Aachen: Merkel und Schulz im TV-Duell: Leser sehen Schulz knapp vorne

Aachen: Merkel und Schulz im TV-Duell: Leser sehen Schulz knapp vorne

16,11 Millionen Zuschauer haben im Fernsehen das einzige TV-Duell der Bundeskanzlerin und ihres Herausforderers vor der Bundestagswahl verfolgt. Fast 20.500 Menschen, darunter auch viele Leser unserer Zeitung, bewerteten die Spitzenkandidaten gleich live mit dem Debat-O-Meter der Universität Freiburg.

Die Wissenschaftler zeigten sich von der zusammengetragenen Datenfülle begeistert und sprachen von der „größten Echtzeitabstimmung“ in der Meinungsforschung, die es jemals bei einem TV-Duell gegeben habe.

In der Tat waren die Leser fleißig: Mehr als 1,53 Millionen Bewertungen gaben sie während der mehr als 90-minütigen Debatte ab. Aber wer hat das Duell nach Ansicht der Leser gewonnen, Amtsinhaberin Angela Merkel (CDU) oder SPD-Kanzlerkandidat Martin Schulz? Wer konnte in den einzelnen Bereichen Punkte sammeln? Ein Überblick:

Die Vorbefragung: Auf die Frage „Was halten Sie ganz allgemein von dem Kandidaten auf einer Skala von -2 (überhaupt nichts) bis +2 (sehr viel)?“ kam Merkel auf einen Wert von 0,33, ihr Herausforderer Schulz musste sich mit -0,07 begnügen. Dabei erzielte die Kanzlerin bei den SPD-Sympathisanten einen Wert von -0,40, Schulz schnitt bei den CDU-Anhängern noch einmal deutlich schlechter ab mit -0,85.

Als die zentralen Probleme in Deutschland machten die Teilnehmer den Schwerpunkt Flüchtlinge, Asyl (24,3 Prozent) aus, vor der inneren Sicherheit (20,6) und der sozialen Gerechtigkeit (17,3). Die Themen Rente (11,4) und Bildung (7,3) fielen demgegenüber in ihrer Bedeutung ab.

Vor dem Duell zeigten sich 26,1 Prozent der Teilnehmer des Debat-O-Meters sicher, dass sie am 24. September voraussichtlich der Union ihre Zweitstimme geben würden. 19,3 Prozent sprachen sich für die SPD aus. Unentschlossen zeigten sich demnach 23,5 Prozent.

0,4 Prozent sagten, sie wollten überhaupt nicht wählen gehen. Die Verteilung der Stimmen auf die anderen Parteien: Grüne (5,4), FDP (10,9), Linke (6,4), AfD (8,0). Die Freiburger Forscher wollen die Befragung jedoch nicht als Wahlprognose verstanden wissen. Die Prozente stellten lediglich die Verteilung der Zuschauer der vier Sender (ARD, ZDF, RTL und Sat1) dar, die gleichzeitig am Debat-O-Meter teilgenommen hätten.

Spannend ist es dennoch zu sehen, wie sich die Stimmung unter den Teilnehmern nach dem TV-Duell eventuell verändert hat.

Die Nachbefragung: Offensichtlich hat der Schlagabtausch dazu geführt, dass der Anteil der Unentschlossenen deutlich abgenommen hat — nur noch 14,4 Prozent der Befragten fühlen sich unsicher. „Das TV-Duell hilft den Wählern, eine Wahlentscheidung zu treffen“, bilanzieren die Entwickler des Debat-O-Meters.

Sowohl CDU/CSU als auch SPD können nach dem Duell in der Wählergunst etwas zulegen. Auf die Frage „Wen würden Sie wählen?“ antworten 29,1 Prozent: die Union; 25,1 Prozent die SPD; die Grünen bevorzugen 5,9 Prozent; die FDP 11,3, die Linke 5,9 sowie die AfD 8,2 Prozent. 0,2 Prozent der Teilnehmer sagen weiterhin, nicht zur Wahl gehen zu wollen.

Fest steht: Merkel gewinnt zwar über alle Teilnehmenden hinweg, Schulz kann aber vor allem die Unentschlossenen überzeugen.

Wer wo punkten kann: Bei der Bewertung auf der Skala von -2 bis +2 überzeugt der SPD-Chef vor allem beim Thema Migration, dort schneidet er bei allen Teilnehmenden (0,35) leicht besser ab als die Kanzlerin (0,31), bei den Unentschlossenen punktet er (0,48) sogar deutlich besser als Merkel (0,08). Im Vorteil zeigt sich die CDU-Vorsitzende in der Außenpolitik, dort lässt sie ihren Herausforderer mit einem Wert von 0,57 zu 0,40 klar hinter sich.

Bei seinem Herzensthema soziale Gerechtigkeit kann Schulz bei allen Teilnehmenden nur 0,22 Zustimmung erzielen, Merkel erreicht einen Wert von 0,37. Allerdings lassen sich die Unentschlossenen eher von Schulz (0,54) denn von Merkel (0,16) überzeugen.

Tops und Flops: Genau hingeschaut haben die Wissenschaftler bei den einzelnen Aussagen der Kandidaten. Den besten Wert bei allen Teilnehmern erzielt Merkel im Themenfeld Migration/Integration mit der Ansage für „Null Toleranz“ gegenüber einem nicht mit dem Grundgesetz konformen Islam. Ihr schlechtester Wert ist im Themenfeld Außenpolitik zu beobachten, als sie ausführt, dass eine völkerrechtliche Verpflichtung zum Familiennachzug bestehe und Deutschland diesbezüglich noch Nachholbedarf habe. Auch die Unentschlossenen lehnen diese Aussage stark ab. Für diese Gruppe hat Merkel ihre beste Stelle bei der Inneren Sicherheit, als sie ein klares Nein gegen Terrorismus formuliert und für eine freiheitliche Lebensweise eintritt.

Bei SPD-Anhängern kommt Merkels Plädoyer an, sich nicht an den Terror zu gewöhnen, sondern sich ihm entgegenzustellen. Weniger gelitten wird dagegen in den Reihen der SPD ihre Aussage im Kontext der gleichgeschlechtlichen Ehe, dass sie die Ehe im Grundgesetz als Verbindung von Mann und Frau verstehe.

Die besten Werte für Schulz sind ebenfalls im Themenbereich Migration zu sehen — als er ausführt, dass Personen, die im Namen der Religionsfreiheit andere Grundrechte einschränken wollten, „in Deutschland nichts verloren“ hätten. Auch seine Ankündigung, als Kanzler die EU-Beitrittsverhandlungen mit der Türkei abbrechen zu wollen, kommen bei den Debat-O-Meter-Teilnehmern gut an. Abgelehnt wird der Angriff auf Merkel im Bereich Innere Sicherheit, als er sie des „schwarzen oder roten Peterspiels“ bezichtigt.

Seinen schlechtesten Wert erhält Schulz von den Unentschiedenen, weil er den Islam als eine Religionsgemeinschaft „wie jede andere auch“ bezeichnet.

Wer hat das TV-Duell gewonnen? Die Wahrnehmung über den Debattensieger ist insgesamt nahezu ausgeglichen. Für Merkel stimmen am Ende 38,9 Prozent, zu Schulz tendieren 40,3 Prozent. Dabei kann die Kanzlerin die Leser aus dem Osten mit 39,0 Prozent mehr überzeugen als Schulz, der dort 36,2 Prozent Zustimmung erhält. Die Kanzlerin punktet eher bei den Frauen und den Älteren, Schulz überzeugt mehr Männer und jüngere Wähler.

Wen würden Sie direkt wählen? Da hat die Kanzlerin mit 46,5 Prozent die Nase vorn vor dem SPD-Kandidaten mit 39,2 Prozent.

Wer ist glaubwürdiger, wer ist kompetenter? In der Nachbefragung der Teilnehmer zeigt sich, dass auf der Skala von -2 bis +2 Merkel mit 0,40 im TV-Duell etwas glaubwürdiger wirkt als Schulz mit 0,35. Klar abhängen kann die Kanzlerin ihren Kontrahenten bei der Frage der Kompetenz: Sie kommt auf einen Wert von 0,57, Schulz auf 0,26. Aber es sind noch knapp drei Wochen bis zur Wahl.

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