Düsseldorf: „Lehrermangel kann man nicht beseitigen“

Düsseldorf : „Lehrermangel kann man nicht beseitigen“

Die NRW-Schulministerin will nichts weniger, als die „weltbeste Bildung“. Dafür fehlen Yvonne Gebauer (FDP) aber Lehrer. Es wird nicht leicht, diese Stellen zu besetzen. Daneben sieht sie die Digitalisierung als Herausforderung, „der wir uns stellen müssen — sonst verlieren unsere Schüler den Anschluss in Bezug auf andere Nationen“, sagte Gebauer im Gespräch mit Anja Clemens-Smicek und Madeleine Gullert.

Frau Gebauer, Sie sind beinahe ein Jahr im Amt. Macht Ihnen Ihr Job noch Spaß?

Gebauer: Ja, mir macht das Amt Freude. Auch wenn wir große Herausforderungen im Bereich der Bildungspolitik in NRW zu bewältigen haben. Bildungspolitik ist ein Tanker. Es dauert, bis man diesen bewegt. Natürlich würde ich gern mal ein Projekt in kurzer Zeit zum Abschluss bringen, aber alles hängt miteinander zusammen, und man muss viele Rädchen drehen, bis sich etwas bewegt.

Ein Rädchen ist G9. Bekommen Sie das Gesetz rechtzeitig durch?

Gebauer: Ja, ich gehe fest davon aus, dass der Landtag das Gesetz vor der Sommerpause verabschieden wird.

Es hakt noch etwas. Der Hauptkritikpunkt am Gesetz ist, dass es keine generelle Rückkehr zu G9 gibt, sondern die Möglichkeit für G8 verbleibt. Sind Sie nicht mutig genug für eine klare Entscheidung?

Gebauer: CDU und FDP haben beide im Wahlkampf für Wahlmöglichkeiten plädiert, und wir werden das umsetzen, wofür wir gewählt wurden. Die Leitentscheidung heißt G9, aber Schulen, die zufrieden mit G8 sind und dabei bleiben wollen, sollen das auch dürfen. Das hat auch etwas mit Freiheit von Schulen zu tun.

Fürchten Sie denn nicht Konsequenzen für andere Schulformen? Der Run auf die Gesamtschulen ist auch deshalb so groß, weil man dort weiter das Abi nach neun Jahren machen konnte.

Gebauer: Ich sehe da kein Problem. Die Gesamtschulen haben schon heute einen großen Zulauf, dass etliche Schüler abgelehnt werden. Allein in Köln fehlten knapp 1000 Plätze.

Aber wenn wieder mehr Kinder aufs Gymnasium wollen, während gleichzeitig die Hauptschulen auslaufen, könnte sich das Gefüge an den Gesamtschulen arg verschieben . . .

Gebauer: Das lässt sich jetzt noch nicht prognostizieren. Aber es haben viele Eltern und Schüler, aber auch Lehrer für G9 gekämpft. Die Rückkehr zu G9 ist maßgeblich auch deshalb erfolgt. Ich bin optimistisch, dass sich das in den kommenden Jahren in der Schullandschaft ruckeln wird.

Für G9 werden weitere Hunderte Lehrer benötigt. Wo wollen Sie die herzaubern?

Gebauer: Für G9 werden im Endausbau mehr als 2000 Lehrer gebraucht, aber nicht zu Beginn der Umstellung. Wir haben generell einen Lehrermangel, das ist richtig. In unserer gerade erstellten Lehrerbedarfsprognose erwarten wir eine Unterversorgung in den nächsten zehn Jahren von bis zu 15.000 Lehrern. Auf der anderen Seite gibt es in derselben Zeit einen Überhang bei Oberstufen-Lehrern von bis zu 16.000. Das ist mein Erbe der Vorgängerregierung, wofür ich jetzt schnellstmöglich Lösungen finden muss..

Aber dabei geht es ja auch ums Geld. Wer auf Sek II studiert hat, will nicht unbedingt Sek I unterrichten, weil er dann weniger verdient.

Gebauer: Wenn man in Konkurrenz zu 16.000 anderen Lehrern steht, sollte man sich das genau überlegen. Ein Job an einer Grundschule ist eine tolle Aufgabe. Wir weisen in der Begleitung zu unserer neuen Lehrerwerbekampagne extra darauf hin, welche Fächer gute Berufsperspektiven haben. Es hat wenig Sinn nur nach Neigungen zu studieren, wenn es in dem Bereich schon zu viele Lehrer gibt. Ich kann Studierende nicht sehenden Auges eine Fächerkombination wählen lassen, die kaum Chancen auf eine Einstellung bietet.

An manchen Schulen gehen kaum Bewerbungen ein. Sollte man nicht darüber nachdenken, die Lehrer nach Bedarf zu verteilen?

Gebauer: Das wären ja im schlechtesten Fall Zwangsabordnungen. Das ist für mich das Mittel, das ich zuallerletzt wählen würde, um dem Lehrermangel entgegenzutreten. Ich versuche zunächst alle anderen Maßnahmen auszuschöpfen. Wir prüfen gerade alle Möglichkeiten.

Was wäre das?

Gebauer: Das berichte ich dann, wenn die Prüfung abgeschlossen ist.

Lassen Sie die Schulen allein?

Gebauer: Nein, wir versuchen alles, um den Lehrermangel zu bekämpfen. Die Lehrer wissen, dass der Mangel nicht erst seit gestern besteht. In der Vergangenheit sind keine Vorkehrungen getroffen worden. Das rächt sich jetzt. Eine Möglichkeit ist das Kapitalisieren von Stellen aber auch ein Ausbau der Schulverwaltungsassistenten. Das kann auch für eine Entlastung der Lehrer sorgen. Wir drehen an allen Stellschrauben und lassen nichts unversucht.

Es fehlen besonders viele Lehrer in den naturwissenschaftlichen Fächern, weil ein Chemie-Absolvent lieber in die Wirtschaft geht als an die Schule.

Gebauer: Ja, wir stehen in Konkurrenz zu Unternehmen und sind immer zweiter Sieger, weil die freie Wirtschaft mehr Geld zahlen kann in diesen Bereichen. Gerade in den MINT-Fächern führt aber fachfremder Unterricht nicht zu den gewünschten Ergebnissen. Wir müssen uns deshalb im Bereich Informatik, Technik und Mathematik Hilfe von außen holen. Der Mangel dort hat sich bereits in den vergangenen Jahren angedeutet. Darauf habe ich in der Vergangenheit aus der Opposition heraus hingewiesen. Leider ist aber nichts passiert.

Also viele Vorwürfe an Ihre Vorgängerin Sylvia Löhrmann...

Gebauer: Nein, nicht viele. Das waren jetzt zwei. Das hält sich bei den Herausforderungen, die wir in NRW haben in Grenzen.

Man könne Ihrer Vorgängerin auch vorwerfen, die Inklusion nicht richtig umgesetzt zu haben. Warum sind Schwerpunktschulen jetzt die Lösung?

Gebauer: Wir werden unsere vorhandenen Ressourcen bündeln müssen. Ich arbeite derzeit an einem Eckpunktepapier, das kurz vor dem Abschluss steht. Wir müssen in der Inklusion umsteuern, weil der Weg von Rot-Grün nicht der richtige gewesen ist — und zu großem Unmut bei allen Beteiligten geführt hat. Wir setzen auf Qualität statt auf Tempo.

Es gibt die Befürchtung, dass Gymnasien weitgehend inklusionsfrei sein werden.

Gebauer: Alle Gymnasien, die inklusiv unterrichten möchten, sind herzlich dazu eingeladen. Wir werden in dem Erlass auch die Rolle des Gymnasiums deutlich darstellen und wie wir uns Inklusion am Gymnasium vorstellen. Am Ende geht es immer auch um die Frage der Ressourcen — wie Personal und Räumlichkeiten. Diese Fragen müssen beantwortet werden.

Werden Sie am Ende der Legislaturperiode daran gemessen, wie Sie die Probleme in diesem Bereich behoben haben werden?

Gebauer: Den Lehrermangel kann man nicht in fünf Jahren vollständig beseitigen, weil es die Lehrer in Deutschland derzeit schlicht nicht gibt. Ich setze aber alles daran, ihn zu verkleinern. Schon zu Beginn meiner Amtszeit habe ich 2000 Stellen nicht unmittelbar besetzen können. Ein Grund ist die verlängerte Grundschullehrerausbildung. Hier wurde keine Sorge dafür getragen, die daraus entstehende Lücke frühzeitig zu bekämpfen. Das muss ich jetzt reparieren.

Bei Mangel ist auch das Thema Fehlstunden nicht weit. Die ausgefallenen Stunden sollen jetzt wöchentlich erfasst werden. Wie werden die Stunden erfasst, und was genau wird erfasst?

Gebauer: Wir werden im kommenden Schuljahr beginnen, den Unterrichtsausfall schulscharf zu erfassen. Die Schulen werden das ein Mal wöchentlich in verschiedenen Kategorien erfassen. Sie erhalten eine Software, die von IT-NRW programmiert wird. Wer Unterrichtsausfall bekämpfen will, braucht verlässliche Zahlen und Informationen für wirksame Maßnahmen.

Eine Herausforderung ist auch das Klima an den Schulen. Eine Studie hat kürzlich erschreckende Ergebnisse über Angriffe auf Lehrer dargelegt.

Gebauer: Wir ermutigen die Lehrer dazu, alle Straftaten anzuzeigen. Wir haben aber auch die Pflicht, die Lehrer bei den täglichen Herausforderungen zu unterstützen. Dazu gehören Schulsozialarbeiter, Schulpsychologen und pädagogische Fachkräfte. Für den Haushalt 2018 sind etliche neue Stellen für multiprofessionelle Teams beschlossen worden, und wir melden für den Haushalt 2019 weitere Stellen an.

Was sind Ihre weiteren Herausforderungen?

Gebauer: Die Digitalisierung ist eine große Herausforderung, der wir uns stellen müssen — sonst verlieren unsere Schüler den Anschluss in Bezug auf andere Nationen. Andere Länder sind erheblich weiter. Wenn wir weltbeste Bildung auch im Bereich Digitalisierung wollen — und das ist ja mein Ziel —, geht das nur mit hervorragend ausgebildeten Lehrern, einer guten Ausstattung und der Vermittlung von Medienkompetenzen.

In unserer Region gibt es ein sehr drängendes Problem, das vielleicht in Düsseldorf weniger ankommt. Die Schulen fühlen sich alleingelassen mit Vorkehrungen und Notfallplänen für den Fall eines Unfalls im belgischen Atommeiler Tihange.

Gebauer: Das Problem ist im Schulministerium angekommen. Das können Sie mir glauben. Und ich bin auch dafür, derart unsichere Reaktoren wie Tihange abzuschalten. Doch wenn es zu einem Zwischenfall kommen sollte, obliegt das weitere Verfahren nicht mehr bei den Schulen. Dann ist das ein Fall für den Katastrophenschutz.

Es geht den Schulen teilweise auch banal um die Ausgabe von Jodtabletten.

Gebauer: Das müssen letztendlich die Eltern erlauben und dafür benötigen Lehrer, wie bei anderen Dingen auch, Einverständniserklärungen. Wir werden aber zeitnah mit den Schulleitungen vor Ort sprechen, um über das Thema zu beraten.