabbruch nicht mehr als Verbrechen, Frauen durften ohne Zustimmung ihrer Männer ein Bankkonto eröffnen.

Auch wenn Teile der Konservativen in Frankreich heute die Zeit der 68er als jene des Chaos interpretieren, die eine wohltuende Ordnung dauerhaft zerstörte, so haben 60 Prozent der Franzosen ein positives Bild von dieser Bewegung — einer französischen Revolution, die weniger blutig verlief als jene von 1789.