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Aachen: So viel Marx war nie: Trier schlägt Kapital aus dem Autor

Aachen : So viel Marx war nie: Trier schlägt Kapital aus dem Autor

Von einem „vergifteten Geschenk“ sprechen manche in Trier. Die Volksrepublik China hatte 2017 angeboten, der Stadt, in der Karl Marx am 5. Mai 1818 geboren wurde, eine überlebensgroße Bronzestatue zu schenken. Die mehr als fünf Meter hohe Skulptur (4,40 Meter hoher Marx plus Sockel) hat bei Stadtrat und Bürgerschaft seit Bekanntwerden der Absichten aus Peking für heftige Diskussionen gesorgt.

Und seltsame Koalitionen gebildet: Als Gegner der Statue waren beispielsweise FDP und AfD Seit’ an Seit’ auszumachen.

Nur wenige Tage vor der Aufstellung der Statue am Freitag, 13. April, war auf einer von Gegnern für Gegner organisierten Veranstaltung vom „sechs Meter hohen Monstrum“ die Rede, das kein Denkmal und kein Kunstwerk sei, sondern ein „Propagandainstrument Chinas“. So die chinesische Autorin Tienchi Martin-Liao. „Die Chinesen verschenken nicht einfach so irgendwas.“ Wie andere Podiumsteilnehmer erinnerte auch sie an die vielen Opfer, die es im Namen von Marx gegeben habe.

„Überall hat man Marx entsorgt, nur hier wird er neu aufgestellt.“ Darüber seien zahlreiche Opfer des Kommunismus empört, sagte Hubertus Knabe, Leiter der Gedenkstätte Berlin-Hohenschönhausen, die an das Schicksal politisch Gefangener in der ehemaligen DDR erinnert. Er hatte die Diskussionsveranstaltung in Trier organisiert. Er schlug vor, als Symbol die Statue nicht aufzustellen, sondern quer zu legen und so an die Opfer sozialistischer Diktaturen zu erinnern.

Es ist auch hier wie immer, wenn es um Karl Marx geht: Er polarisiert. Dennoch kann eine Stadt wie Trier nicht am heutigen 200. Geburtstag ihres berühmtesten Sohnes vorbeigehen. Der Streit um die Statue ist nur ein Kristallisationspunkt. Und wenn Baudezernent Andreas Ludwig darauf verweist, dass jährlich rund 50 000 Touristen aus China die Geburtsstadt des Autors von „Das Kapital“ und dem kommunistischen Manifest („Proletarier aller Länder, vereinigt Euch!“) besuchen, wird spätestens dann deutlich, dass das Geburtstagsjubiläum eine Marketingchance für die Stadt ist, die diese auf vielfältige Art nutzt.

Man kann mit Marx als Quietscheentchen baden gehen, Kapital in der Marx-Spardose anhäufen oder aber ein Marx-Bier trinken. Aber anders als Bonn mit Ludwig van Beethoven, Aachen mit Karl dem Großen oder Salzburg mit Wolfgang Amadeus Mozart ist Marx mit seinem Lebenswerk nicht so leicht zu vermitteln.

Ausstellungen zum Leben und Werk Marx'

Mehrere Ausstellungen, die sich mit Leben und Werk des Geburtstagskindes beschäftigen, sind ein solcher Vermittlungsversuch. Ob allerdings der Originallehnstuhl des Denkers in seinem Geburtshaus oder das private Exemplar der Erstausgabe von „Das Kapital“ und handschriftliche Notizhefte in der Landesausstellung dieser Vermittlung dienen?

Immerhin bieten sie inmitten von Ökonomie und Philosophie, Propaganda und Historie etwas Sinnliches. Und immerhin ist auch zu erfahren, dass vor 150 Jahren — im September 1867 — in Hamburg der erste Band von „Das Kapital“ erschien. Heute zählt dieses zentrale Marx-Werk zum Unesco-Weltdokumentenerbe. Es gehört zudem neben der Bibel zu den auflagenstärksten Büchern der Welt und zugleich zu den einflussreichsten und meistdiskutierten.

Allen Bedenken zum Trotz

Ergänzende Aktionen runden den Eindruck ab, die Römerstadt werde zumindest für dieses Jahr zur „Karl-Marx-Stadt“, allen Bedenkenträgern zum Trotz, die wegen der teils schrecklichen Auswirkungen seiner Theorien mehr Zurückhaltung erwartet hätten. Kritiker sprechen von einem Festival zwischen Kitsch und Kommerz. Dass die Ampelmännchen in der Grünphase den Besuchern den Weg zum Geburtshaus von Marx in der Brückenstraße weisen, ist da die eher harmlose Spielart.

Denn es gibt noch so vieles mehr: Als quietschgelbes Badeentchen mit grauem Rauschebart ist Marx in Trier zu bekommen. An sein ökonomisches Werk erinnert „Das Kapital“, das die Marx-Ente samt Schreibfeder hält. „Sie kommt sehr gut an — ein Hingucker“, sagt Erfinder Georg Stephanus. Heute gingen die Leute „völlig unvoreingenommen“ mit Marx um. Da könne man locker auch witzige Produkte auflegen.

Oder man geht mit Marx etwas trinken: Das geht nun in Chemnitz — das zu DDR-Zeiten Karl-Marx-Stadt hieß — mit einem neuen Bier namens „Marx Städter“. Das Pils ist seit Anfang März auf dem Markt. In Trier gibt es einen roten Karl-Marx-Wein, ein weiterer Weißer soll bald folgen. Und wer Trinkgefäße will, kann Tassen mit dem Marx-Kopf, Zitaten, Sprüchen („Kaffeetrinker aller Länder vereinigt euch“) oder mit roten und grünen Marx-Ampelmännchen kaufen.

In Trier kann man — aber nur zum Spaß — mit Marx bezahlen. Das ist mit dem Null-Euro-Schein möglich. Der Schein mit dem Porträt des Philosophen sei so ein Renner, dass die erste Auflage von 5000 Stück ruckzuck ausverkauft war, sagt Hans-Albert Becker von der Tourist-Information Trier. „Er ging in die ganze Welt, bis Südamerika und Australien.“ Seit kurzem gibt es aber Nachschub. Übrigens: Der Null-Euro-Schein kostet drei Euro.

Wer mit Karl Marx wirklich bezahlen will, muss eine Kreditkarte der Sparkasse Chemnitz besitzen: Auf ihr ist der monumentale Karl-Marx-Kopf („Nischel“) der Stadt zu sehen ist. „Das ist immer noch unser auflagenstärkstes Motiv“, sagt Sprecher Roger Wirtz. „Und es ist die Kreditkarte, die über regionale Grenzen hinaus Beachtung gefunden hat.“ Es gebe Kunden aus Österreich und aus Trier, die eigens nach Chemnitz gekommen seien, um solch eine Karte zu beantragen. Natürlich gebe es aber auch manche, „die nicht verstehen konnten, wie man Marx auf eine Kreditkarte bringen konnte“.

In Trier kann man sich seit Kurzem auch mit Marx schmücken. Fürs Jubiläum hat die Trierer Schmuckdesignerin Elena Villa einen silbernen Karl-Marx-Ring entworfen. Neben dem bekannten Kopf des Denkers ist darauf in Großbuchstaben zu lesen: „Wenn der Zweck die Mittel heiligt, dann ist der Zweck unheilig.“ Und dann gibt es noch ganz neu eine Karl-Marx-Armbanduhr, die auch in Marx’ Geburtshaus zu kaufen sein wird.

Name weit verbreitet

Aber wem das alles zu kitschig ist, dem seien zahlreiche Veranstaltungen und Ausstellungen empfohlen. Unter dem Motto „Wir sind Marx!“ zeigt eine Ausstellung in der Trierer Fußgängerzone Porträts von 30 Personen mit dem Familiennamen Marx. Noch heute ist der Name Marx in und rund um Trier weit verbreitet. Über 20 Trierer und im Landkreis ansässige Personen mit dem Familiennamen „Marx“ haben zugestimmt, sich in ihrem privaten Umfeld fotografieren zu lassen. Die großformatigen Porträts hängen an exponierter Stelle in der Fußgängerzone. Fotograf ist Claus Bach. Kardinal Reinhard Marx hätte vielleicht mitgemacht, als er noch Bischof in Trier (2002-2007) war. Dafür nahm er aber bereits im April an einem Podiumsgespräch mit dem Titel „Was macht Arbeit lebenswert?“ zu seinem Namensvetter teil. Der Name „Marx“ zählt übrigens zu den 200 häufigsten Familiennamen in Deutschland. 36.000 Menschen heißen in Deutschland so, schätzt der Namensforscher Jürgen Udolph.

Die „Karl-Marx-Box“ gibt es in mehreren Varianten und enthält je nach Preislage Gutscheine für ein Kombiticket in die Landesausstellung im Rheinischen Landesmuseum Trier und dem Stadtmuseum Simeonstift Trier, einen Marx-Magneten sowie Service-Informationen und Tourismustipps. Das steigert sich über einen Stadtrundgang bis zu einer Übernachtung mit Frühstück.

Mit „Marx to go“ können Besucher Trier mit der webbasierten App „Marx-Guide“ entdecken. Zwei Touren durch Trier zeigen dabei Orte, an denen Karl Marx gelebt hat und die bedeutsam für die industrielle Revolution in Trier waren. Die App erlaubt es Gästen, eigenständig Schauplätze aus dem Leben des Philosophen und kommunistischen Denkers zu entdecken.

Angeboten werden zwei Touren: Eine kürzere verbindet die aktuellen Ausstellungen anhand zentraler Orte miteinander. Die längere deckt weitere sieben Schauplätze ab. An den Standorten erfahren die Nutzer anhand von Texten, kurzen gesprochenen Hörstücken sowie aktuellen Fotografien mehr über die Orte.

Etwas ganz Besonderes ist der „Marxcontainer“, den das Hörspielensemble „Liquid Penguin“ ins Leben gerufen hat: Besucher werden eingeladen, sich mit der Gegenwart und den zentralen Marx’schen Themen Geld und Gesellschaft auseinanderzusetzen. In dem mobilen und begehbaren Stand werden Fragen gestellt wie „Was mögen Sie an unserer Gesellschaft?“, „Was sind Sie wert?“ oder „Was verbinden Sie mit Karl Marx?“. Die Minihörspiele sind im Jubiläumsjahr an verschiedenen Orten sowie im Radio und im Internet abrufbar. Der Container kommt auch über Trier hinaus zum Einsatz.

Eins fällt übrigens auf: In Trier gibt es keine „Karl-Marx-Grundschule“ oder eine Apotheke mit dem Namen des nun Gefeierten. Selbst die „Uni Trier“ verweigert sich einer entsprechenden Namensgebung. Angeblich sei es der beruflichen Karriere nicht förderlich, wenn „Marx“ auf dem Abschlusszeugnis stehe. So jedenfalls hat Unirektor Michael Jäckel einen Vorschlag von Gregor Gysi gekontert. Immerhin gibt es eine „Karl-Marx-Straße“, die von der Brückenstraße mit dem Geburtshaus auf die Römerbrücke über die Mosel führt. Auch eine historische Verbindung.

Es mag ein merkwürdiger Zufall der Geschichte sein, dass in Trier 72 Jahre nach Karl Marx im Jahre 1890 Oswald von Nell-Breuning geboren wurde. Den Älteren in der Leserschaft wird er als der Nestor der katholischen Soziallehre bekannt sein. Der Jesuit wirkte als Berater von Papst Pius XI. maßgeblich an der Formulierung der berühmten Sozialenzyklika „Quadragesimo anno“ von 1931 mit, in der die Sozialbindung des Eigentums gefordert wurde und in der Nell-Breuning das Subsidiaritätsprinzip entwickelte. Ein Disput der beiden Trierer Söhne wäre sicher reizvoll gewesen.

Man sollte aber nicht zu viel in diese Zufälligkeit hineininterpretieren. Aber bemerkenswert bleibt dennoch, dass zwei der größten und einflussreichsten Denker in dem Bereich Kapitalismuskritik und Sozialpolitik aus der ältesten Stadt Deutschlands stammen. Und wenn man dann noch bedenkt, dass der heilige Martin von Tours — der mit der Mantelteilung — im 4. Jahrhundert mehrfach in Trier war, um den dort zeitweise residierenden römischen Kaiser zu beraten, dann könnte Trier zum Mekka aller Sozialreformer werden. Zumindest eine Besinnung auf deren Theorie und Praxis könnte helfen, gerade in der aktuellen Armutsdebatte vielleicht ein paar Leitlinien zu entdecken, die Theorie und Praxis miteinander versöhnen.