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Aachen: Im Interview: Jürgen Neffe über seine fulminante Marx-Biografie

Aachen : Im Interview: Jürgen Neffe über seine fulminante Marx-Biografie

Genau 200 Jahre nach seiner Geburt, 29 Jahre nach dem Fall der Mauer und zehn Jahre nach Ausbruch der Finanzkrise ist Karl Marx Kult. Seine Lehren und Analysen sind wieder gefragt; selbst Hans-Werner Sinn, der frühere Chef des Ifo-Instituts, lobt seine Krisentheorien als „hochaktuell“.

Das Comeback hängt mit Sicherheit auch damit zusammen, dass eine neue Generation Marx neu und für sich entdeckt hat, die den Kalten Krieg nicht mehr bewusst miterlebt hat. Für sie ist Marx weder Messias noch Mephisto, sondern einfach ein relevanter Philosoph, einer der wichtigsten Denker des 19. Jahrhunderts. So sieht es auch der Wissenschaftsautor Jürgen Neffe, der eine fulminante Marx-Biografie geschrieben hat. Mit ihm sprach unser Redakteur Hermann-Josef Delonge.

Herr Neffe, vor Ihrer Marx-Biografie haben Sie bereits Bücher über Darwin und Einstein geschrieben. Sie haben offensichtlich ein Faible für Welterklärer. Warum?

Neffe: Weil ich selbst die Welt besser verstehen will. Dabei helfen Naturwissenschaftler, aber eben auch Geisteswissenschaftler. Marx hat mir persönlich da viel gegeben. Ich habe mich intensiv mit seiner Theorie auseinandergesetzt, an der Universität sogar Vorlesungen über die Philosophie des Geldes oder Wirtschaftsgeschichte gehört. Mir geht es in meiner Arbeit nie nur um die Person, sondern vor allem um das Werk. Und das von Marx kann uns auch heute noch viel sagen. Deshalb lohnt die Mühe, sich intensiv mit ihm auseinanderzusetzen.

Sie halten in Trier die zentrale Rede beim Festakt zum 200. Geburtstag von Marx. Dort gab es zuletzt heftigen Streit über eine riesige Marx-Statue, ein Geschenk der Volksrepublik China, das in der Stadtmitte aufgestellt wurde. Können Sie das nachvollziehen?

Neffe: Das ist ziemlich unglücklich gelaufen. Grundsätzlich finde ich, es wäre besser gewesen, die Stadt Trier hätte selbst ein Denkmal bestellt und bezahlt. Marx ist immerhin der wichtigste Sohn der Stadt.

Kritisiert wurde aber auch, Marx habe die geistigen Grundlagen für kommunistische Diktaturen gelegt. Deshalb dürfe man ihm kein Denkmal bauen. Marx auf der Anklagebank: Sitzt er da richtig?

Neffe: Nein, absolut nicht. Dann müsste man auch Jesus für die Inquisition oder Einstein für die Atombombe auf die Anklagebank setzen.

Wollen Sie Marx mit Ihrem Buch rehabilitieren?

Neffe: Ja, aber nicht den Marxismus, sondern Marx als politischen Philosophen und Denker. Es ist schon bemerkenswert, dass sich heute viele Wissenschaftler, vor allem Philosophen, mit Marx beschäftigen, sich aber immer noch genötigt fühlen klarzustellen, dass sie selbst keine Marxisten sind. Mein Ziel war es, die Aktualität vieler Gedanken von Marx herauszuarbeiten. Er selbst hat übrigens immer und ganz ausdrücklich gesagt, man solle ihm kein Denkmal setzen.

Warum und wo ist Marx aktuell?

Neffe: Ein zentrales Thema für ihn war der Kontrollverlust. Marx sagt, mit dem Kapitalismus haben die Menschen ein System geschaffen, das sie nicht beherrschen, sondern das sie beherrscht. Diese Erkenntnis ist sehr aktuell. Im Augenblick erleben wir quasi einen Marx’schen Moment. Wir alle spüren, wie uns die Kontrolle entrissen wird durch die zunehmende Digitalisierung, durch das, was mit der Industrie 4.0 auf uns zukommt, durch die sozialen Netzwerke und die Konzerne, die dahinterstehen. Eine Entwicklung, die kapitalgetrieben ist — wie es Marx gesagt hat.

Wir können also noch einiges von ihm lernen?

Neffe: Auf jeden Fall. Marx hat etwa von der „Bankokratie“ gesprochen und gefordert, das Gebaren der Privat- und Geschäftsbanken zu unterbinden, die mit ihren Produkten Geld in einem Maße schöpfen, wie das nicht einmal die Zentralbanken tun. Er hat als erster vom „arbeitenden Geld“ gesprochen und beklagt, das stehe besser da als die arbeitenden Menschen. Das alles ist doch sehr aktuell, denn es besteht unverändert die Gefahr, dass am Ende immer weniger immer mehr haben. Marx hat die Monopolstellung — ob Einzelner oder von Unternehmen — auch immer als Frage von Macht gesehen: als Möglichkeit, Einfluss auf den Staat zu nehmen. Er hat gefordert, die Kontrolle über das System wiederzugewinnen.

Für Marx, das arbeiten Sie in Ihrem Buch deutlich heraus, stand der „Wert der Arbeit“ ganz zentral. Ein Arbeiter, der wegrationalisiert wird, weil an seine Stelle ein Roboter rückt, wird das sofort unterschreiben.

Neffe: Marx hat erkannt, dass Arbeit nicht nur zur Entfremdung führt, sondern sinnstiftend, ein Stück Heimat sein kann. Wenn jetzt die vom Kapital getriebene Technik unter dem Siegel der Digitalisierung dies gefährdet, sind wir wieder ganz nah bei ihm. Marx hat schon 1857 darüber nachgedacht, was es bedeutet, wenn alle Waren und Dienstleistungen vollautomatisch produziert werden. Wo aber sollte dann die Kaufkraft noch herkommen? Heute plädieren selbst der Siemens-Chef und die Bosse im Silicon Valley für ein Grundeinkommen. Die haben das Problem erkannt — was sie selbst geschaffen haben.

War Marx also ein Prophet?

Neffe: Das wollte er selbst nie sein, deshalb werde ich ihn auch nicht dazu machen. Marx war in erster Linie Wissenschaftler und hat komplexe und tiefgründige Theorien durchdacht und formuliert. Diese Theorien erlauben Vorhersagen. Das wirkt dann prophetisch, weil Marx — wie übrigens auch Einstein — offenbar zu tieferen Wahrheiten vorgedrungen ist.

Aber mit seiner Vorhersage, das kapitalistische System werde untergehen, lag er doch mächtig falsch.

Neffe: Zu seiner Verteidigung muss man sagen, dass er den Untergang nie datiert hat. Der Untergang kann also noch kommen, und ich habe den Eindruck, dass unser System derzeit darauf zusteuert. Ich würde mir allerdings wünschen, dass dies nicht passiert, denn niemand kann sagen, was dann kommt. Ich habe viele Fachleute gefragt, was es bedeuten würde, wenn das System zusammenbräche. Ich habe keine einzige vernünftige Antwort bekommen. Aus Rosa Luxemburgs „Sozialismus oder Barbarei“ ist 100 Jahre später „Kapitalismus oder Chaos“ geworden. Wenn selbst der Marxist Yanis Varoufakis sagt: „Lasst uns den Kapitalismus retten“, dann lässt das tief blicken. Es gibt offensichtlich keinen Plan B.

Wenn Marx Wissenschaftler war und keine politischen Handlungsanweisungen gegeben hat: Ist er dann von den politischen Systemen, die sich auf ihn berufen, missbraucht worden?

Neffe: Man kann ihm jedenfalls keine Schuld zuweisen. Bei der Frage nach der Verantwortung wäre ich schon vorsichtiger, denn natürlich hat er Vorlagen geliefert. Aber was später in den kommunistischen Regimen unter dem Begriff „Diktatur des Proletariats“ etabliert wurde, kann sich nicht auf Marx berufen, wenn damit eigentlich die Diktatur einer Partei gemeint ist. Marx hat den Begriff „Diktatur“ so gemeint, wie er in der römischen Republik gemeint war: als vorübergehende Herrschaft eines Einzelnen unter dem Eindruck einer direkten Bedrohung. Er war ein Philosoph der Freiheit; darum ging es ihm, nicht um Unterdrückung.

Wen würde Marx heute wählen?

Neffe: Es fällt mit sehr schwer, das zu beantworten. In England würde er womöglich Jeremy Corbyn wählen, der sich auf ihn beruft, in den USA vielleicht Bernie Sanders. In Deutschland wäre er wohl mit keiner Partei glücklich, auch nicht mit der Linken. Ich glaube, er würde heute als Wissenschaftler ein großes interdisziplinäres Institut leiten, um sein Lebensziel weiter zu verfolgen und das System zu erforschen. Denn damit ist er nicht fertig geworden. Nicht umsonst lautete sein Wahlspruch: „Man kann die Welt nur verändern, wenn man sie versteht.“

Wie war Marx als Mensch? Ist er Ihnen sympathisch?

Neffe: Ich würde jedenfalls nicht gern mit ihm in einer WG leben. Ich nenne ihn auch einen „autoritären Antiautoritären“. Er wird als bisweilen arrogant beschrieben, konnte sehr garstig zu Leuten sein, die nicht seiner Meinung waren. Die hat er sogar bekämpft. Andererseits hat er viel und gerne gelacht, auch dann, wenn er eigentlich nichts zu lachen hatte, weil mal wieder kein Geld im Haus war. Er konnte einfach nicht mit Geld umgehen. Mit Marx würde ich gerne feiern, essen gehen und diskutieren, das alles konnte er gut und ausdauernd. Aber wie gesagt: Ich würde nicht mit ihm leben wollen.