Burschenschaften im rechtsextremen Milieu: „Im Grunde genommen sind es arme Würstchen“

Burschenschaften im rechtsextremen Milieu : „Im Grunde genommen sind es arme Würstchen“

Der Sozialwissenschaftler Dietrich Heither sieht die Deutsche Burschenschaft tief im rechtsextremen Milieu verankert. Sie wirken oft wie ein Häuflein versprengter Exoten. Doch neuerdings haben Burschenschaften wieder Zulauf.

Was zieht junge Männer in solche Verbindungen, und wie sind sie politisch einzuordnen? Darüber sprach unser Redakteur Joachim Zinsen mit dem Sozialwissenschaftler und Burschenschafts-Experten Dietrich Heither.

Herr Heither, Sie beobachten seit Jahren die deutsche Burschenschaften-Szene. Wie kamen Sie zu diesem Thema?

Dietrich Heither: Schon in meiner Studentenzeit fand ich junge Männer merkwürdig, die mit bunten Kappen und Schärpen herumlaufen. Sie wirkten auf mich anachronistisch, völlig aus der Zeit gefallen. Das hat mich neugierig gemacht und Fragen aufgeworfen, die mich bis heute beschäftigen.

Wie groß ist diese Szene?

Heither: Relativ klein. Lediglich rund 1,5 Prozent der heute Studierenden gehören einer Verbindung an, und von denen ist wiederum nur ein Teil Mitglied einer Burschenschaft. Letztere sind in drei Dachverbänden organisiert. Ihr bekanntester und größter ist die „Deutsche Burschenschaft“ (DB) mit derzeit rund 70 Verbindungen, etwa tausend Aktiven und mehreren tausend „Alten Herren“. Politisch steht die DB am äußerst rechten Rand. Deshalb haben sich einige Verbindungen von ihr abgespalten und zwei neue Dach­verbände gegründet – nämlich Mitte der 90er Jahre die „Neue Deutsche Burschenschaft“ und kürzlich die „Allgemeine Deutsche Burschenschaft“.

Welches Weltbild propagieren diese Gruppen?

Heither: Die DB vertritt seit der Gründung nationale Ideen, die sich stark an eine Blut-und-Boden-Ideologie anlehnen. Entsprechend eng war ihre Verbindung zu den Nationalsozialisten. Nach 1945 gab sich die DB zunächst etwas moderater. Doch seit den späten 60er Jahren ist ein „volkstumsbezogener Vaterlandsbegriff“ – also klassisches völkisches Denken – wieder die offizielle programmatische Grundlage. Dieser „Vaterlandsbegriff“ zählt auch Österreicher zum „deutschen Volk“. Deshalb konnten Verbände aus der Alpenrepublik der DB beitreten. Dadurch erhielten Verbindungen, die oft als rechtsextrem bezeichnet werden, wie die Danubia München oder die Alania Aachen, Verstärkung von Gruppen wie Olympia Wien oder Brixia Innsbruck. Mit ihnen ist die DB immer weiter vom rechtskonservativen ins rechtsextreme Lager abgedriftet.

Und wo stehen die Burschenschafter, die sich von der DB getrennt haben?

Heither: Auch in den rund 50 Studentenverbindungen der beiden neueren Dachverbände gibt es häufig Elemente eines völkischen Weltbildes. Sie artikulieren es in der politischen Praxis allerdings etwas gemäßigter.

Verzeichnen Studentenverbindungen derzeit Zulauf?

Heither: Die eher unpolitischen Verbindungen – also beispielsweise katholische Verbände – werden tendenziell kleiner. Aber die Burschenschafter sind im Windschatten der AfD stärker geworden.

Ist die AfD inzwischen ein Sammelbecken für Burschenschafter?

Heither: Burschenschafter waren immer schon in sämtlichen politischen Gruppierungen vertreten, die im rechtsextremen Milieu eine Rolle spielten. Früher galt das für die Republikaner, heute gilt das für die AfD. Von allen studentischen Verbindungen sind die Burschenschaften am stärksten in dieser Partei vertreten – sowohl unter deren Mandatsträgern als auch unter den wissenschaftlichen Mitarbeitern der AfD-Fraktionen.

Wie gefährlich ist diese Szene?

Heither: Die Frage können Sie auch anders formulieren. Nämlich: Wie gefährlich ist die AfD? Indirekt haben Burschenschafter inzwischen Einfluss, weil gerade konservative Parteien wie die CDU, vor allem aber die CSU, versuchen, verlorene Wähler zurückzuholen, indem sie sich häufig den politischen Positionen der AfD annähern. Das führt zu gravierenden Rechtsverschiebungen im gesamten politischen System. Daraus wiederum kann mittelfristig durchaus auch eine direkte Gefahr für unsere Demokratie entstehen.

Was zieht junge Männer heute noch in solche Verbindungen?

Heither: Burschenschafter verstehen sich als eine männerbündische Gemeinschaft und als geistige Elite der Gesellschaft. Zentrale Begriffe sind für sie Gehorsam und Härte – wofür symbolisch die Mensur, aber auch die Rituale exzessiven Trinkens stehen. Diese im „Männerbund“ erworbenen Sekundärtugenden qualifizieren in den Augen der Burschenschafter jemanden für einen leitenden Beruf. Dahinter steckt ein zutiefst autoritäres Weltbild. Im Grunde genommen handelt es sich bei den meisten Burschenschaftern aber um arme Würstchen. Sie sind schwache Individuen, die Halt suchen in einem ritualisierten Gemeinschaftsleben. Wir könnten Mitleid mit ihnen haben, wenn man aus der Vergangenheit nicht wüsste, zu was sie als tragende Säulen einer Elite fähig sind.

Hat jemand mit solch einem Weltbild im heutigen Berufsleben noch Karrierechancen?

Heither: Vor zehn Jahren hätte ich gesagt: Nein, mit der Haltung eines Burschenschafters kann man in einer global orientierteren Welt nur scheitern. Moderne Managementstrategien setzen auf soziale Kompetenzen, nicht auf Servilität und Kadavergehorsam. Aber seitdem ein Rechtsruck in unserer Gesellschaft zu beobachten ist und häufig wieder von „nationaler Gemeinschaft“ die Rede ist, bin ich mir da nicht mehr so sicher. Leider.