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Des Moines: Irgendwo in Iowa: Das Leiden der Provinz unter dem Präsidenten

Des Moines : Irgendwo in Iowa: Das Leiden der Provinz unter dem Präsidenten

Bill Shipley wartet unter dem ausladenden Schattenbaum vor seinem Farmhaus, das auf einer Anhöhe mitten im Nirgendwo des Mittleren Westens steht. Er trägt die Schirmmütze ins Gesicht gezogen, das rot-karierte Hemd steckt locker in der „Dickies“-Jeans.

So heißt auch der Fluss, der sich weiter unten im Glanz der Sommersonne durch die Felder schlängelt. Zusammen mit seinem Sohn Trevor, 30, baut Bill hier auf einer Fläche von etwa 2000 Fußballfeldern Mais und Sojabohnen an. In dem kleinen Wäldchen am Horizont schlagen sie Holz oder schießen Wild.

Iowa. Foto: Thomas Spang

„Spüren sie die Brise?“, fragt Bill, während ein Wurf junger Katzen neugierig zwischen den Beinen der Besucher herumtollt. Andere bräuchten die Berge, ihm reichte der Blick über das „grüne Meer“. Ein Idyll, gewiss. Und auch eine Lebensweise, die er mit vielen der rund 70.000 Farmer in dem von weißen Amerikanern dominierten Iowa teilt.

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Deren Vorfahren kamen aus Frankreich, Deutschland und Skandinavien, um das fruchtbare Land zwischen dem Mississippi im Osten und Missouri im Westen zu bestellen. „Ich hasse Städte“, gesteht Bill, der in einem Regierungsbezirk lebt, der nicht eine einzige Ampel hat. „Ich sehe nur die Nachbarn, die ich sehen will.“ Hier könne er ganz sein eigener Herr sein.

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So dächten viele in „Adams County“, die im November 2016 mit fast 67 Prozent für Donald Trump gestimmt hatten. Mehr noch als in dem Bundesstaat mit seinen vier Millionen Einwohnern insgesamt. Dort lag Trump knapp zehn Punkte vor Hillary Clinton. Und ein wenig unter dem Durchschnitt aller US-Farmer, bei denen drei von vier den Mann wählten, der versprach, Amerika wieder großartig zu machen.

Obwohl der Farmgürtel der USA unter Bevölkerungsschwund leidet, ist die versprochene Mauer in Iowa besonders populär. Seine tieffrommen Einwohner sorgen sich mehr um Abtreibungen und das Recht, Waffen zu besitzen, als um Frauen- und Bürgerrechte. Nicht wenige sagen, die Supermacht sollte sich mehr um ihre eigenen Angelegenheiten kümmern, statt sich überall einzumischen.

Handelskrieg an vielen Fronten

Weil Trump genau dieses Lebensgefühl bedient, kommt er in den Nodaways Amerikas so gut an. „Dieser Teil der USA hat isolationistische Tendenzen, die bis in die Tage der Monroe-Doktrin zurückreichen“, weiß der Politologe Mack Shelly von der Iowa State Universität. Deshalb verfüge der Präsident hier „über eine Menge politisches Kapital“.

Ob das reichen wird, die Handelskonflikte durchzustehen, die Trump gleichzeitig mit den Nafta-Staaten Kanada und Mexiko, der Europäischen Union, Japan und Südkorea sowie China angezettelt hat, bleibt die offene Frage. Denn diese üben gezielt Vergeltung an der Wählergruppe, die dem „America First“-Präsidenten mit Enthusiasmus ins Weiße Haus verholfen hat.

Das spürt auch Farmer Bill, der nach Ankündigung der Strafzölle aus China die Preise für seine Sojabohnen im freien Fall sah. Seit Juni gaben die um 20 Prozent nach. „Wir verlieren jetzt schon bares Geld.“

Aaron Putze von der Vereinigung der Sojaproduzenten Iowas (ISA) bestätigt die paradoxe Situation der Farmer. Diese tragen das Ideal des in Winterset geborenen Cowboys John Wayne im Herzen, leben aber vom ungehinderten Zugang zu den globalen Märkten. Auf den Kopf gestellt sei auch die Logik der Regierung, die mit Zöllen das Handelsdefizit verringern will. „Mit dem Verkauf unserer Produkte helfen wir doch mit dabei.“

Ohne eine Lösung im Handelsstreit droht nach der Ernte im September und Oktober ein Desaster. Das hat auch mit den Monokulturen zu tun, die sich nach Ausrichtung der Landwirtschaft auf den Export entwickelt haben. Der Familienhof mit Getreide, Gemüseäckern, ein paar Hühnern, Schweinen und einer Kuh im Stall lebt im Mittleren Westen noch in der Fantasie fort.

Kaum noch Hafer, Gersten oder Weizen

Wer durch Iowa fährt, sieht heute so gut wie keine Hafer-, Gersten- oder Weizenhalme mehr. Die Farmer setzen auf Mais und Sojabohnen. Während es Dank der Bio-Ethanol-Erzeugung für Mais noch einen großen einheimischen Markt gibt, ging bisher jede dritten Reihe auf den Sojabohnen-Feldern nach China.

Die von Trump versprochenen Farmhilfen in Höhe von 12 Milliarden US-Dollar seien keine Lösung, sagt Putze. „Es dauert Jahre Märkte zu entwickeln.“ Wenn diese einmal an die Konkurrenz in Brasilien, Argentinien oder Europa verloren gegangen seien, sähe es finster für die Farmer aus.

Staatshilfen sind auch John Weber, 63, ein Graus, der in seinen Stallungen unweit von Traer in genau 114 Tagen seine rund 2 400 Schweine fett macht. Ein hoch automatisierter Betrieb, den er zusammen mit seiner Frau, dem ältesten Sohn und einem Helfer betreibt. Die Vergeltungszölle aus China „haben uns den Markt praktisch schon verschlossen“, sagt der Züchter, dessen Vorfahren aus Deutschland stammen.

Mit mehr als einer Millionen Schweinen im Jahr produziert kein Gliedstaat mehr Schlachtvieh als Iowa, das aus Webers Sicht ein idealer Standort dafür ist. Dank wohlwollender Regulierungen, einfachem Zugang zu Futtermitteln und Schlachthöfen für die Verarbeitung haben die Schweinebauern in den vergangenen Jahren hier gut verdient.

Wie bei den Sojabohnen findet sich das Wachstum vor allem im Ausland. „Das ist ein globales Geschäft geworden“, weiß Weber, der 2011 für fünf Jahre an der Spitze des nationalen Verbands der Schweinefleisch-Produzenten stand. „Wir sind komplett darauf angewiesen.“

Der Verzicht auf das transpazifische Freihandelsabkommen TPP und der Handelsstreit mit China seien ein Rückschlag gewesen. Aber dies sei „kein Vergleich“ zu den Konsequenzen, die ein Rückzug aus dem Freihandelsabkommen Nafta brächte. „Dann können sie China vergessen.“

Die Kühlhäuser sind randvoll

Anders als die Sojabauern haben die Schweineproduzenten keine großen Lagerkapazitäten. Die Kühlhäuser sind schon jetzt randvoll mit Fleisch, das auf dem Weltmarkt nicht mehr verkauft werden kann.

Trump habe aus seiner Agenda vor den Wahlen kein Geheimnis gemacht, räumt Weber ein, der selber nicht verraten will, für wen er gestimmt hat. „Aber die Leute haben sich nach jemanden gesehnt, der endlich etwas tut“. Es gebe Probleme mit China „und die meisten Farmer, mit denen ich gesprochen habe, wollen ihren Beitrag leisten diese zu lösen“.

Das gilt auch für die republikanischen Eliten in Iowa, das als erster Bundesstaat mit Vorwahlen seit jeher eine Schlüsselrolle bei der Auswahl des nächsten Präsidenten spielt. Allen voran die beiden Senatoren Charles Grassley und Joni Ernst, die lieber hinter den Kulissen versuchen, Einfluss zu nehmen. Geschickt band Trump aus den langjährigen Gouverneur Terry Branstad als Botschafter in China ein.

Sorgen um ihre Wiederwahl bei den Zwischenwahlen zum Kongress im November machen sich die beiden Repräsentanten David Young und Rod Blum, die in Bezirken mit vielen Wechselwählern antreten. Trump selber zehrt von dem verbreiteten Glauben, er habe ein Ass im Ärmel stecken, eine geheime Strategie, die nach einer kurzen Phase des Schmerzes den Durchbruch bringt.

„Make Americas Farms Great Again“

Geschickt bediente der Präsident diese Erwartung als er kürzlich in Dubuque die vage Vereinbarung mit EU-Kommissions-Präsident Jean-Claude Juncker über den Kauf von Sojabohnen als großen Erfolg seiner Verhandlungskünste verkaufte. „Wir haben für Euch Farmer gerade Europa geöffnet.“ Er sei sich deshalb sicher, „dass Ihr nicht zu wütend auf Trump seid“. Dann schwenkte er eine grüne Schirmmütze mit dem Slogan „Make Americas Farms Great Again“.

Noch stünden die Farmer hinter dem Präsidenten, beobachtet David Yepsen, der sich als Leiter der Politikredaktion des „Des Moines Registers“ wegen seiner intimen Kenntnis des Bundesstaates den Ehrentitel des „Orakels von Iowa“ verdiente. Heute moderiert Yepsen im öffentlichen Fernsehen die Sendung „Iowa Press“, in der er mehr als einmal die Konsequenzen der Handelspolitik Trumps für die Farmer beleuchtete.

„Sojabohnen- und Schweineproduzenten tut das eindeutig weh“, sagt Yepsen. Die Angst der Farmer sei mit Händen zu greifen. „Aber sie sind auch große Unterstützer des Präsidenten.“ Sie teilten Trumps Wut auf die globalen Eliten. „Der Mittlere Westen kann ziemlich auf sich bezogen sein.“

Gleichzeitig verstünden die Leute, „dass sie eine Menge Sachen in alle Welt verkaufen“. Wenn Trumps Wette im Handelsstreit nicht aufginge, könnte dies einen Domino-Effekt haben. „Er spielt mit dem wirtschaftlichen Überleben einer Menge Farmer.“

Wer verstehen will, wie das Wohlergehen von zwei Prozent der Bevölkerung die ganze Volkswirtschaft in Iowa beeinflusst, muss mit dem Agrarökonomen Chad Hart von der Iowa State Universität sprechen. Dank der Monokulturen habe sich der Bundesstaat zur ideale Zielscheibe in Handelskonflikten für Vergeltungsmaßnahmen gemacht. „Die Zölle werden definitiv die Einkommen der Farmer treffen.“

Letztlich seien alle Teile der Wirtschaft gefährdet. Von dem Landmaschinenhersteller John Deere über örtliche Autohändler bis hin zu Banken und Versicherungen. Im schlimmsten Fall könnte dies „in einer großen Depression wie in den 20er und 30er Jahre enden“. Diese habe auch mit einem Handelskrieg begonnen.

Einsamkeit und weite Welt

Hart versucht das Vorgehen des Präsidenten zu verstehen. „Es ist schwierig zu sehen, wie er mehrere Handelsstreitigkeiten an unterschiedlichen Fronten gleichzeitig handhaben will.“

Darüber rätselt auch Sojabauer Bill, der die Einsamkeit liebt, aber die weite Welt braucht. Trump mache sich einen Sport daraus, die Leute im Ungewissen zu halten. Das müsse nicht schlecht sein. „Entweder geht alles wunderbar aus oder Trumps Politik endet in einem absoluten Desaster.“

Auf dem Spiel stehen nicht nur die wirtschaftliche Existenz, sondern eine traditionelle Lebensweise, an der auch Sohn Trevor Gefallen gefunden hat. In seinem Beruf habe er gelernt, mit Sorgen zu leben: Einer verhagelten Ernte, japanischen Käfern, Heuschrecken und allen möglichen Krankheiten, die seine Pflanzen befallen können. Nun kämen die Handelsstreitigkeiten hinzu.

„Sie können nicht alles unter Kontrolle haben“, tröstet sich der Farmer aus Nodaway, Iowa, der seinen Blick nachdenklich über die satten Soja- und Maisfelder schweifen lässt. Er hoffe auf einen positiven Ausgang. „Möge der gute Herr bei uns bleiben.“