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Aachen: Scheel warnt Dahrendorf: Mit dem Rest redest du nicht

Aachen : Scheel warnt Dahrendorf: Mit dem Rest redest du nicht

Am Anfang stand eine unverhohlene Drohung: Walter Scheel, der sich auf dem Freiburger FDP-Bundesparteitag im Januar 1968 als Nachfolger des national-liberalen Erich Mende zum Parteivorsitzenden wählen lassen wollte, warnte den Soziologen Ralf Dahrendorf davor, mit protestierenden Studenten vor der Tagungshalle zu diskutieren.

Scheel hatte kurz vor seiner Wahl kein Interesse daran, dass sich FDP-Vorstandsmitglieder mit linken Studenten in aller Öffentlichkeit sehen lassen oder gar den Vorwurf provozieren, mit Revolutionären gemeinsame Sache zu machen. Zumal aus Berlin der charismatische Studentenführer Rudi Dutschke nach Freiburg gekommen war.

Zeitzeuge: der Aachener Anwalt Hans-Werner Fröhlich. Foto: Michael Jaspers

Die Oldenburger Historikerin Franziska Meifort schreibt in ihrer Biografie über Dahrendorf auch von der Sorge der Parteiführung, „die FDP-Vertreter könnten in der Auseinandersetzung mit Dutschke unterliegen und sich dadurch der Lächerlichkeit preisgeben“. Scheel habe ihm damals das Ende seiner politischen Karriere angedroht, „wenn Du da mit dem draußen diskutierst“, hat Dahrendorf später erzählt. Der neue Parteichef sollte sich irren — mit seiner Sorge ebenso wie mit seiner Drohung. Dahrendorf scherte sich jedenfalls um beides nicht und stellte sich dem Gespräch mit den Studenten — begleitet von den Vorstandsmitgliedern Hildegard Hamm-Brücher und Hermann Oxfort.

Als die drei Freidemokraten am 29. Januar 1968 vor der Stadthalle stehen, ist Dutschke schon da. Rund 3000 Studenten haben sich dort versammelt; der Besuch des berühmten Studentenführers hat sich in der eher beschaulichen Universitätsstadt im Südwesten der Republik schnell herumgesprochen. Nun treffen die beiden Intellektuellen spontan aufeinander, sind aber in der Menge kaum zu sehen. Also beschließen sie, sich auf das Dach eines VW-Käfers zu setzen, der ausgerechnet dem RCDS (Ring Christlich-Demokratischer Studenten) gehört.

Aufs Dach geklettert

Und nun kommt ein Aachener ins Spiel: Hans-Werner Fröhlich. Er steht in der Nähe des Wagens, und Dutschke gibt ihm seine Unterlagen, damit er besser auf das Dach klettern kann. „Ich bin damals zur Stadthalle gegangen, um Dutschke zu erleben. Ich wollte mir selbst ein Bild machen, denn er und seine Mitstreiter waren ja abgestempelt als APO, Unruhestifter, lange Haare“, sagt Fröhlich im Gespräch mit unserer Zeitung. Er gehörte in jenem sagenumwobenen Jahr zum Leitungsteam der Katholischen Hochschulgemeinde in Freiburg. 68er sei er nicht gewesen, aber „ich war schon angesteckt“. Fröhlich kam aus katholischem Milieu. „Die Schule habe ich als repressiv erlebt. Über die Nazizeit wurde dort nicht gesprochen.“

Der heute 70-Jährige studierte damals Jura, wurde später Anwalt und war von 1989 bis 2007 Justitiar des Bistums Aachen. In Freiburg gehörte er zum KUS (Kreis Unabhängiger Studenten), der 1968 bei der Studentenratswahl die relative Mehrheit errang. „Wir waren für Dialog; Dialog war das Gebot der Stunde.“ Und nun ist er an jenem 29. Januar gespannt auf diesen Dialog, auf die Kontroverse zwischen Dahrendorf, dem FDP-Mann und liberalen Professor von der Reformuniversität Konstanz, und Dutschke, dem großen Theoretiker und Chefideologen des SDS (Sozialistischer Deutscher Studentenbund).

Während FDP-Delegierte im Plenarsaal heftig darüber diskutieren, „ob man mit so jemandem wie Dutschke überhaupt reden darf“ (so der damalige Parteitagspräsident Wolfgang Lüder), geht es vor der Tagungshalle laut Fröhlich ziemlich gelassen zu. „Die Studenten waren einfach neugierig. Die Jungdemokraten (FDP-Jugendorganisation) wollten die Diskussion, das FDP-Establishment war dagegen“, sagt Fröhlich. Zu Beginn habe die Mehrheit des studentischen Publikums eher auf Seite von Dutschke gestanden. Dahrendorfs Auftreten habe zunächst etwas arrogant gewirkt. „Aber er war rhetorisch gut und beeindruckte durch seine Argumente.“

Wie verlief das Streitgespräch? Fröhlich kann sich gut erinnern: „Dahrendorf sah den Reformstau sehr klar und hielt die Forderung nach Reformen für völlig berechtigt. Er kritisierte massiv die Große Koalition. Im Grundsatz ging es ihm um den Wert der parlamentarischen Demokratie.“ Dutschke habe vom „Aktionsbündnis mit der Arbeiterklasse“ gesprochen und einen marxistischen Ansatz vertreten. „Und er hat immer wieder Zusammenhänge mit der Dritten Welt hergestellt.“

Auf den Boden geholt

Auch ein legendärer Wortwechsel ist Fröhlich fest im Gedächtnis haften geblieben: Als Dutschke über die „Fachidioten der Politik“ schimpfte, habe Dahrendorf mit „Protestidioten“ geantwortet. Anders als die Dahrendorf-Biografin Meifort und die Presseberichte von damals sieht Fröhlich den FDP-Professor aber nicht als Punktsieger der Kontroverse. „Dutschke hat Dahrendorf nicht weggeputzt, wie Scheel und andere befürchtet hatten — im Gegenteil. Dahrendorf hat Dutschke entzaubert, hat ihn auf den Boden geholt. Aber alles in allem war das Ergebnis ausgeglichen und hat uns nur gezeigt, dass Dialog möglich und nötig ist.“

„Dutschke hat mir als Mensch sehr gefallen. Er bezog sich oft auf Jesus.“ Dutschke sei damals — vor allem von der Springer-Presse — als Bürgerschreck aufgebaut worden. „Es wurde von Teilen der Medien eine völlig übertriebene Stimmung erzeugt.“

Dahrendorf kam als Held zurück zum Parteitag. Das aufsehenerregende Gespräch mit Dutschke hatte ihm nicht nur nicht geschadet, sondern seinen Ruf als intellektueller Kopf der FDP begründet. In der Partei verstummten seine Kritiker. Die FDP änderte sich; im Jahr danach bildete sie mit der SPD die erste sozialliberale Koalition in der Geschichte der Bundesrepublik unter Kanzler Willy Brandt.