Aachen/Jerusalem: Jerusalem: Zwei Staaten, eine Stadt — und keine Lösung

Aachen/Jerusalem: Jerusalem: Zwei Staaten, eine Stadt — und keine Lösung

Als ich im Frühjahr 2006 eine Tagung in Haifa besuchte, nahm ich anschließend an einer Exkursion nach Jerusalem teil. Im Sommer davor hatte nämlich eine israelische Archäologin, Eilat Mazar, die Forschungswelt mit einer sensationellen Entdeckung aufhorchen lassen.

In der Gegend unterhalb des Tempelberges, wo man bereits archäologische Zeugnisse von Besiedlungen aus dem Chalkolithikum (irgendwann zwischen 5500 und 3500 v. Chr.) gefunden hatte und wo man zu Recht die Spuren des antiken Jerusalems vermutete, hatte sie eine breite, behauene Steinplatte freigelegt. Sie datierte ihren Fund in das 10. Jahrhundert v. Chr. und identifizierte ihn relativ kühn als das Fundament des Palastes von König David. Diese „Large Stone Structure“ oberhalb einer architektonisch beeindruckenden, gestuften Stützmauer wurde auch für die vorbeikommenden Touristen eindeutig von einer großen Tafel als „The Remains of King David’s Palace“ (Die Reste des Palastes von König David) erklärt.

Der Aachener Theologieprofessor Simone Paganini versucht sich der Jerusalem-Frage historisch zu nähern. Foto: Harald Krömer

Die Ausgrabungen von Eilat Mazar wurden von einem US-amerikanischen jüdischen Banker (Sohn von Auswanderern aus Nazi-Deutschland) und mit Hilfe einer zionistischen Stiftung („The Shalem Centre“) finanziert. Aber das war nicht der einzige Grund, warum die Interpretation der Funde relativ schnell von der wissenschaftlichen Welt angezweifelt wurde. Nicht nur ausländische Archäologen sondern auch die große Mehrheit der israelischen Forscher hegte Zweifel an der als ideologisch wahrgenommenen Deutung. Die Datierung wesentlicher Scherbenfunde wurde kaum dokumentiert, auch wurden die Fußbodenansätze am Mauerwerk schlicht und einfach zerstört, obwohl völlig klar war, dass darunter nur der Grundstein zu finden war.

Die Frage nach der Historizität von König David und von seinem Nachfolger Salomo — und damit verbunden die Frage nach der historischen Glaubwürdigkeit eines Großreiches Israels am Beginn des ersten Jahrtausends vor Christus — ist allerdings entscheidend, will man im Sinne eines Donald Trump zumindest populistisch den Anspruch des modernen Staates Israel auf Jerusalem als seine Hauptstadt rechtfertigen.

Quellenlage ist spärlich

So wie Ende des 19. Jahrhunderts Heinrich Schliemann mit der Ilias von Homer auf die Suche nach Troja ging (und die Stadt Troja auch fand, allerdings nicht die richtige), so gingen und gehen interessengeleitete Archäologen auch heute noch auf die Suche nach Orten und Menschen aus der biblischen Tradition. Es geht dabei aber schon lange nicht mehr nur darum, die biblischen Berichte zu bestätigen: Archäologie und Bibelwissenschaft sind zu politisch wichtigen Disziplinen geworden.

Die Quellenlage für die Zeit Davids — denn nur mit Quellen kann man Geschichte rekonstruieren — ist in der Tat sehr spärlich. Als literarische Quelle kommt lediglich die hebräische Bibel in Frage, die zwar sehr detailreich das Königtum Davids beschreibt — aber auch ganz klar die Teilung des Reiches nach dem Tod seines Sohnes Salomo. Der biblischen Chronologie folgend war also Jerusalem lediglich von 1004 bis etwa 930 v. Chr. die Hauptstadt Israels. David eroberte sie und jagte die damaligen Bewohner, die Jebusiter, weg. Als archäologische Quelle gibt es über David allerdings nur ein kleines Fragment einer Basaltstele — einem aufgestellte Stein mit einer Inschrift — aus der Mitte des 9. Jahrhunderts v. Chr. In dem sehr fragmentarischen Text wird allerdings relativ eindeutig die Existenz eines „Haus Davids“ — also einer Dynastie mit einem David als Gründer der monarchischen Reihenfolge — belegt. Zu Salomo gibt es leider keine derartigen Belege.

Sowohl die archäologische Forschung als auch die literarische Analyse der biblischen Texte scheinen allerdings den biblischen Bericht nicht als historische Erzählung zu deuten. Zur Zeit der historisch ungesicherten Existenz des Königs David war Jerusalem sehr wahrscheinlich keine Stadt mit einer massiven Mauer, einem Palast und — zur Zeit Salomos — auch mit einem prächtigen Tempel, sondern eher ein unbedeutendes Dorf in den Bergen Judäas, weit weg von Handelswegen und ohne eine militärische oder strategische Relevanz. Erst zweihundert Jahre später — unter der Dynastie der Omriden, die als Vasallen des assyrischen Reiches eine gewisse außenpolitische Wirkung hatten — bekommt Jerusalem eine größere Bedeutung. Die damaligen Regenten ließen — möglicherweise auf der Basis mündlich überlieferter Traditionen — die literarischen Figuren von David und Salomo erstehen und nutzten sie als Legitimationsgrundlagen ihrer Macht. So lautet zumindest eine relativ weit verbreitete Meinung unter seriösen Archäologen und Bibelwissenschaftlern.

Im 8. Jahrhundert ist Jerusalem aber nicht die Hauptstadt des Großreiches Israel, sondern die Hauptstadt des Süd-Reiches Juda. Das deutlich wichtigere und strategisch bedeutendere Reich Israel (das sogenannte Nord-Reich) hat eine andere Hauptstadt, nämlich Samaria. Diese Stadt — und somit auch das Reich Israel — wird 722 v. Chr. von den Assyrern erobert, zerstört und ins assyrische Reich einverleibt. Das Reich Israel hört somit gegen Ende des 8. Jahrhunderts v. Chr. zu existieren auf. Von 722 bis 1948 gibt es — historisch gesehen — kein Israel mehr. Diesbezüglich sind die antiken, aber auch die neueren Quellen eindeutig. Jerusalem war allerdings nicht die Hauptstadt Israels, sondern die Hauptstadt Judas und überlebte als solche noch knappe 140 Jahre.

Die Stadt wurde zum ersten Mal 597 erobert und dann 587/586 von den Babyloniern definitiv zerstört. Erst als das babylonische Reich ein halbes Jahrhundert später von den Persern abgelöst wurde, konnte Jerusalem neu gegründet und der Tempel wieder aufgebaut werden. Die Stadt war natürlich nicht die Hauptstadt Israels, sondern nur ein mehr oder weniger wichtiges Zentrum innerhalb der persischen Provinz Transeuphratene. Das Hauptzentrum in der Gegend war sehr wahrscheinlich Samaria. Ähnliches gilt auch unter den Nachfolgern der Perser, den Griechen. Weder die Ptolomäer noch die Seleukiden zeigten besonderes Interesse für die Stadt Jerusalem. Sie zeigten vielmehr Interesse für den im Jerusalemer Tempel aufbewahrten Schatz, den sie immer wieder plünderten.

Religiöses Zentrum

Nach einer solchen Plünderung startete allerdings die jüdische Bevölkerung eine Revolte, die zur Unabhängigkeit führte. Das priesterliche Königshaus der Hasmonäer regierte in der Folge bis 63 v. Chr. in Jerusalem, welches für ein paar Jahrzehnte wieder Hauptstadt war. Das Land wird in den Quellen allerdings als Judäa und nicht als Israel bezeichnet.

Im Jahr 63 v. Chr. eroberte der römische General Pompeius Syrien, ordnete die Verhältnissen im Orient neu und ließ die letzten Hasmonäer-Könige als Verbündete von Rom im Amt bleiben. Nach einer kurzen Zeit, in der Jerusalem vom Partherreich erobert wurde, bestellte Rom allerdings einen neuen König über Judäa — mit Sitz in Jerusalem. Das war der berühmte Herodes, der den Beiname „der Große“ trug. Seit der römischen Zeit werden die Quellen nicht nur ausführlicher, sondern auch eindeutiger.

Solange die jüdische Bevölkerung Steuern bezahlte und vor allem erfolgreich die wichtige Funktion eines Pufferstaates zwischen dem römischen Reich und dem Reich der Parter ausübte, durfte Jerusalem zumindest als religiöses Zentrum eine gewisse Selbstständigkeit genießen und zwar zunächst innerhalb der Provinz Syrien und dann als Hauptort der eigenständigen Provinz Judäa. Nach einer ersten Revolte wurde jedoch im Jahre 70 n. Chr. der von Herodes prächtig ausgebaute Tempel zerstört. Vier Jahre später wurde die Revolte mit der Eroberung der Festung Masada endgültig zerschlagen und nach einer zweiten Revolte (135 n. Chr.) wurde die ganze Stadt dem Boden gleich gemacht.

Der Wiederaufbau der Stadt als römische bzw. byzantinische — wie die Römer nach der Reichsteilung von 395 n. Chr. im Orient genannt wurden — Kolonie geschah unter den Namen Aelia Capitolina (Aelius war der Beiname des Kaisers Hadrian und Capitolinus war ein Attribut von Jupiter, dem höchsten Gott Roms).

Die Demütigung war damit aber noch nicht komplett. Die Provinz bekam den Name „Palästina“, was auf Latein „Land der Philister“ bedeutet. Die römische Verwaltung bewies somit einen relativ makabren Sarkasmus, indem sie versuchte, 1200 Jahre jüdische Geschichte auszulöschen: Die Philister waren nämlich, der Tradition nach, die großen Feinde von König David. Den Juden jedenfalls wurde unter Androhung der Todesstrafe der Eintritt in die Stadt verboten.

613 wurde Jerusalem von den Persern, die zu dieser Zeit Sassaniden hießen und sich im Kampf mit dem byzantinischen Reich befanden, erobert. Juden halfen und kämpften an der Seite der Perser. Sie durften daher nach dem Sieg die Stadt offiziell wieder betreten, allerdings nur bis 618, als erneut ein Betretungsverbot — und zwar diesmal von der sassanidischen Verwaltung — ausgesprochen wurde. 638 wurde die Stadt schließlich von den Arabern, die wenige Jahre zuvor unter der Fahne des Islam zur Einheit gefunden hatten, erobert. Jerusalem wurde noch einmal umgetauft. Seitdem heißt die Stadt — mit einer kurzen Pause während der Kreuzzüge — al-Quds, auf Arabisch „die Heilige“, und gilt als die drittheiligste Stadt des Islam.

Gerade unter den Muslimen wurde es den Juden wieder erlaubt, sich in Jerusalem anzusiedeln, was — wenngleich nicht immer ganz friedlich — grundsätzlich fast 1400 Jahre lang funktionierte. Muslime bauten in Jerusalem wichtige Kultstätten, erlaubten aber fast durchgehend sowohl Christen als auch Juden, ihre eigene Kultstätte zu pflegen. Das Hauptzentrum der Region war allerdings Damaskus. Als zentrales Ziel von Pilgerfahrten wurde al-Quds erst mit den Kreuzzügen und dann im Osmanischen Reich wichtig.

Ab dem Ende des 8. Jahrhunderts v. Chr. gab es keinen selbstständigen Staat oder ein Reich mit dem Namen „Israel“ und auch eine Hauptstadt Jerusalem gab es seitdem so gut wie nie.

Zentraler Streitpunkt

Im Dezember 1917 übergab das osmanische Reich die Stadt kampflos an die Briten, welche Palästina bis zum Ende des Zweiten Weltkriegs verwalteten. Im unmittelbar danach entflammten Nahostkonflikt ist Jerusalem einer der zentralen Streitpunkte zwischen Juden und Palästinensern. Beide Gruppen beanspruchen heute die Stadt oder zumindest Teile davon als Hauptstadt ihres Staates, von Israel beziehungsweise von Palästina.

Interessanterweise aber erwähnte David Ben Gurion bei der Verlesung der israelischen Unabhängigkeitserklärung in Tel Aviv am 14. Mai 1948 Jerusalem weder als Stadt noch als Hauptstadt des künftigen Staates Israel. Erst am 4. Januar 1950 erklärte Israel Jerusalem zu seiner Hauptstadt, aber erst 1967 nach dem Sechs-Tage-Krieg beanspruchte es die Souveränität über den Ostteil der Stadt, der nach 1948 von Jordanien annektiert worden war.

1988 rief die Palestine Liberation Organization den Staat Palästina aus und erklärte ebenfalls Jerusalem zu seiner Hauptstadt, was allerdings als rein fiktiver Akt betrachtet werden kann. Das Problem ist politisch immer noch ungelöst. Der Friede für die „Stadt des Friedens“, wie die rabbinische, auch vom Christentum übernommene Deutung des Namens „Jerusalem“ heißt, rückt in weite Ferne.

Etymologisch betrachtet ist diese Deutung außerdem Unsinn. Dass in Jerusalem das hebräische Wort für „Frieden“ (schalom) nachklingt, ist ein reiner Zufall. Viel mehr erkennt man in der Bezeichnung der Stadt den Namen einer sehr alten, wahrscheinlich weiblichen altorientalischen (möglicherweise kanaanitischen) Gottheit: „Schalim“. Die Stadt wurde als von der Göttin gegründet (jru) angesehen und nach ihr benannt. Jahrhunderte — wenn nicht Jahrtausende — bevor Juden, Christen und Muslime sie als solche deklarierten und innerhalb ihrer Mauern Heiligtümer erbauten, war Jerusalem bereits eine heilige Stadt.

Dennoch, es ist sehr interessant zu sehen, dass der übliche hebräische Name der Stadt eigentlich Jeruschalajim ist. In der hebräischen Bibel wurden sogar alle Vorkommen des Namens ab dem 7./8. Jahrhundert n. Chr. in diese Richtung korrigiert. Jeruschalajim ist aber grammatikalisch gesehen eine Dualform. Auf Hebräisch wird eine solche grammatikalische Form verwendet, wenn man ein Paar bezeichnen will: zwei Hände, zwei Augen, zwei Füße — und eben zwei Jerusalem(e).

Die Erklärung ist einfach: Die Dualform kann als feierliche Form des Namens angesehen werden. Nichtsdestotrotz ist es schön und hoffnungsvoll festzuhalten, dass die Vorstellung von einem einzigen Jerusalem auch rein sprachlich nicht existiert.

Nicht nur die Geschichte, sondern sogar die Grammatik widerspricht der Auffassung von Donald Trump, Jerusalem sei seit 3000 Jahren die alleinige Hauptstadt Israels. Jerusalem gibt es nur doppelt.

Frage ohne endgültige Antwort

Im Herbst 2016 war ich noch einmal auf Besuch in Jerusalem und natürlich ging ich wieder in den Archäologischen Park der „City of David“. Manche Orte sind so beeindruckend, dass man immer wieder zu ihnen zurückkehrt. Das Schild vor der Steinplatte oberhalb der Stützmauer war immer noch dort. Allerdings mit einer kleinen Veränderung. Der Überschrift „The Remains of King David’s Palace“ ist heute mit einem Fragezeichen versehen. Die Proteste der israelischen und internationalen Forschungsgemeinschaft haben Wirkung gezeigt.

Jerusalem ist mit Sicherheit nicht seit 3000 Jahren die Hauptstadt Israels. Die Frage, ob Jerusalem vor 3000 Jahren — unter David und Salomo — für wenige Jahrzehnte die Hauptstadt des Reiches Israel gewesen ist, bleibt — wie auch immer Mr. Trump darüber denken mag — eine wissenschaftliche Frage ohne endgültige Antwort: „The Remains of King David’s Palace?“ — eben.