Kommentiert: Und die FDP klatscht

Kommentiert: Und die FDP klatscht

Da stehen sie, Philipp Rösler und Rainer Brüderle, und lassen sich beklatschen. Die Liberalen applaudieren geradezu euphorisch ihrem Vorsitzenden und ihrem Spitzenkandidaten. Das Motto lautet: „Jetzt erst recht, liebe Freunde!“ Die Dreiprozentigen johlen und pfeifen.

Ja, so ist Politik, und dann dankt man noch schnell den Wahlhelfern. In Bayern, so sagt das der FDP-Bundesvorsitzende eine halbe Stunde nach Schließung der Wahllokale, tickten die Uhren eben anders. Jetzt gehe es um Deutschland. Fertig aus. Ab an die Wahlkampfstände.

Könnte es sein, dass die FDP in Bayern eine völlig konturenlose Politik abgeliefert hat? Dass sie kaum etwas bewegt hat? Dass man ihr deshalb kaum etwas zutraute? Dass sie deshalb so viele Stimmen an die CSU verloren hat? Drei Prozent sind auch in Bayern eine richtige Ohrfeige.

Nun soll in der letzten Woche vor der Bundestagswahl die Zweitstimmenkampagne die FDP retten. Mag sein, dass es funktioniert, voraussagen kann man das nicht. Ob die FDP den entscheidenden Teil ihrer Klientel mit dem desaströsen Ergebnis mobilisiert, wird ein wesentlicher Faktor bei einer immer noch möglichen knappen schwarz-gelben Mehrheit sein. SPD-Chef Sigmar Gabriel hat den Nachruf auf die FDP am Sonntagabend eindeutig zu früh gehalten!

Und: Er und Peer Steinbrück nehmen in ihrer Analyse Bezug auf die angeblich so schlechten SPD-Umfrage-Ergebnisse vor einigen Wochen. Das sind die selben Leute, die uns ansonsten vollmundig erzählen, dass sie von Umfragen gar nichts halten. Man kann sich immer wieder nur wundern über solche inhaltsleeren Bemerkungen.

Auch die Grünen haben wenig Grund zur Freude. Ihr bayerisches Ergebnis stärkt die aktuellen Umfragen, die den Grünen ein deutlich spürbares Schwächeln attestieren. Ihre Wahlkampfthemen zünden nicht. Die SPD hat nach dem katastrophalen Ergebnis von 2008 zumindest wieder die 20-Prozent-Marke überschritten. Die hinzu gewonnenen Stimmen sind aber viel zu gering, um von einem Ude-Effekt sprechen zu können. Eine „Trend-Wende“, wie Christian Ude das nennt, ist das sicherlich nicht.

Also: Rückenwind für die Unionsparteien, kein Grund zur Panik wenige Tage vor der Wahl. Horst Seehofer hat der CSU eine große Portion Selbstbewusstsein zurückgegeben. Die wieder stärker gewordene CSU wird es der CDU in Koalitionsverhandlungen nicht leichter machen. Die bayerische Sonderstellung rund um Themen wie Betreuungsgeld und Maut ist eindeutig stabilisiert worden.

Jetzt wird noch einmal alles und jeder mobilisiert: Sprüche und Sprücheklopfer, unverbindliche und ungezogene Spitzenkandidaten, wie üblich, wie zu erwarten. Noch eine Woche, das ist auszuhalten.

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