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Virologe Christian Drosten: Medien müssen Corona-Berichterstattung aufarbeiten

Virologe Christian Drosten : Medien müssen Corona-Berichterstattung aufarbeiten

In Köln ist am Donnerstagabend einer der wichtigsten Fernsehpreise verliehen worden. Es gab viel Lob - aber auch einen Aufruf zur kritischen Selbstreflexion von einem sehr bekannten Mahner.

Der Virologe Christian Drosten hat die deutschen Medien zu einer kritischen Reflexion ihrer Arbeit in der Corona-Pandemie aufgerufen. „Wir werden noch lange zu knabbern haben an der Aufarbeitung der Pandemie. Eine Nachbesinnung ist nicht nur in der Politik und der Wissenschaft, sondern unbedingt auch im Journalismus nötig“, sagte der bekannte Experte am Donnerstagabend bei der Verleihung des Hanns-Joachim-Friedrichs-Preises für Fernsehjournalismus in Köln. „Unsere Realität ist das, was die Medien uns spiegeln.“ Hierin liege eine immense Verantwortung.

Die Journalisten sollten sich zum Beispiel fragen, wieviel Zuspitzung und Personalisierung möglich sei. „Darf es in den Unterhaltungsformen des Journalismus ein "Teile und Herrsche" geben, also das Teilen von Meinungen zur Beherrschung eines Marktanteils?“, fragte Drosten. „In einer Pandemie kostet unverantwortliches Handeln Menschenleben“, mahnte er.

Drosten hielt die Laudatio auf den Filmregisseur Carl Gierstorfer, dessen vierteilige Doku-Serie „Charité intensiv - Station 43“ mit dem Hanns-Joachim-Friedrichs-Preis augezeichnet wurde. Die Doku-Serie zeigt die Arbeit auf der Intensivstation der Berliner Universitätsklinik im Corona-Winter 2020/21. Sie gehört laut Rundfunk Berlin-Brandenburg (RBB) zu den erfolgreichsten Formaten des Jahres und wurde in der ARD-Mediathek millionenfach abgerufen.

Gierstorfers Film sei eine sehr stille Dokumentation, sagte Drosten, der selbst Institutsdirektor an der Charité ist. Der sparsame Umgang mit Kommentaren sei ein Stilmittel. Und doch liefere der Film ohne zu kommentieren einen politischen Kommentar: Er erfasse die Misere der Pandemie auf eine Weise, die in Twitter-Schlachten und Meinungsbeiträgen nie erreicht werden könne. Die Misere „liegt auf den Gesichtern der Patienten, ihrer Kinder und Lebenspartner. Und sie spiegelt sich in den Augen des medizinischen Personals wider.“

Drosten sagte, in der Corona-Pandemie gehe es zu oft darum, was der Einzelne davon habe, wenn er sich impfen lasse oder die Schutzregeln einhalte. Tatsächlich aber habe das Handeln des Einzelnen direkte Folgen für zahllose andere Menschen. „Es geht auch darum, einen Beitrag zu einem gesellschaftsweiten Schutz zu leisten. Ohne flächendeckende Impfung kann nur die Reduktion von Kontakten verhindern, dass zu viele schwere Infektionen gleichzeitig auftreten und das Gesundheitssystem überlastet wird.“

Der Hanns-Joachim-Friedrichs-Preis ging am Donnerstag außerdem an die ZDF-Journalistin Katrin Eigendorf, die oft aus Kriegs- und Krisengebieten wie Afghanistan berichtet. Katrin Eigendorf sei für einige „Sternstunden des Fernsehens“ verantwortlich, sagte der Schriftsteller und Islamwissenschaftler Navid Kermani in seiner Laudatio. Er nannte beispielhaft ihren Bericht über eine afghanische Bürgermeisterin. So etwas gelinge einem nur durch lange Vorarbeit, Sprachkenntnisse und Beziehungen vor Ort.

Einen Sonderpreis erhielt das „ZDF Magazin Royale“ mit Jan Böhmermann. Der Journalist Deniz Yücel sagte, Böhmermann und sein Team begnügten sich nicht mit einer witzigen Kommentierung des politischen Geschehens. Kennzeichnend für die Sendung sei eine intensive Recherche zu aktuellen wie auch scheinbar abseitigen Themen.

Frühere Gewinner des Hanns-Joachim-Friedrichs-Preises sind unter anderem Anne Will, Maybrit Illner, Sandra Maischberger, Marietta Slomka, Oliver Welke und Claus Kleber. Der Preis trägt den Namen des 1995 gestorbenen Reporters und „Tagesthemen“-Moderators Friedrichs, der dafür eintrat, dass Journalismus keine Ware wie jede andere werden dürfe.

(dpa)