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Prozessauftakt in Ediburgh: Salmond beteuert seine Unschuld

Ex-Regierungschef Alex Salmond wegen sexueller Übergriffe vor Gericht : Der Harvey Weinstein von Schottland?

Was die Fallhöhe angeht, hat dieser Prozess fast schon klassische Dimensionen. Am Montag begann vor dem High Court im schottischen Edinburgh das Gerichtsverfahren gegen Alex Salmond.

Der 65-jährige war einst der mächtigste Mann nördlich des Hadrianswalls: Als Parteichef führte er die Scottish National Party (SNP) an und amtierte bis 2014 als der Ministerpräsident von Schottland. Jetzt steht Alex Salmond wegen Sexualstraftaten vor Gericht. Die Anklage wirft ihm insgesamt 14 Fälle vor, von sexueller Belästigung bis zur versuchten Vergewaltigung. Salmond hat stets seine Unschuld beteuert. „Ich weise diese Anschuldigungen absolut zurück“, erklärte er bei der Anklageerhebung, „und werde mich aufs Äußerste vor Gericht verteidigen.“ Über die nächsten vier Wochen wird er dazu vor der höchsten Richterin des Landes, Lady Dorrian, und einer Jury von 15 Bürgern Gelegenheit haben.

Sämtliche Fälle von angeblichem sexuellen Fehlverhalten sollen während Salmonds Amtszeit als Ministerpräsident zwischen 2007 und 2014 passiert sein und die meisten davon in seinem Amtssitz „Bute House“ in Edinburgh. Zehn Opfer, deren Identität durch schottisches Recht geschützt ist, sollen betroffen sein. Die Anschuldigungen reichen von Grapschereien, unsittlichen Annäherungen, Übergriffen und Nötigungen bis hin zu einem Fall von versuchter Vergewaltigung, in dem Salmond laut Anklage eine Frau gegen eine Wand gedrückt haben soll, bevor er sie und sich entkleidete, die Frau auf ein Bett stoß und nackt auf ihr gelegen haben soll. Eine weitere versuchte Vergewaltigung soll ebenfalls im „Bute House“ erfolgt sein.

Der Prozess wird in Schottland höchste Aufmerksamkeit erregen, denn kaum ein Mann hat die jüngere Vergangenheit des Landes mehr beeinflusst als Alex Salmond. Der gelernte Ökonom, der seine Karriere bei der „Royal Bank of Scotland“ begann, und passionierte Fan von Pferderennen, der noch als Ministerpräsident einschlägige Kolumnen für Wettfans schrieb, hatte die Kunst des kalkulierten Risikos zur Meisterschaft entwickelt.

Seine Karriere erinnert an einen Pokerspieler, der mit einem einzigen Chip beginnt und am Ende den Tisch abräumt. Als er in den 70er Jahren der SNP beitrat, war die Partei eine kleine Schar von Nationalisten, die keiner ernst nahm. Salmond machte aus ihr die dominierende politische Kraft im Nordteil des Vereinigten Königreichs. Scharfsinn, Witz und Charisma zeichneten den Mann aus, den selbst die ihm gegenüber nicht wohlgesonnene „Times“ als den „geschicktesten Politiker des Königreichs“ einstufte. Er positionierte die SNP links von Labour: entschieden pro-europäisch, der Einwanderung gegenüber aufgeschlossen, gegen militärische Abenteuer, wie im Irak. 2007 beendete er die 50-jährige Labour-Herrschaft in Schottland und wurde erstmals Ministerpräsident der Regionalregierung. Als die SNP später sogar die absolute Mehrheit im Parlament von Edinburgh gewinnen konnte, war der Weg frei, einen Volksentscheid über die Unabhängigkeit anzusetzen.

Obwohl Salmond das Referendum knapp verlor, hatte er politisch doch gewonnen, denn er brachte das Kunststück fertig, ein ganzes Land politisch zu aktivieren und über die Unabhängigkeit diskutieren zu lassen. Mit dem Beginn des Gerichtsverfahrens gegen den Ex-Ministerpräsidenten erlebt Schottland jetzt seinen Weinstein-Moment.