„Order! Ooooooooooooooooorder!“: Parlamentspräsident Bercow tritt zurück

„Order! Ooooooooooooooooorder!“ : Parlamentspräsident Bercow tritt zurück

Parlamentspräsident John Bercow, der Mann, der das britische Unterhaus zur Ordnung ruft, tritt zurück. Am 31. Oktober soll nun Schluss sein.

Zum Schluss bekam er herzliche und lange Standing Ovations. Die hätte er eigentlich selbst als „nicht in Ordnung“ unterbinden müssen, denn im Unterhaus ist Applaus verboten. Parlamentspräsident John Bercow ließ die Abgeordneten gewähren, denn der Anlass war bedeutend genug: Der 56-Jährige hatte soeben seinen Rücktritt als „Speaker“, als Sprecher des Unterhauses erklärt. Am Montagabend wurde das Parlament in die Zwangspause bis zum 14. Oktober geschickt. Danach will Bercow noch bis zum 31. Oktober Schiedsrichter in den Debatten im Hohen Haus sein. Aber dann ist Schluss.

Kein Wunder, dass der Applaus so laut ausfiel. Bercow hatte immer auf der Seite der Abgeordneten gestanden. In Deutschland ist er bekanntgeworden, weil er während der Brexit-Debatten so beeindruckend wie sonor „Order! Order!“ brüllen konnte. Aber seine Beliebtheit rührt auch daher, dass er der Regierung ein ums andere Mal einen Strich durch die Rechnung machen konnte, wenn die versuchte, ihre eigene Version eines Brexit durchs Haus peitschen zu wollen.

Damit wurde Bercow ein wichtiger Akteur im Brexit-Drama. Der Mann hat wirkliche Macht, weil er der ultimative Schiedsrichter im Parlament ist. John Bercow erteilt das Wort, legt Redezeiten fest, wählt Änderungsanträge aus und ändert auch schon einmal, wenn er es für nötig hält, das Reglement. Als ihm erboste Abgeordnete der Konservativen Partei vorhielten, dass es für seine Regelkorrekturen keinerlei Präzedenzfälle gäbe, sagte Bercow: „Wenn wir uns immer nur an die Tradition halten, kann es keine Veränderung geben.“

Dabei ist Bercow selbst Tory und wurde schon in jungen Jahren Mitglied der Konservativen Partei. Der Sohn eines rumänischstämmigen Taxifahrers arbeitete sich nach oben, war zunächst im Bank- und dann im Lobby-Gewerbe tätig, bevor er 1997 als Abgeordneter ins Unterhaus einzog. Stand er politisch zunächst ganz rechts außen, bewegte er sich im Laufe der Jahre immer weiter in Richtung Mitte-links. Die Entwicklung ist eine Reise, die sicherlich durch seine Heirat mit der Labour-Aktivistin Sally Illman im Jahr 2002 gefördert wurde.

Als Bercow 2009 zum Parlamentspräsidenten gewählt wurde, gelobte er, die Rechte der Legislative gegenüber der Exekutive zu stärken. Seine Kollegen in der Konservativen Partei legten das schnell so aus, dass er die Labour-Opposition gegenüber der Tory-Regierung bevorzugen würde. Tatsächlich ging es Bercow aber um die Balance der Macht. Seine Gegner sahen in ihm in erster Linie einen Brexit-Gegner, weil er im Referendum für den Verbleib gestimmt hatte und an seinem Auto ein Sticker klebt, der ziemlich derb „Scheiß auf Brexit“ erklärt. Doch im Parlament konnte ihm niemand den Vorwurf machen, parteiisch zu sein.

Bercow hat den Zeitpunkt seines Abgangs gut gewählt. Am 31. Oktober soll das Königreich nach dem Willen von Premierminister Boris Johnson „komme, was wolle“ aus der EU austreten. Bercow hat mitgeholfen, dass das nicht ohne einen Deal passieren soll. Vielleicht war bei der Entscheidungsfindung auch entscheidend, dass die Konservativen geschworen haben, ihn bei den kommenden Wahlen ausbooten zu wollen.

Der Abgang ist kein feiger Rückzug, sondern das krönende Ende einer zehnjährigen und beeindruckenden Karriere als „Mr. Speaker“. Die Exekutive im Königreich hat dank Bercow jetzt weniger Macht über die Legislative – und das kann ja nur im Sinne der Demokratie sein.