Aachen: Martin Schulz fordert: „Aufstand der Anständigen“

Aachen: Martin Schulz fordert: „Aufstand der Anständigen“

Ihn treibt die Sorge um Europa um: Martin Schulz, der Präsident der Europaparlaments, will den gesellschaftlichen Widerstand mobilisieren. Widerstand gegen Menschenverächter, gegen Populisten, gegen „die Feinde der Freiheit“. Im Interview mit unserer Zeitung erklärt der Sozialdemokrat, warum die großen Herausforderungen des 21. Jahrhundert nur von einem geeinten Europa bewältigt werden können.

Sie wollen, so Ihr Appell, „das Feld nicht den großen Vereinfachern überlassen“. Wer ist da besonders gefordert?

Schulz: Wir alle sind gefordert, egal ob in der Politik, im Verein, in den Medien oder im Betrieb. Wir müssen den Le Pens, Trumps, UKIPs, der AfD laut und deutlich widersprechen und klar sagen was sie sind: Feinde der Freiheit und Propagandisten des Nationalismus, des Gegeneinander, der Hetze.

Was wir brauchen ist ein Aufstand der Anständigen, wie das Gerhard Schröder einmal genannt hat, um gegen diese Menschenverächter zu mobilisieren und unser europäisches Gesellschaftsmodell zu verteidigen. Und wir müssen deutlich machen, dass wir ihr Spiel durchschauen: Für alles haben die Populisten einen Sündenbock, aber für nichts eine Lösung. Mal ist es der Islam, mal die Flüchtlinge, mal die EU, mal Homosexuelle, mal die Parteien, mal die Lügenpresse.

Welche Rolle spielen da die Kirchen, die Religion, die immer wieder genannten christlichen Werte?

Schulz: Sie bieten Orientierung in Zeiten zunehmender Orientierungslosigkeit, in Zeiten, in denen vielen Menschen nach Gemeinschaft, nach Sicherheit, nach Gewissheiten und nach Halt suchen. Die Werte der europäischen Integration, nämlich Zusammenarbeit, gegenseitiger Respekt, Solidarität und das Bewusstsein, dass man als Gemeinschaft stärker ist als allein, sind auch die Werte, für die etwa Papst Franziskus eintritt.

Man kann die Rolle der Kirchen und der Religion deshalb gar nicht hoch genug einschätzen. Für mich gilt: Es spielt keine Rolle, ob jemand aus einer religiösen — sei es christlich, jüdisch oder muslimisch — Motivation oder aus einer anderen ethischen Grundlage zum Humanismus findet. Entscheidend ist, dass man das Miteinander und Verbindende sucht.

Woran droht die EU zu scheitern: an mangelnden Werten, an nicht mehr vorhandenen gemeinsamen Perspektiven, am fehlenden Konsens über die Frage der Gerechtigkeit oder woran?

Schulz: Die junge Generation weiß nach meiner Beobachtung genauso wie ihre Großeltern-Generation sehr genau, wie wichtig die europäische Integration ist. Was mir aber große Sorge macht ist die Gleichgültigkeit, die vielerorts um sich greift, gerade auch in Regierungszentralen. Die EU droht zu scheitern? Nun, dann scheitert sie eben, es wird schon weiter gehen. Diese Geschichtsvergessenheit, diese Blauäugigkeit und diese Verantwortungslosigkeit machen mich fassungslos.

Man kann es gar nicht oft genug sagen: die europäische Integration ist das Beste, was diesem Kontinent je passiert ist, sie ist der Grund für den Wohlstand, den Frieden und die Sicherheit, die wir seit über 70 Jahren genießen. Das ist beispiellos. Wollen wir das wirklich leichtfertig aufs Spiel setzen? Wir müssen endlich damit aufhören diese Errungenschaften als gegeben hinzunehmen. Das sind sie nicht. Sie sind das Produkt der europäischen Zusammenarbeit.

In Zeiten der Globalisierung hat nur ein weltoffenes und vor allem auch selbstbewusstes Europa eine Chance. Warum ist das für viele, die den Vereinfachern in zahlreichen EU-Ländern hinterherlaufen, nicht mehr vermittelbar?

Schulz: Ich glaube schon, dass wir den Menschen, auch jenen, die derzeit den Spaltern und Vereinfachern folgen, klar machen können, dass ein Rückzug in die nationalstaatliche Idylle kein einziges Problem lösen würde, im Gegenteil. Dass es absurd ist zu glauben, ein Land allein könnte die großen Herausforderungen des 21 Jahrhunderts lösen, egal ob Klimawandel, Migration, Handel, Steuerflucht, Digitalisierung, internationale Kriminalität und und und.

Ich bin sicher, dass die Grundidee der EU, nämlich sich unterzuhaken und Probleme gemeinsam anzupacken, weil man so stärker und durchschlagskräftiger ist, nach wie vor trägt und dass die Menschen das sehr wohl verstehen. Wir müssen nur viel offensiver und leidenschaftlicher für Europa und diese großartige Idee kämpfen und dürfen den Populisten nicht das Feld überlassen. Die schreien und poltern zwar am lautesten, aber Recht haben sie deswegen noch lange nicht.

Wie lautet Ihr wichtigster Satz, wenn es um Aufbruch, Engagement und Herzblut für Europa geht?

Schulz: Was wir in Europa geschaffen haben ist nichts anderes als Realität gewordene Utopie. Deshalb ist Europa für so viele Menschen auf der Welt Sehnsuchtsort, Hoffnung und ein Beispiel, dem man folgen will. Die Europäische Union steht für Miteinander statt Gegeneinander, für Einbeziehung statt Ausgrenzung, für Solidarität nach innen und zwischen den Völkern, für Dialog, Respekt, Zusammenarbeit und Frieden. Für all das lohnt es sich zu kämpfen. Jeden Tag.