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Aachen/Kairo: Situation der Christen in Ägypten: Bildung als Antwort auf die Gewalt

Aachen/Kairo : Situation der Christen in Ägypten: Bildung als Antwort auf die Gewalt

Es muss alles sehr schnell gegangen sein: Auf einem Motorrad hatten sich Vermummte am vergangenen Sonntagabend im Kairoer Arbeiterviertel Al-Waraak einer Hochzeitsgesellschaft vor der koptisch-orthodoxen Jungfrau-Maria-Kirche genähert. Der Mann auf dem Sozius eröffnete das Feuer und schoss wahllos in die Menge.

Bei dem Angriff starben vier Menschen, darunter ein acht- und ein zwölfjähriges Kind. Zwölf weitere Hochzeitsgäste wurden verletzt. Hinter der Tat stecken offenbar gewaltbereite Islamisten.

Berichtet über die Situation in seinem Land: Ibrahim Isaak Sedrak, Patriarch der koptisch-katholischen Kirche in Ägypten. Foto: Missio

Der Angriff löste nicht nur in Ägypten — und dort nicht nur in der christlichen Minderheit, sondern auch unter Muslimen — große Bestürzung aus. Und doch ist die Tat kein Einzelfall: Seit dem Sturz von Präsident Husni Mubarak im Februar 2011 befindet sich Ägypten im Umbruch.

Immer wieder müssen Christen in der inner-ägyptischen Auseinandersetzung als Sündenböcke herhalten. Auch nachdem der aus der Muslimbruderschaft stammende Präsident Mohammed Mursi Anfang Juli nach gerade mal einem Jahr im Amt abgesetzt worden war, gab es Angriffe auf Christen und christliche Einrichtungen.

Ibrahim Isaak Sedrak war tatsächlich erleichtert darüber, dass Mursi abgesetzt wurde — „wie sehr viele Ägypter“, betont er. Unter Mursi habe Ägypten der Verlust seiner Identität gedroht, meint der Patriarch der koptisch-katholischen Kirche in Ägypten. Er ist anlässlich des „Monats der Weltmission“, der Solidaritätsaktion des Internationalen Katholischen Missionswerks Missio, nach Aachen gekommen.

Eine von Sedraks größten Sorgen ist, dass sich Christen von den Gewaltakten provozieren lassen könnten. „Wir wollen nicht in eine Auseinandersetzung oder gar einen Bürgerkrieg hineingezogen werden“, sagt er. Die Mehrheit der Muslime wolle das im Übrigen auch nicht und habe sogar versucht, Kirchen zu schützen. Verantwortlich für die Gewalt seien Terroristen, radikale Kräfte, eine letztlich kleine Gruppe, die das Land destabilisieren wolle. „Aber wir werden Gewalt nicht mit Gegengewalt beantworten“, versichert Sedrak.

Schätzungen zufolge bekennen sich bis zu 15 Prozent der rund 80 Millionen Ägypter zum Christentum. Den weitaus größten Teil bilden die orthodoxen Kopten (etwa zehn Millionen). Die katholische Kirche in Ägypten gliedert sich in sieben Teilkirchen mit unterschiedlichen Riten. Die größte unter ihnen ist die koptisch-katholische Kirche mit etwa 165.000 Gläubigen.

Bevor Sedrak im Januar zum Pa­triarchen gewählt wurde, war er rund zehn Jahre lang als Bischof im oberägyptischen Minya tätig, einer Hochburg der radikalen Islamisten.

In seinen Erfahrungen aus dieser Zeit liegt wohl auch die Antwort begründet, die der 58-Jährige auf die Herausforderungen gibt, vor denen die Christen in Ägypten, aber auch die Gesellschaft als Ganzes stehen: Bildung der jungen Generation. Dafür wirbt er in Europa um Unterstützung. Dabei gehe es auch um die Ausbildung von Führungskräften, damit Christen teilhaben könnten an politischen Prozessen. „Und damit wir dem Volk helfen können, selbstbewusster zu werden und die Geschicke des Landes in die eigene Hand zu nehmen.“

Derzeit tagt die Verfassungsversammlung in Kairo. Dabei geht es auch um die Interpretation der Scharia als Hauptquelle der Gesetzgebung und um das Verhältnis zwischen Staat und Religion. Mit einer Abkehr von der Scharia sei nicht zu rechnen, meint Sedrak. Aber es sei auch noch nicht entschieden, was das bedeute.

Letztlich, sagt der Patriarch, wollten die Ägypter eine Verfassung, die die Würde aller achtet, einen Staat, der alle Ägypter in gleicher Weise respektiert. „Der Staat muss auf demokratischen Füßen stehen“, sagt Sedrak. „Aber dafür müssen wir alle noch einen weiten Weg zurücklegen — das Volk, aber auch die einflussreichen Personen, die es führen wollen.“