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Schuldneratlas 2022 vorgestellt

SchuldnerAtlas 2022 : Nur die Ruhe vor dem Schulden-Sturm?

Im laufenden Jahr ist die Zahl der Überschuldeten in Deutschland erneut gesunken. Doch für 2023 droht eine Trendwende. Der Aachener Sozialwissenschaftler Rainer Bovelet erwartet eine deutliche Zunahme von Menschen, die ihre Rechnungen dauerhaft nicht zahlen können.

Noch ist der Trend positiv. Wie schon im vergangenen Jahr hat auch 2022 die Zahl der überschuldeten Menschen in Deutschland deutlich abgenommen. Doch die Entwicklung droht ins Gegenteil zu kippen. Steht Deutschland 2023 vor einer neuen Überschuldungswelle?

Die Wirtschaftsauskunftei Creditreform hat am Dienstag wieder ihren jährlichen SchuldnerAtlas Deutschland vorgelegt. Erstellt wurde er zum siebzehnten Mal vom Aachener Sozialwissenschaftler Rainer Bovelet. In dem Kompendium sind Unmengen von Daten über die finanzielle Situation von Privathaushalten zusammengetragen und analysiert. Für das Jahr 2022 hält es folgende Kernaussagen fest:

Derzeit können in Deutschland 5,88 Millionen Menschen ihren Zahlungsverpflichtungen über einen längeren Zeitraum nicht nachkommen. Das sind 274.000 Fälle weniger als noch vor einem Jahr. Der Anteil der Überschuldeten an der Gesamtbevölkerung sank damit um 0,38 Prozentpunkte auf 8,48 Prozent.

Die positive Entwicklung lässt sich für fast alle Personengruppen konstatieren – allerdings unterschiedlich stark. So ist die Zahl der hart Überschuldeten, die es wegen ihrer Finanzprobleme bereits mit der Justiz zu tun bekommen haben, also etwa eine Privatinsolvenz anmelden mussten, mit minus 6,1 Prozent sehr deutlich gesunken. Weitaus geringer (minus 2,1) war der Rückgang bei der Gruppe der weich Überschuldeten. Bei ihnen handelt es sich um Personen, die es mit mehreren Mahnungen von mehreren Gläubigern zu tun haben und somit nachhaltige Zahlungsstörungen aufweisen.

Auffällig auch: Vor allem jüngere Menschen unter 30 Jahren haben sich 2022 aus der Überschuldungsfalle befreien können. Bei ihnen war ein Rückgang von 6,8 Prozent zu beobachten. Schlechter sah es am anderen Ende der Alterspyramide aus. Bei den Menschen ab 70 Jahren weist die Statistik lediglich ein Minus von 1,9 Prozent aus.

Und noch eine Zahl: Auch das Volumen der Gesamtüberschuldung sank 2022. Und zwar von 191 Milliarden Euro auf 178 Milliarden Euro (minus 6,9 Prozent).

Den nachhaltigen Rückgang der strukturellen Überschuldung in den vergangenen Jahren führt Bovelet maßgeblich auf die Corona-Krise zurück. „Viele Konsumenten konnten zum einen wegen pandemiebedingter Einschränkungen weniger Geld ausgeben“, sagt der Sozialwissenschaftler. „Gleichzeitig war bei ihnen eine hohe Ausgabenvorsicht zu beobachten. Zudem haben sich die staatlichen Hilfsprogramme positiv ausgewirkt.“ Unter dem Strich seien deshalb während der Pandemie nicht nur die Sparguthaben gestiegen, sondern damit auch die Fähigkeit, Schulden abzubauen. „Aus Sicht der Überschuldungsforschung sind wir deutlich besser durch die Krise gekommen, als zunächst vermutet“, sagt Bovelet.

„20 Prozent der Haushalte sind gefährdet“

Allerdings gießt der Autor des SchuldnerAtlas gleich Liter von Wasser in den Wein. Zunächst verweist er auf zwei Problemgruppen. Zum einen sind es ältere Personengruppen, wie Rentner oder die so genannten Babyboomer. Für den verhältnismäßig schwachen Rückgang der Überschuldungsquote bei ihnen macht er die häufig geringen Ruhegelder verantwortlich. „Altersarmut geht Hand in Hand mit Altersüberschuldung“, sagt Bovelet und verweist darauf, dass Schuldner aus dieser Gruppe mit einer durchschnittlichen Zahlungsverpflichtung von 56.000 Euro viel tiefer in den roten Zahlen stecken als jüngere Schuldner mit durchschnittlich rund 10.000 Euro. Zum anderen sind es Menschen aus prekären Verhältnissen. „Bei diesem Personenkreis war auch im vergangenen Jahr kein Rückgang der Überschuldung festzustellen“, sagt der Sozialwissenschaftler.“

Nicht nur Menschen aus diesen beiden Gruppen droht laut Bovelet während der kommenden Monate ein deutlicher höheres Überschuldungsrisiko als bisher. Angesicht der Energiekrise und der massiven Geldentwertung sind nach seinen ersten Berechnungen „rund 20 Prozent der deutschen Haushalte gefährdet“, die auf sie zu kommenden Forderungen für Strom, Wasser, Gas und Wärme nicht mehr sofort bezahlen zu können. In absoluten Zahlen heißt das: Rund 7,8 Millionen Haushalte mit 15,6 Millionen Personen dürften vor massiven Zahlungsproblemen stehen. Bovelet warnt vor der Hoffnung, dass die in den beiden Vorjahren angesparten Corona-Rücklagen den für Anfang des kommenden Jahres zu erwartenden Energiepreisschock abfedern könnten. „Diese Ersparnisse waren Mitte 2022 bereits weitgehend aufgebraucht“, sagt der Sozialwissenschaftler.

Bovelet befürchtet deshalb für das kommende Jahr „den größten Anstieg von überschuldeten Personen seit Beginn der Überschuldungsforschung“. Wie massiv er ausfallen wird, hängt in seinen Augen wesentlich von staatlichen Stellen ab. „Sie müssen ihre Entlastungmaßnahmen viel stärker als bisher auf Personengruppen konzentrieren, die sie am dringendsten nötig haben“, sagt der Sozialwissenschaftler. Doch selbst dann wird das möglicherweise nur ein etwas größerer Tropfen auf den heißen Stein sein. „Auch aus der Perspektive der Überschuldungsforschung steht unsere Gesellschaft vor einer Zeitenwende“, sagt Bovelet.