Zwischen Ibiza-Video und Staatstheater : Österreich, ein Sommerdrama

Zwischen Ibiza-Video und Staatstheater : Österreich, ein Sommerdrama

Auf das vulgäre Ibiza-Video folgt großes Staatstheater: Langweilig wird es in der Alpenrepublik zur Ferienzeit vermutlich nicht. Gespielt wird das Stück bis zur Neuwahl im September.

Nur ein leises Knistern geht durch die sonst so respektlose Journalistenschar. Leise öffnet sich die unsichtbare Tapetentür. Herein tritt ein alter Herr, kerzengerade, schlank wie ein junger Baum. Ale­xander Van der Bellen lächelt ein bisschen, wie immer ein wenig ironisch, und schreitet ans Pult. In angemessenem Abstand und mit sicherem Schritt folgt ihm eine strahlende Dame. Zum schlichten schwarzen Hosenanzug trägt Brigitte Bierlein ein wildes weißes Jabot und eine barocke Frisur. Strenge Form, üppige Dekoration: ganz Rokoko. Von der Wand des Maria-Theresien-Zimmers, bis unter die Decke mit roter Seide ausgekleidet, blickt streng die Kaiserin. Österreich, das war gerade noch die vulgäre Hanswurstiade im Ibiza-Video. Jetzt folgt großes, würdiges Staatstheater.

Es war ein peinliches Schauspiel, das der halb betrunkene Heinz-Christian Strache, immerhin der Vizekanzler der Republik, da gegeben hatte, als er einer „schoarfen“ angeblichen Russin die größte Tageszeitung des Landes in die Hände spielen wollte. Aber es zog das Publikum an. Auch im neuen Stück, der großen Wiener Haupt- und Staatsaktion, sind alle Rollen ideal besetzt. Die Zeitungen, die Cafés, die Chaträume des Landes preisen einhellig den Bundespräsidenten Alexander Van der Bellen, den Herrn Professor, der das Land so sicher und unaufgeregt durch die Krise steuert. Dieser wiederum lobt das Drehbuch: die „Eleganz der Verfassung“, die für alle Turbulenzen die richtige Antwort hat. Nach einem nasskalten Mai scheint in Wien wieder die Sonne. Die Touristen vor der Hofburg knipsen die Fiaker. Im Café Landtmann am Ring sitzen die Taktiker und die Strategen und schlürfen ihren kleinen Braunen.

Bierlein fliegen die Herzen zu

Der neu ernannten Übergangskanzlerin Brigitte Bierlein fliegen, kaum hat sie ihre ersten Worte zum Volk gesprochen, schon alle Herzen zu. „Würd‘ mi ned wundern, wann wir die nimmer hergeben täten“, steht in allen Volksdialekten auf Twitter und Facebook. Frauen in der Politik sind im Land des Leopold von Sacher-Masoch voll akzeptiert. Nur damenhaft müssen sie wirken, streng, überlegen. Kurzhaarige, mädchen- oder jungenhafte in Turnschuhen, „goscherte“, also vorlaute, haben keine Chance. Herrschaftliches Auftreten dagegen ist der Frau Doktor ausdrücklich erlaubt. Höchste Verehrung genießen hier die Organisatorinnen des Opernballs, Damen der Gesellschaft, denen nichts Menschliches, vor allem: nichts Männliches fremd ist und die ihren kindischen Politikerkollegen ihre Hahnenkämpfe spöttisch nachsehen. Mit Feminismus hat die Frauenfreundlichkeit des österreichischen Publikums nichts zu tun.

Hinter der Kulisse warten zwei große Spieler ungeduldig auf ihren Auftritt. Sebastian Kurz, der junge Held, hält sich in diesen Tagen artig zurück. Geschätzt wird der jugendliche „Altbundeskanzler“ vor allem für seine tadellosen Manieren, seine makellose Haut und seine gepflegte Aussprache. Trotzdem wurde Kurz letzten Montag vom Nationalrat zu Fall gebracht. Eine meuchlerische Tat: Das Parlament, untergebracht in einem theatralischen Tempel an der Wiener Ringstraße, ist zu normalen Zeiten eine Art Chor und hat die Aufgabe, im Polit-Drama die Worte der Protagonisten vielstimmig zu verstärken. Die 183 Parlamentarier verfügen über kaum Eigengewicht. Sie werden, wenigstens bei den großen Fraktionen, von den mächtigen Parteisekretären ausgesucht und agieren wie deren Angestellte. Ihre Ermächtigung hat sie nicht beliebter gemacht; dahinter stehen immer finstere Dirigenten. Sie dürfen die Regierung zwar stürzen, aber nicht wählen; das ist Sache des Präsidenten. Einem Kurz können sie nichts anhaben. Sein Abgeordnetenmandat, das ihm eigentlich zustünde, hat der abgewählte Kanzler wohlweislich nicht angetreten. Es hätte seine Aura beschädigt.

Der gefallene Heinz-Christian Strache wollte, mit verschwitztem Unterhemd über der Wampe, auf Ibiza ein bisschen Diktator werden. Jetzt harrt er, noch in der Umkleidekabine, seiner Rückkehr auf die Bühne. Dass es klappt, ist sehr wahrscheinlich. Für die Europawahl hatte der Vizekanzler und FPÖ-Vorsitzende sich auf den letzten Listenplatz setzen lassen, ein übliches Verfahren, um auch die persönlichen Fans von Spitzenpolitikern an die Urne zu kriegen. Da aber in Österreich „Vorzugsstimmen“ möglich sind und jeder Wähler seine Stimme einem bestimmten Kandidaten geben darf, stand die Liste nach Bekanntwerden des Videos auf dem Kopf: Mehr als 44.000 Österreicher, das ist jeder dreizehnte FPÖ-Wähler, wollten ausdrücklich Heinz-Christian Strache im Europaparlament sehen. Der ist geneigt, sein Mandat tatsächlich anzunehmen. Auch die Charge des Antihelden will besetzt sein.

An die Seite der neuen Kanzlerin schließlich treten nun verlässliche, solide Staatsbeamte, ausgesucht von Bierlein und Van der Bellen gemeinsam. Ihre Aufgabe ist nicht die Politik, sondern der „Vollzug der Verwaltung“. Sie vertreten keine Interessen. Die Vernunft, die sie repräsentieren, hätte eigentlich das Resultat aus den widerstrebenden politischen Richtungen sein sollen. Es klappte aber nicht; jetzt müssen die Beamten es richten. Der Interims-Innenminister, ein pensionierter Höchstrichter, hat als erstes zwei Verfügungen seines radikalen Vorgängers Herbert Kickl aufgehoben: die Bestellung eines Extremisten zum Polizeichef und die schikanöse Regelung, dass Asylbewerber für „gemeinnützige Tätigkeit“ höchstens 1,50 Euro pro Stunde verdienen dürfen. Der Übergangs-Verkehrsminister hat den „Grünen Pfeil“ wieder abgeschafft, den sein autoverliebter Vorgänger gerade erproben ließ. Die Wetten stehen gut, dass eine Nachfolgerin oder ein Nachfolger im Bildungsministerium auch die Retro-Reformen in der Schulpolitik wieder rückgängig machen könnte, etwa die Sonderklassen für Ausländisch-Sprecher.

Ein Sommer der Anarchie

Die Parlamentsparteien indessen genießen einen Sommer der Anar­chie. Frei von Koalitionsdisziplin können sich jetzt zu allen Themen neue Allianzen bilden. Einen schönen Stoff für den ersten Akt liefert das Rauchverbot. Bis heute darf in Österreich in allen „Beiseln“, den Kneipen, und selbst im Restaurant munter gequalmt werden. Ein schon beschlossenes Rauchverbot hat die FPÖ bei ihrem Regierungseintritt 2017 wieder gekippt – auf Betreiben des kettenrauchenden Strache. Jetzt muss die konservative ÖVP, die eigentlich für das Rauchverbot war und sich gegen den Partner nicht durchsetzen konnte, Farbe bekennen. Die Exposition ist allen vertraut, die Handlung verspricht reges Zuschauerinteresse. Spannender noch wird die Wahl eines österreichischen EU-Kommissars. Sebastian Kurz, der die Staatssekretärin Karoline Edtstadler für den Posten ausgesucht hatte, fehlt nun die Mehrheit, seine Vertraute auch durchzusetzen. Kompromisskandidaten sind nicht in Sicht.

Die nächste Gangsterkomödie?

Das Land schaut unterdessen fern. Der öffentlich-rechtliche ORF, zuletzt unter heftigem Beschuss der FPÖ, erlebt mit täglichen Sondersendungen eine Sternstunde. Spätabends treffen sich die Paladine der Parteien zur Talkrunde. Sorgen oder Ängste sind mit dem Geschehen kaum noch verbunden, seit die Macht des kontrollwütigen Kanzlers Kurz fürs Erste gebrochen ist. Es gibt einen funktionierenden Haushalt. Ein Wirtschaftsexperte hat schlüssig erklärt, dass man sich keine Gedanken machen muss. Der Klimawandel, der den Rest des Kontinents bewegt, ist auf der Wiener Bühne eh kein Thema. Die Rating-Agenturen beobachten das Geschehen mit Gelassenheit. Gefährlich wäre nur, wenn die Parteien ohne Rücksicht auf den Haushalt teure Gesetze beschließen würden.

Gespielt wird das Stück bis September; dann sind Neuwahlen angesetzt. Der Präsidentin und seine Kanzlerin verschwinden wieder hinter der Tapetentür. Wie man den Publikumsgeschmack kennt, wird wieder eine Gangsterkomödie auf den Spielplan kommen.

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