Aachen/Düsseldorf: Laschet muss seinen Platz erst noch finden

Aachen/Düsseldorf: Laschet muss seinen Platz erst noch finden

Es ist exakt 15.38 Uhr, als die Anspannung auf dem Gesicht von Armin Laschet weicht und einem breiten Strahlen Platz macht. Gerade hat Parlamentspräsident André Kuper das Ergebnis des ersten Wahlganges bekanntgegeben. Auch auf dem Höhepunkt seiner politischen Karriere liegen dem neuen Ministerpräsidenten von NRW Gesten des Triumphes fern.

100 der 199 Abgeordneten im Düsseldorfer Landtag haben für den 56-jährigen Aachener gestimmt, der damit neuer Ministerpräsident des Landes Nordrhein-Westfalen ist. „Viel Erfolg und Gottes Segen“, gibt Kuper dem Nachfolger von Hannelore Kraft (SPD) mit auf den Weg in die Staatskanzlei.

Stehende Ovationen von CDU und FDP, begeisterter Beifall auch von der Tribüne. Gleich in der ersten Reihe sitzt Laschets Familie — Ehefrau Susanne, die beiden Söhne Johannes und Julius, Tochter Eva und Vater Heinz. Der kann die Tränen vor Rührung nicht zurückhalten, wischt sich immer wieder über die Augen und putzt seine Brille. „Ich bin sehr stolz auf meinen Sohn“, sagt er nach der Vereidigung sichtlich bewegt gegenüber unserer Zeitung.

Susanne Laschet, die sich stets betont im Hintergrund hält, wirft ihrem Mann übermütig eine Kusshand zu. Die Erleichterung über den gelungenen Einstand ihres Mannes ist ihr anzumerken.

Auch an diesem schwülen Nachmittag im Düsseldorfer Landtag, auf dem Höhepunkt seiner politischen Karriere, liegen Armin Laschet Gesten des Triumphes fern. Gleich zu Beginn seiner ersten Rede als Regierungschef streckt er seinen politischen Gegnern die Hand aus. Hannelore Kraft dankt er für sieben Jahre „kollegiale Zusammenarbeit zum Wohle des Landes“ und die hervorragende Vorbereitung seines Einzugs in die Staatskanzlei. Blumen für die Wahlverliererin in ihrer wohl schwersten Stunde als Politikerin. Ein kleines Geschenk, das Kraft ihrem Nachfolger überreicht.

Obwohl Laschet seine kurze Rede sicherlich ein ums andere Mal durchgegangen sein wird, versagt ihm die Stimme, als er sich seiner Familie oben auf der Tribüne zuwendet. Er dankt ihr für den Rückhalt, sie sei ein „verlässlicher Kompass“. Schnell hat er sich wieder gefangen, um scherzend hinzuzufügen: „Die Familie ist ja auch oft genug der schärfste Kritiker.“

Laschet weiß um die großen Herausforderungen, die auf ihn warten. Wohl wissend, dass NRW mit rund 140 Milliarden Euro den höchsten Schuldenstand aller Bundesländer hat, ist der 120-seitige Koalitionsvertrag trotzdem gespickt mit Versprechen und Ankündigungen — vom sogenannten Entfesselungsgesetz zum Bürokratieabbau, über mehr Personal für die Polizei, in der Justiz und an Schulen bis hin zu zukunftssicheren Arbeitsplätzen. NRW werde „Impulsgeber und Ideenstifter“ für Deutschland bei zentralen Zukunftsthemen sein, kündigt Laschet selbstbewusst an. In Berlin und Brüssel werde er für die Landesinteressen werben.

Aber auch Demut vor dem Amt ist bei dem CDU-Bundesvize zu spüren. „Minister heißt dienen“, sagt er. Man dürfe nie vergessen, woher man komme, von wem man den Auftrag erhalten habe. Laschet: „Es ist ein Amt auf Zeit.“ Er wolle den Menschen im Land zuhören. „Auch wenn es weh tut und manchmal unangenehm ist.“ Umso wichtiger sei es, die besten Köpfe zusammenzuholen, dann aber auch den Mut zu haben, zu entscheiden. NRW sei ein Industrie-, Transit-, Energie- und Einwanderungsland. Als Ministerpräsident wolle er die vielschichtige Kultur und die Regionen zusammenführen und versöhnen. Um das alles umzusetzen, benötigt Laschet wohl mehr als nur politisches Fortune. Nicht ganz unerwartet fügt der gläubige Katholik seiner Vereidigungsformel den Satz „so wahr mir Gott helfe“ hinzu.

Der gelungene Start zeigt, dass er sich des Rückhalts der CDU- und FDP-Abgeordneten sicher sein kann. Zufrieden sein wird er auch mit den zwei Enthaltungen bei seiner Wahl, die aus den Reihen von SPD und oder Grünen kommen dürften. Dass die rechtspopulistische AfD allem Anschein nach mit 16 ungültigen Stimmen in ihre Landtagsarbeit startet (siehe Zusatzkasten), kommt Laschet ebenfalls gelegen. „Ich hätte es nicht verhindern können, mich zu wählen“, zeigt er sich später gelassen gegenüber unserer Zeitung. Am Abend, so kündigt er an, werde er erst einmal mit Hannelore Kraft im Stadttor, seinem neuen Dienstsitz, die Übergabe vollziehen.

Doch seinen neuen Platz muss Armin Laschet erst noch finden. Denn nach seiner Vereidigung geht er schnellen Schrittes zurück zur Fraktionsbank. Amüsiertes Gelächter unter den Abgeordneten. Da erst bemerkt Laschet seinen Fehler und nimmt zum ersten Mal auf der Regierungsbank Platz, rechts vom Parlamentspräsidenten. Dort wirkt er noch etwas verloren neben den vielen leeren Plätzen. Sein Kabinett, bestehend aus neun CDU- und drei FDP-Minister, wird erst am Freitag vereidigt. Bis dahin ist Armin Laschet allein zu Haus.

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