Missio kämpft gegen sogenannte Sextouristen

Kindesmissbrauch : 400.000 Männer schaffen unendliches Leid

Was auch hierzulande mit dem Begriff „Sextourismus“ verharmlost wird, zerstört auf den Philippinen ungezählte Körper und Seelen. Seit Jahrzehnten kämpft das Aachener Hilfswerk Missio dagegen.

Marlyn Capio freut sich, den Gast von der Zeitung zu treffen. Sie lächelt, sie lacht überhaupt sehr viel, sie strahlt Wärme und Herzlichkeit aus. Man fühlt sich wohl in ihrer Gegenwart. Hier in der Aachener Zentrale des Päpstlichen Missionswerkes Missio ist sie selbst zu Gast, begrüßt alte Freunde, umarmt sie und scherzt mit ihnen. Sie mag es, hier zu sein. „Ich bin gerne in Deutschland“, sagt Marlyn Capio.


Der Leidensweg von Marlyn Capio


Selbstverständlich ist das nicht. In ihrem Fall ist es verwunderlich, im Grunde beschämend für dieses Land. 1993 war Marlyn Capio das erste Mal in Deutschland – ein Jahr lang, ein furchtbar langes Jahr. Sie war von einem deutsch-philippinischen Paar aus ihrer Heimat verschleppt worden. Bei der Ausreise aus den Philippinen und der Einreise nach Deutschland habe es keine Probleme gegeben, sagt Jörg Nowak von Missio, der Capio seit vielen Jahren gut kennt. Das Paar habe einfach behauptet, das Mädchen schützen und adoptieren zu wollen. Tatsächlich sei die damals 13-Jährige mit verbundenen Augen und völlig orientierungslos ein Jahr lang von einem Ort zum anderen transportiert und täglich von Männern missbraucht worden.

Seit Jahrzehnten kämpft Missio gegen jenes abartige Phänomen, das als „Sextourismus“ verharmlost wird, als sei es nichts anderes als ein Urlaubsvergnügen. Tatsächlich ist es ein grausames Verbrechen, für das im Internet ganz offen und einfacher denn je Werbung gemacht wird. „Die meisten Männer, die als Touristen auf die Philippinen kommen, wollen Sex“, sagt Capio. „Es ist aber nichts anderes als Kinderhandel.“ Missio geht davon aus, dass pro Jahr rund 400.000 deutsche Männer als sogenannte Sextouristen vor allem nach Asien fliegen und viele von ihnen sogar vor dem Missbrauch von Kindern nicht zurückschrecken. Manche reisen auch nur kurz über die Grenze nach Tschechien. „Das ist kein Sextourismus“, sagt Nowak. „Das ist Sex-Terrorismus.“

Was geht in den Köpfen von Männern vor, die auf die Philippinen fliegen, um sich dort an 13- oder 14-jährigen oder noch jüngeren Mädchen zu vergehen? „Sie wollen Minderjährige haben, weil sie davon ausgehen, dass die keine Geschlechtskrankheiten haben“, sagt Capio. Das Schicksal ihrer Opfer interessiere sie nicht. „Und die Mädchen wissen oft gar nicht, was ihnen geschieht. Sie werden ans Bett gefesselt, und die Täter drehen auch noch Videos.“ Sie erzählt von unvorstellbaren Grausamkeiten und sadistischen Verbrechen sogar an Kleinkindern, die niemand schildern möchte – auch an dieser Stelle in unserer Zeitung nicht.

Capio war Anfang der 90er Jahre zu Hause von ihrem Stiefvater vergewaltigt worden und von zu Hause ausgerissen – leichte Beute für Menschenhändler wie unzählbare andere Kinder und Jugendliche, die in philippinischen Städten damals wie heute zur Prostitution gezwungen werden. „Eine Frau in Olongapo versprach mir, mich zur Schule zu bringen und schickte mich zu einem Haus. Ich wusste gar nicht, was Prostitution ist. Ich war ein Kind und hatte einfach keine Kraft, mich dem zu widersetzen.“

Marlyn Capio erzählt. Sich das anzuhören, fällt schwer. Aber sie hat einen Anspruch darauf, dass man ihr zuhört. „Ich hatte Angst, dass ich getötet werde, wenn ich Nein sage. Ich kannte niemanden. Was sollte ich tun? Ich habe getan, was mein Boss mir befahl. Ich hatte doch gar keine Wahl.“

Eine Vorstellung, wie lange dieses Martyrium dauern würde, habe sie damals nicht gehabt. 1996 gelang es ihr mit Hilfe des irischen katholischen Paters Shay Cullen, dieses verheerende Dasein zu verlassen. Cullen setzt sich seit mehr als vier Jahrzehnten in Olongapo – einer Hochburg sexueller Ausbeutung nordwestlich der Hauptstadt Manila – für die betroffenen Mädchen ein; Missio unterstützt ihn dabei. Er hat dort das Kinderschutzzentrum Preda aufgebaut, das er nach wie vor leitet. Dort hat es Capio in jahrelangem Bemühen geschafft, ihre körperlichen und seelischen Schmerzen zu überwinden; aber ganz werde sie ihre furchtbare Vergangenheit nie hinter sich lassen können, sagt sie. „Das geht nicht weg. Das bleibt auf Dauer – so lange, wie ich lebe.“

Capio hat eine Ausbildung gemacht, studiert und hilft Cullen im Preda, jene Mädchen zu therapieren, die ähnliche Schicksale wie sie erlebt haben. Sie helfen so vielen wie irgendwie möglich. „Ich habe sie dort erlebt“, sagt Nowak, „wie sie sich um die Mädchen kümmert, wie viel Energie sie ihnen mitgibt, um diese schlimmen Erfahrungen zu verarbeiten.“ Capio ist eine von Cullens wichtigsten Mitarbeiterinnen, klärt die Mädchen auf der Straße auf, unterstützt die Polizei bei Razzien und macht sich dabei keine Illusionen: „Die Touristen haben Geld genug. Sie bestechen die Polizei und die Justiz. Deshalb passiert ihnen nichts.“ Oder die Polizei hat einmal im Monat freien Eintritt im Bordell . . .

Dem Preda-Zentrum geht es in erster Linie um tatkräftige unmittelbare Hilfe für die Opfer vor Ort. Die Täter zur Rechenschaft zu ziehen, gelingt kaum. Einen der seltenen Erfolge kann nicht zuletzt Capio für sich selbst verbuchen. 1996 hatten zwei Männer aus Deutschland und den Niederlanden sie und ein neunjähriges Mädchen tagelang missbraucht und dabei gefilmt, schließlich auf die Touristeninsel Boracay mitgeschleppt. Dort wurden die Männer verhaftet. Der Deutsche wurde in Iserlohn zu dreieinhalb Jahren Haft verurteilt – nicht zuletzt deshalb, weil Capio gegen ihn aussagte. „Darüber ist in den deutschen Medien viel zu wenig berichtet worden, um abschreckend zu wirken“, sagt Nowak.


In Deutschland ein Tabuthema


Missio unterstützt Cullen und dessen Team in der psychologisch-seelsorgerischen Hilfe für die Opfer. Das Aachener Hilfswerk unternimmt seit Jahren verschiedene Aktivitäten gegen Kindesmissbrauch und Menschenhandel – wichtige kleine Beiträge auch in Kooperation mit Fluggesellschaften und anderen Partnern. „Es muss hier in Deutschland ein stärkeres Bewusstsein für die Opfer geben“, fordert Capio. Aber warum gibt es hierzulande keine öffentlich wirksame, durchschlagende Kampagne gegen den sogenannten Sextourismus? „Es ist bei uns nach wie vor ein Tabuthema. Es müsste mal endlich offen darüber gesprochen werden“, sagt Nowak. „Und längst gibt es Cyber-Prostitution. Das ist ein zusätzliches gefährliches Phänomen. Und es erleichtert den Einstieg.“

Jörg Nowak widmet sich seit Jahren bei Missio diesem Thema. „Die Täter fühlen sich in einem straffreien Raum. Und wenn mal einer verhaftet wird, kauft er sich frei.“ Er und sein Gast aus Olongapo erzählen von zwei weiteren Fällen, in denen es Capio gelungen ist oder sie mit dazu beigetragen hat, dass Täter zur Rechenschaft gezogen werden. Ganz sicher dürften sich die Männer also doch nicht fühlen – ein Funken Hoffnung, mehr sicher nicht.

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