Nach der Regionalkonferenz in Düsseldorf bleibt es spannend

Insgesamt ein ausgewogenes Rennen : Nach der CDU-Regionalkonferenz bleibt es spannend

Die drei Kandidaten für die Merkel-Nachfolge stellen sich in Düsseldorf 4000 CDU-Mitgliedern. Beim Applaus hat Merz die Nase vorn. Aber insgesamt ist das Rennen sehr ausgewogen.

Eigentlich wollten die Christdemokraten in ein Hotel gehen. Nicht, um zu schlafen, sondern um hellwach den Kandidaten um den Parteivorsitz auf den Zahn zu fühlen. Als sich die Zahl der angemeldeten Mitglieder der 4000 näherte, verlegte man die Veranstaltung in die Düsseldorfer Messe. 4000 bei einer politischen Diskussion – das ist schon eine Menge; das sind fast so viele wie bei allen bisherigen Regionalkonferenzen zusammen. Die CDU berauscht sich derzeit an der eigenen Diskussions- und Fragelaune. So also auch Mittwochabend in der Landeshauptstadt.

Die Kreisverbände Aachen-Land und Heinsberg haben Busse gechartert. Annika Fohn ist die Vorsitzende der Jungen Union in Aachen, Anna Stelten wird als Delegierte die Heinsberger CDU in Hamburg vertreten. Beide haben sich noch nicht für einen der drei Kandidaten entschieden, insofern sind sie sehr gespannt auf diesen Abend. Fohn wünscht sich „eine visionäre Persönlichkeit, die die unterschiedlichen Bedürfnisse unter den Mitgliedern kanalisiert“. Stelten, die zwischen Merz und AKK schwankt, geht davon aus, dass sie sich erst in Hamburg entscheiden wird; es sei denn, sie erlebt an diesem Abend eine Überraschung. Auch Hendrik Schmitz, Vorsitzender der CDU Aachen-Land, ist noch unentschlossen, wem er in Hamburg seine Stimme geben soll. „Das trifft auch die Stimmung in der CDU. Parteistrategisch brauchen wir sowieso alle drei. Ich stecke keinen in eine Schublade; für jeden gibt es gute Argumente.“

Attacke auf die Kanzlerin

Annegret Kramp-Karrenbauer (56), Friedrich Merz (63) und Jens Spahn (38) stellen sich der Basis. Die Regionalkonferenz am Mittwochabend in Nordrhein-Westfalen ist die wichtigste von allen. Die allermeisten, die hier zuhören und fragen, können am Freitag kommender Woche in Hamburg, wenn Angela Merkels Nachfolgerin oder Nachfolger gewählt wird, gar nicht mitentscheiden, aber aus der NRW-CDU kommt fast ein Drittel der Delegierten, die auf dem Bundesparteitag wählen werden (siehe Infobox).

Da in der Düsseldorfer Messe also nicht abgestimmt wird, kann man die Stimmung der CDU-Basis nur an der Länge und Stärke des Applauses messen. Wenn es danach geht, hat Merz deutlich die Nase vorn. Er beginnt seine Vorstellungsrede mit einer unüberhörbaren Attacke auf Angela Merkel und beendet sie mit einer Loyalitätserklärung an die Bundeskanzlerin. „Die Klarheit unserer Positionen hat gelitten. Man muss nicht jeden Standpunkt der SPD gleich übernehmen; das muss nicht sein.“ Wer „man“ ist, braucht Merz nicht zu sagen. Zum Abschluss dann sein Versprechen: „Natürlich geht das mit Angela Merkel als Bundeskanzlerin und Friedrich Merz als Parteichef. Wir haben eine gewählte Regierung bis 2021, und wir beide sind uns einig: erst das Land, dann die Partei.“

Merz greift die Grünen an, wirft ihnen vor, erst im Landtag Beschlüsse zu fassen und die dann im Hambacher Forst zu konterkarieren. „Die Grünen müssen ihr Verhältnis zum Gewaltmonopol des Staates klären.“ Spahn stimmt seinem Konkurrenten zu und spricht von Doppelmoral. Der Jüngste in der Bewerberreihe spricht vom Jahr 2040, von einem „Land, das das Versprechen erfüllt, dass es künftigen Generationen besser geht“, von einem Land, „in dem sich Leistung lohnt für diejenigen, die jeden Tag aufstehen, sich um die Kinder kümmern, malochen und Steuern zahlen“, von einem „Land, das seine freie Art zu leben verteidigt und Recht durchsetzt“.

Kramp-Karrenbauer hält ein leidenschaftliches Plädoyer für die Volkspartei CDU. „Das ist nicht vorbei. Wir haben es selbst in der Hand.“ Sie greift die aktuellen Meldungen von Designerbabys in China auf. „Wollen wir es zulassen, dass ein Standard um sich greift, der den Mensch an die Stelle von Gott setzt?“ Sie betont Zusammenhalt in der CDU, ihre Regierungserfahrung und Basisnähe, ihre Wahl-
erfolge. „Ich weiß, wie gut sich 40 Prozent anfühlen.“

Nach der Vorstellungsrunde sind die drei aus dem Bezirk Aachen nicht entscheidungsfreudiger geworden. Stelten schwankt weiter. „AKK spielte ihre Stärken aus. Merz hat das Publikum am besten angesprochen.“ Fohn fand Kramp-Karrenbauer „eine Nuance besser. Sie sorgt für mehr Aufbruchstimmung und Motivation“. Schmitz weiß nicht so recht, ob er verzweifelt oder euphorisch sein soll. „Dieser Abend macht es ja noch schwieriger; aber das ist ja eigentlich positiv. Alle drei hatten einen starken Auftritt. Wir überraschen uns selbst.“ Was ist für Schmitz inhaltlich am wichtigsten? „Das klare Bekenntnis zu Europa. Aber da sind die sich ja auch einig.“

Merz ist eloquent und analytisch

Fohn, Stelten, Schmitz – überraschend fanden sie nichts. Merz erweist sich wie erwartet als eloquent und analytisch. AKK zeigt sich volksnah und herzlich, Spahn locker und leger. Natürlich loben alle die aktuelle Diskussionslaune in der CDU und wünschen sich weiterhin mehr Beteiligung der Parteimitglieder – was denn sonst? Wie das allerdings tatsächlich aussehen soll, sagen sie nicht. Das würde auf Dauer auch schwierig in einer Partei, die ihren eigentlichen Zweck darin sieht zu regieren.

Die Diskussion mit den 4000 im Saal verläuft hochdiszipliniert. Keine Polemik – nicht auf dem Podium, nicht im Plenum. Hier und da schießt ein Kandidat mal einen Pfeil ab; aber man muss schon gut aufpassen. So, wie sich bei der Lektüre eines Textes zwischen den Zeilen lesen lässt, kann man auch zwischen gesprochenen Sätzen hören. Wenn Merz und Spahn von Fehlern ihrer Partei reden und CDU oder „wir“ sagen, meinen sie nicht selten Merkel.

Friedrich Merz ist nicht so fröhlich wie AKK, er strahlt die Leute nicht so an wie seine beiden Konkurrenten, sondern schaut eher etwas spröde. Er beherrscht das Metier. Er wirkt ein wenig distinguiert, vornehm, manchmal ein bisschen distanziert wie ein Elder Statesman, unabhängig, jemand, der es eigentlich nicht nötig hätte.

Jens Spahn kann noch warten

Jens Spahn, der als abgeschlagen gilt, lässt sich das nicht anmerken, kämpft unverdrossen, weil er weiß: Auch wenn er höchstwahrscheinlich verliert, wird er dennoch gewinnen: Aufmerksamkeit, Ansehen, Einfluss. Ob nun AKK oder Merz siegt, jeder von beiden wird auf Spahn zugehen, ihn einbinden müssen. Er ist jung, sehr jung und karrierebewusst; er kann auch noch Merkels Nachfolger(in) abwarten.

Annegret Kramp-Karrenbauer, von der niemand weiß, ob ihr die Nähe zur Kanzlerin und Noch-Parteichefin nützt oder schadet, vermittelt das Bild einer Frau, die sich pudelwohl fühlt, gerne mit den Leuten spricht, ein Kumpeltyp – auch damit genau die Gegenfigur zu Merz. AKK wird häufig als Kandidatin der Herzen, Merz als Kandidat des Kopfes beschrieben. Das konnte man auch am Mittwochabend in der Düsseldorfer Messe heraushören – aus ihren Reden und aus dem Kreis der Mitglieder. Wem von beiden diese Zuschreibungen zum Vorteil gereichen, ist schwer zu sagen.

CDU-Landeschef Armin Laschet war übrigens nur kurz dabei, weil er als Ministerpräsident zu anderen Terminen musste. Wäre er länger da gewesen, hätte er sich gefreut. Denn wie oft hat er in den letzten Wochen seine Partei ermahnt, sie solle nicht ständig nur über Flüchtlinge und Migration reden; es gebe andere wichtige Themen. In Düsseldorf war das Thema ziemlich schnell abgearbeitet.

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