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Aachen/Kassel: Interview: „Viele Fanatiker stammen aus der bürgerlichen Mitte“

Aachen/Kassel : Interview: „Viele Fanatiker stammen aus der bürgerlichen Mitte“

Die Welt scheint sich immer schneller zu drehen. Auch politisch ist einiges in Bewegung geraten. „Viele Menschen sind deshalb verunsichert und suchen nach einer Orientierung“, sagt Ernst-Dieter Lantermann. Ein Gespräch mit dem Kasseler Sozialpsychologen und Buchautor.

Herr Lantermann, in den Sozialen Medien stapeln sich Hasskommentare, die AfD sitzt inzwischen in vielen Parlamenten. Ist unsere Gesellschaft radikaler, vielleicht sogar fanatischer geworden?

 Von Joachim Zinsen Aachen/Kassel. Herr Lantermann, in den Sozialen Medien stapeln sich Hasskommentare, die AfD sitzt inzwischen in vielen Parlamenten. Ist unsere Gesellschaft radikaler, vielleicht sogar fanatischer geworden? Lantermann: Eindeutig ja.
Von Joachim Zinsen Aachen/Kassel. Herr Lantermann, in den Sozialen Medien stapeln sich Hasskommentare, die AfD sitzt inzwischen in vielen Parlamenten. Ist unsere Gesellschaft radikaler, vielleicht sogar fanatischer geworden? Lantermann: Eindeutig ja.

Lantermann: Eindeutig ja. Der Befund trifft natürlich nicht auf alle Bevölkerungsgruppen zu. Aber es gibt immer mehr Menschen, die ihr Heil in Extremismus und Fanatismus suchen.

Was sind die Ursachen?

Lantermann: Bei vielen Menschen ist eine tiefe Verunsicherung zu beobachten. Ihnen erscheint die Welt immer weniger kontrollierbar. Persönlich fühlen sie sich deshalb handlungsohnmächtig. Das reicht bis tief in ihr Privatleben hinein. Viele wissen nicht mehr, wie es mit ihrer Arbeit weitergeht, ob sie noch Freunde haben. Verstärkt wird die Verunsicherung durch die Globalisierung. Mit ihr werden gedanklich häufig nur noch Migrantenströme und islamistischer Terror verbunden.

In der Folge hat die Angst vor dem Verlust von materiellen und sozialen Privilegien um sich gegriffen. Anders als noch vor zehn Jahren wird die Globalisierung deshalb heute meist als Bedrohung gesehen. Was viele Menschen jedoch am stärksten verunsichert ist, ein gefühlter Kulturschock. Sie kommen mit der auch von der CDU getragenen Modernisierung unserer Gesellschaft nicht klar.

Aus ihrer Sicht gilt heute die Familie nichts mehr, stattdessen aber sollen Homosexuelle heiraten dürfen. Konservative sehen dadurch kulturelle Werte verraten und sich selbst nicht mehr ernst genommen. Das ist Futter für eine Partei wie die AfD, die einen regelrechten Kulturkampf führt.

Trotzdem werden nicht alle Menschen, die beispielsweise Angst davor haben, sozial abzurutschen, zu Fanatikern. Woran liegt das?

Lantermann: Alle unsere Untersuchungen haben ergeben: Wer über ein gutes soziales Netz verfügt, wer selbstbewusst ist, wer Vertrauen zu anderen Menschen entwickeln kann, wer in einer stabile Beziehung lebt, der ist deutlich seltener verunsichert und damit auch weit weniger anfällig für das Gefühl, gesellschaftlich völlig ausgeschlossen zu sein. Wer Angst vor dem Verlust seines Arbeitsplatzes oder vor dem finanziellen Zusammenbruch hat, aber weiß, dass ihm im Fall der Fälle jemand zur Seite steht, neigt nicht zum Fanatismus.

Und was lässt jemanden zum Fanatiker werden?

Lantermann: Voraussetzung ist meist ein vehement gestörtes und dauerhaft bedrohtes Selbstwertgefühl. Diese Menschen glauben nicht mehr daran, ihre Ziele aus eigener Kraft in der so unsicher gewordenen Welt erreichen zu können. Gleichzeitig leiden sie unter dem Verlust an sozialer Einbindung und sozialer Identität. Das ist für viele so schmerzhaft, dass manche von ihnen unter schweren Depressionen leiden, sich vielleicht sogar umbringen. Andere werden zu Fanatikern.

Sie machen einen Unterschied zwischen Fanatismus und Radikalismus?

Lantermann: Ja, der Fanatiker ist von seiner Idee besessen. Für ihn gibt es nur ein einziges heiliges Prinzip, von dem sein gesamtes Handeln, sein Selbstbild, seine Weltsicht, seine Suche nach Freunden und Feinden durchzogen ist. Er ist völlig immun gegen jede Art von Kritik. Zudem: Fanatiker haben keinerlei Humor.

Und Radikale?

Lantermann: Radikalismus ist per se nichts Schlechtes. Ohne radikale Menschen und radikale Ideen hätte sich unsere Gesellschaft nie weiterentwickelt. Radikale sind anders als Fanatiker auch dialogfähig. Sie haben zwar eine hohe Entschlossenheit, aber sie betrachten Andersdenkende nicht als Feinde, die es zu vernichten gilt. Allerdings ist die Radikalisierung häufig eine Vorstufe zum Fanatismus, eine Art Einstiegsdroge. Denn aus der Sicht mancher Radikalisierter ist der Fanatiker der Konsequentere.

Fanatiker haben meist ein klares Feindbild.

Lantermann: Ohne Feindbild geht es nicht.

Was für eine Funktion hat ein Feindbild? Warum gibt es Menschen mit Selbstwertproblemen offenbar Halt?

Lantermann: Weil einer Feindgruppe immer auch eine Eigengruppe gegenübersteht. Diese Gruppe sagt dem Fanatiker, wer er ist, gibt ihm ein neues Selbstwertgefühl. Ein Fanatiker muss sich deshalb nicht länger mit seinen eigenen Stärken und Schwächen auseinandersetzen.

Stattdessen ist er Teil einer eingeschworenen, meist autoritär geführten Gemeinschaft. Das Feindbild dient diesen Gruppen dazu, sich zu definieren und zu stabilisieren. Durch ständige Angriffe auf den Feind erhält der Einzelne zudem den Eindruck, wieder handlungsmächtig und von seinesgleichen wertgeschätzt zu sein.

Warum suchen sich Fanatiker meist Schwächere oder Minderheiten als Feindbilder aus?

Lantermann: Dass Schwächere oder Minderheiten als Blitzableiter dienen, ist leider immer wieder zu beobachten. Früher waren es die Juden oder die Homosexuellen. Heute sind es zusätzlich die Flüchtlinge, Muslime oder Arbeitslose. Wer zum Feindbild wird, hängt zum einen stark davon ab, über welche Gruppe gerade gesellschaftlich diskutiert wird. Zum anderen müssen sich mit einem Feindbild Emotionen schüren lassen. Auf jemanden, der anders oder gar fremd ist, lässt sich sehr leicht das Gefühl projizieren, er sei eine Bedrohung.

Welche Rolle spielen Medien bei der Fanatisierung?

Lantermann: Auch seriöse Medien setzen aus ökonomischen Gründen immer stärker auf eine kurze, knappe, hoch emotionalisierte und an Sensationen ausgerichtete Berichterstattung. Diese klassischen Boulevardmethoden sind genau die Stilmittel, die Rechtspopulisten für ihre Botschaften benutzen. Wir beobachten eine hohe Koinzidenz zwischen rechtsradikaler Argumentation und den Gesetzen der modernen Medienwelt. Zudem spielen natürlich Medien wie Facebook bei der Dynamisierung von fanatischen Botschaften eine herausragende Rolle. Sie sind Brandbeschleuniger.

Wie groß ist eigentlich der Anteil von Fanatikern in der Bevölkerung?

Lantermann: Das lässt sich schwer genau beziffern. Aber die lange gerade in bürgerlichen Kreisen gepflegte Vorstellung, bei ihnen handele es sich vornehmlich um die Armen und Abgehängten unserer Gesellschaft, ist Quatsch. Viele der Fanatiker stammen aus der bürgerlichen Mitte.

Gibt es bestimmte Typen von fanatischen Fremdenhassern?

Lantermann: Grob lassen sich drei Gruppen unterscheiden. Zunächst gibt es da die Verlierer unserer Gesellschaft, die ich „die Beleidigten“ nenne. Sie hatten Pech mit der Bildung, sind ohne Schulabschluss, ihnen geht es materiell schlecht. Angestachelt von den Argumentationsangeboten einer AfD glauben sie, dass Migranten ihnen die letzten Brocken wegnehmen. Schnell steigern sie sich in die Vorstellung hinein, dass Flüchtlingen alles, ihnen selbst aber nichts geschenkt wird. Daneben gibt es eine zweite Gruppe, die „verhärteten Selbstgerechten“ .

Wie lässt die sich charakterisieren?

Lantermann: Zu ihr zählen Menschen, die in ihren Milieus durchaus einen gewissen Erfolg haben. Sie besitzen ein Auto, möglicherweise sogar ein eigenes Haus, haben einen festen Beruf, finden durchaus Anerkennung. Doch dafür haben sie schwer schuften müssen. Und nun kommen Fremde, die all das, wofür sie selbst jahrzehntelang hart kämpfen mussten, angeblich anstrengungslos erreichen. Deshalb hassen sie nicht nur die Migranten, sondern auch die gesamte politische Elite, weil diese ihren persönlichen Erfolg entwertet.

Und die dritte Gruppe?

Lantermann: Das sind die „Verbitterten“. Die trifft man selbst an Universitäten und in intellektuellen Zirkeln. „Verbitterte“ sind überzeugt, alles gemacht zu haben, um erfolgreich zu sein. Sie sind gut ausgebildet und glauben, ihnen müssten alle Türen offen stehen. Doch sie sind erfolglos geblieben. Schuld daran sind in ihren Augen der Staat und die Gesellschaft. Diese Menschen halten sich häufig für tolerant und aufgeklärt.

Um ihr angegriffenes Selbstwertgefühl wieder aufzurichten, stürzen sie sich auf Muslime. Denn sie meinen zu wissen, dass die Lebensweise der Muslime all ihren Werten widerspricht. In der Auseinandersetzung mit ihrem stereotypen Bild vom Muslim entdecken sie plötzlich die Gleichberechtigung der Geschlechter. Für sie ist das Selbstbild, sie seien weltoffen, extrem wichtig, weil sie damit weiterhin Teil des Diskurses einer liberalen Gesellschaft sind.

Sind solche Menschen für die etablierten politischen Parteien noch erreichbar?

Lantermann: Richtige Fanatiker sind nicht mehr zu erreichen. Wenn es sich bei dem Unmut jedoch nur um ein Grummeln handelt, hinter dem oftmals die Sehnsucht nach Anerkennung und Gruppenzugehörigkeit steckt, dann sind es keine verlorenen Leute.

SPD-Chef Martin Schulz richtet seinen Wahlkampf sehr stark an Begriffen wie Gerechtigkeit oder soziale Sicherheit aus. Ist das ein Weg, um Menschen vor Fanatismus zu schützen?

Lantermann: Bisher ist das nur Rhetorik und keine handfeste Politik Entscheidender ist aus meiner Sicht ein anderer Punkt. In unserer Gesellschaft gibt es eine große Sehnsucht nach Orientierung, nach wertebezogenen Entscheidungen und wertebezogener Kommunikation. In den vergangenen Jahren hat Bundeskanzlerin Angela Merkel ihre Politik häufig mit dem Wort „alternativlos“ belegt.

Übersetzt heißt das: Mit Ausnahme ihrer Flüchtlingspolitik hat Merkel ihre Entscheidungen immer nur sachbezogen begründet und nie unter Verwendung von Begriffen wie Freiheit, Menschenwürde, Fairness oder Solidarität. Das waren Fremdworte in ihrer politischen Kommunikation. Die Stärke von Schulz ist es, dass er diese Begriffe rhetorisch wiederbelebt hat.

Ist Sicherheit eine Voraussetzung dafür, dass Menschen ihre Freiheiten genießen und zum besten nutzen können?

Lantermann: Ja. Menschen brauchen ein gewisses Maß an emotionaler und sozialer Sicherheit, um sich dem Neuen positiv nähern zu können und Wagnisse einzugehen. Jeder muss zumindest mit einem Bein auf festem Boden stehen.