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Aachen: Mandela wird 100 Jahre alt: Was ihn einzigartig macht

Aachen : Mandela wird 100 Jahre alt: Was ihn einzigartig macht

Als Nelson Mandela 1962 im Untergrund aufgegriffen wurde, sagte er in seinem Prozess: „Ich habe gegen weiße und gegen schwarze Vorherrschaft gekämpft. Ich bin stets dem Ideal einer demokratischen und freien Gesellschaft gefolgt, in der alle Menschen friedlich und gleichberechtigt zusammenleben.

Für dieses Ideal lebe und kämpfe ich.“ Nur wegen der internationalen Aufmerksamkeit wurde er nicht zum Tode verurteilt, stattdessen kam er 27 Jahre lang ins Gefängnis, 18 davon auf der Gefängnisinsel Robben Island. Am Dienstag wäre der Friedensnobelpreisträger, der im Dezember 2013 starb, 100 Jahre alt geworden. Unser Redakteur Christoph Pauli unterhielt sich mit dem Aachener Südafrika-Experten Stephan Kaußen, der mehrere Bücher über den charismatischen Politiker geschrieben hat.

Mandelas ursprünglicher Vorname seines Stammes der Xhosa war Rolihlahla, übersetzt der „Unruhestifter“: War er nicht eher das Gegenteil?

Stephan Kaußen: Es gibt schon Momente, in denen er ein Unruhestifter war. Er ist die von seinem Vormund angeordnete Ehe nicht eingegangen und vom Land in die große Stadt abgehauen. Später, in seiner Partei, dem African National Congress (ANC), hat er federführend entschieden, dass der passive gandhihafte Widerstand nicht zum Ziel führen wird, weil die Repression des Apartheid-Regimes zu stark war. Der ANC hat deswegen auch terroristische Akte verübt. Aber gleichzeitig und vor allem war Mandela natürlich ein Ruhestifter. In der langen Haftzeit ist er reflektierter, humanistischer und umarmender geworden.

Als Nelson Mandela am 11. Februar 1990 nach 27 Jahren aus dem Gefängnis entlassen wurde, sprach er vor Zehntausenden Menschen in Kapstadt und Soweto. War es für ihn immer klar, dass er eine Versöhnungsrede halten wird?

Kaußen: Niemand wusste, wie er sich äußern wird. Mandela hat die Hoffnungen der meisten Menschen erfüllt, er hat sofort die Brücke zwischen den Schwarzen und Weißen gebaut. Im Gefängnis ist er ein echter Humanist geworden. Dort hat er sich permanent weitergebildet, und die schwarzen Gefangenen haben aus Robben Island fast eine Art Universität gemacht. Als Mandela entlassen wurde, hatte er dann ganz sicher die Weisheit des Alters erreicht, die ihm früher noch abging.

Wieso hat er nie einen Hass gehegt gegen seine Peiniger, die ihn so lange weggesperrt haben und ihn selbst noch im Gefängnis die Apartheid spüren ließen?

Kaußen: Das ist das Wunder seiner Person. Es gibt in der Geschichte nur ganz wenige Männer wie Jesus Christus, Mahatma Gandhi oder Martin Luther King, die diese humanistische Fähigkeit haben, auch Feinde zu umarmen.

Die Regierung hat ihm seine Freilassung schon 1985 angeboten — unter der Voraussetzung, dass seine Partei ANC auf den bewaffneten Kampf verzichte. Er hat abgelehnt mit dem Hinweis: „Ihr wollt nur Ruhe, ich will Frieden.“ Ist er nie gebrochen gewesen in dieser Zeit auf der Gefängnisinsel?

Kaußen: Er ist mehrmals nahezu verzweifelt, das geht aus seiner Autobiografie („Long walk to freedom“) hervor. Man hat ihn nicht zu Beerdigungen engster Familienmitglieder gelassen, Besuche waren kaum möglich, Briefe an ihn wurden teilweise geschwärzt. Zensur pur. Und dennoch: Er ist immer auf die weißen Gefängniswärter zugegangen. Er wollte sich nicht von seinen Unterdrückern aufzwängen lassen, wie die schwarzen Gefangenen zu leben hatten. Es ging ihm um Respekt. Und diese Würde hat er nie verloren, auch wenn das Fundament manchmal sehr dünn war.

Die Revolution nach seiner Freilassung wurde verhandelt — und eben nicht kriegerisch ausgetragen. Ist dieser friedliche Übergang Mandelas größtes Vermächtnis?

Kaußen: Einer seiner ersten Sätze war sinngemäß: „Werft alle Waffen ins Meer, wir brauchen Versöhnung und keine Vergeltung.“ Die Revolution hat er aber nicht alleine ausgehandelt, sondern der seit dem Frühjahr 2018 amtierende Präsident Cyril Ramaphosa war einer seiner wichtigsten Mitstreiter. Es gab zahlreiche Konflikte unter den Bevölkerungsgruppen, es gab sogar mehrere rechtsradikale Anschläge. Fakt ist: Ohne Mandelas große mediale Appelle wäre die Lage definitiv eskaliert.

Mit dem Ende seiner Haft wurde auch seine Partei wieder zugelassen. Was wurde aus dem ANC-Versprechen „ein besseres Leben für alle“?

Kaußen: Versprochen wurde viel, gehalten wenig. Es gibt gravierende Errungenschaften wie die politische Freiheit, Wahlfreiheit, Presse- und Meinungsfreiheit, auch den Rechtsstaat, der zumindest theoretisch nach dem Prinzip „Gleiches Recht für alle“ funktioniert. Wenn man Südafrika zum Beispiel mit Putins Russland, aber auch mit der heutigen Türkei vergleicht, hat das Land sehr viel richtig gemacht. Es gibt keinerlei Einschränkungen der Opposition oder Andersdenkender. Aber: Die ökonomischen Lebensbedingungen haben sich für die Hälfte der Bevölkerung doch nicht verbessert. Ich habe mich vor ein paar Jahren intensiv mit dem Menschenrechtler und Friedensnobelpreisträger Desmond Tutu in Kapstadt unterhalten dürfen. „Demokratie kann man leider nicht essen“, hat er gesagt. Das gilt bis heute. Es gibt inzwischen auch sehr viele reiche Schwarze, die zum Teil dann leider auch allzu schnell vergessen haben, wo sie sozialpolitisch herkommen. Die Mehrzahl allerdings verharrt in den desolaten Lebensbedingungen.

Südafrika beklagt immer noch eine hohe Kriminalitätsrate und eine Arbeitslosenquote von etwa 30 Prozent. Hat das Land am Kap der Guten Hoffnung seine Zukunft verspielt?

Kaußen: Das würde ich fast schon so sehen, weil es schon ein, zwei Generation gibt, die chancenlos sind. Auch übrigens, weil sie sich nicht weitergebildet haben und der Staat darauf viel zu wenig Wert gelegt hat. Die Chancengesellschaft, wie ich es nenne, hat es nicht im Ansatz gegeben. Bildung ist immer noch das Privileg der Betuchten. Das ist auch ein deutlicher Vorwurf an die Nachfolger von Nelson Mandela, die ihr Mandat nicht im Sinne des Allgemeinwohls genutzt haben.

20 Millionen Schwarze leben geschätzt in den Verhauen rund um die großen Städte, fernab von Bildungsmöglichkeiten. Ist es denkbar, dass es noch einmal eine Revolution geben wird?

Kaußen: Das wäre, so hart das klingen mag, beinahe konsequent. Einerseits wäre es fast notwendig, sich gegen die Neureichen und politisch Etablierten aufzulehnen, andererseits wäre jedoch ein hoher Blutzoll der Preis. Mich würden massenweise Proteste nicht wundern. Ich bezweifle aber, dass die Unterschicht in den Townships ausreichend organisiert ist oder auch nur begreift, wie man sie hängenlässt. Die berühmte Schere zwischen Arm und Reich ist jedenfalls fast nirgends so eklatant geöffnet wie am Kap der Guten Hoffnung. Welche Ironie?!

Mandela gewann 1994 die erste freie Wahl, das Amt des ersten schwarzen Staatspräsidenten gab er schon fünf Jahre später auf. Warum hat er auf dem Höhepunkt seiner Macht aufgehört?

Kaußen: Zuerst einmal Kompliment dafür! Wer geht schon freiwillig? Viele Politiker kenne ich nicht, die das machen. Und Mandela hat verstanden, dass der Wechsel zum Wesen der Demokratie gehört! Beurteilt man allerdings die Geschichte, hat er wohl zu früh aufgehört. Aber er war auch schon alt und sehnte sich nach ein wenig Ruhe und auch Freiheit im Sinne von wohlverdienter Rente. Das muss man verstehen, gerade nach diesem Leben für den Kampf um Gleichheit und Freiheit.

Bis vor ein paar Wochen war Jacob Zuma einer seiner Nachfolger. In Hunderten Fällen wurde er der Korruption, des Betrugs, der Steuerhinterziehung und der Vergewaltigung bezichtigt. Wieso kann sich ein solcher Politiker neun Jahre im höchsten Staatsamt halten?

Kaußen: Das ist die große Frage. Zuma ist für mich der „Berlusconi Südafrikas“ gewesen. Das habe ich auch so geschrieben. Überall in Afrika gibt es den unglaublichen Bonus der Befreier von gestern, egal wie sie dann regieren, wenn sie an der Macht sind. Die Männer, die man in Afrika „Big Men“ nennt, bleiben Jahrzehnte an der Macht, sie können tatsächlich regieren wie sie wollen, sie werden immer wieder gewählt und oft sogar angehimmelt. Da steht sich Afrika fast überall selbst im Wege! Und es gibt inzwischen eine nicht unerhebliche wirtschaftliche und politische Elite, die gar kein Interesse an Veränderungen hat. Unsere europäische Hoffnung, dass sich auf Strecke der Intellekt durchsetzt, hat sich nicht erfüllt. Schlimmer noch: Südafrika ist amerikanisiert.

Was meinen Sie damit?

Kaußen: Konsum scheint mittlerweile die wichtigste Freiheit zu sein. Der Hedonismus greift um sich: Hauptsache, mir und meinem Umfeld geht es gut. Nach mir die Sintflut! Oberflächlichkeit und Populismus regieren. Tempo statt Tiefgang. Südafrika hat viele schlechte Seiten der USA übernommen, wie etwa auch das Medienniveau.

Was würde Mandela heute zum fortschreitenden Nationalismus sagen?

Kaußen: Er würde sich im Grabe umdrehen. Seine Nachfolger haben sein Erbe verschwendet. Eine Schande! Ich fürchte, Mandela käme in dieser Welt nur noch schwer klar, weil der Humanismus und Altruismus kaum noch ausgeprägt ist. Früher interessierten sich die Menschen zum Beispiel für Volkswirtschaftslehre, heute geht es nur noch um Betriebswirtschaftslehre, um egoistisches Denken.

Würde so ein Brückenbauer verzweifeln in der Welt der Egomanen?

Kaußen: Es gibt keine Politiker dieses Formats mehr, die verschiedene Gruppen oder auch ganze Nationen umarmen könnten. Auch bei uns in Deutschland und Europa leider nicht mehr. Wo sind die Hans-Dietrich Genschers oder Richard von Weizsäckers? Statt Helmut Kohl haben wir Angela Merkel, statt Gorbatschow Putin, statt Obama Trump. Ein Armutszeugnis der ach so modernen Politik und Gesellschaft. Die im Tempowahn nicht mehr nach Tiefgang und langfristigen Perspektiven sucht. Wir sollten uns wieder gelebte Vorbilder suchen, wie die genannten — und sie bitte schön auch ernst nehmen! Nicht nur in Sonntagsreden so tun. Der einzige, der heutzutage noch Mandela-Format besitzt und für Demut, Güte und Bescheidenheit steht, ist Papst Franziskus. Nelson Mandela würde heute mit seiner „sanften Dominanz“, die ich ihm in meinem neuen Buch zuschreibe, als Mahner auftreten. Er würde seine Gesprächspartner respektieren und die Begegnung auf Augenhöhe predigen.