Historiker Wolfgang Benz über Antisemitismus und Rassismus

Vorurteilsforscher Benz über das Ausgrenzen von Minderheiten : „Es gibt eine neue Hemmungslosigkeit“

Erstarkt in Deutschland der Antisemitismus? Der Historiker Wolfgang Benz widerspricht. „Es kommt nur etwas an die Oberfläche, was in den vergangenen Jahrzehnten immer da war“, erklärte der renommierte Antisemitismusforscher in einem Gespräch mit unserer Zeitung.

Nach dem Anschlag auf eine Synagoge in Halle wird wieder intensiv über Antisemitismus diskutiert. Wie stark ist der Hass auf Juden in Deutschland verwurzelt? Muss Antisemitismus isoliert betrachtet und bekämpft werden? Oder ist er auch ein Symptom für zunehmende Versuche, Minderheiten generell auszugrenzen? Unser Redakteur Joachim Zinsen sprach darüber mit dem Historiker und führenden deutschen Antisemitismusforscher Wolfgang Benz.

Herr Benz, hat Sie der Anschlag auf die Synagoge in Halle überrascht?

Wolfgang Benz: Er war ein Schock. Aber überraschend kam er nicht. Ich habe solch einen Anschlag schon seit längerem befürchtet.

Warum?

Benz: Weil seit zehn Jahren die politischen Sitten immer mehr verwahrlosen. Es gibt eine neue Hemmungslosigkeit in unserer Gesellschaft. Nach dem Aufstieg von Pegida, dem Siegeszug der AfD und dem riesigen Erfolg des völkischen und fremdenfeindlichen Buchs von Thilo Sarrazin musste jeder, der bei klarem Verstand ist, damit rechnen, dass es nicht beim Alltagsrassismus bleibt, sondern dass es auch zu Taten kommen wird.

Was verstehen Sie unter Antisemitismus?

Benz: Antisemitismus ist der Hass auf Juden, weil sie Juden sind. Er hat seine uralten Wurzeln im religiös begründeten Antijudaismus der frühen Christen. Sie schlossen Juden von Berufen aus und machten sie in Europa zu Außenseitern. Erst 1871 mit der Reichsgründung wurden Menschen jüdischen Glaubens vollwertige Bürger. Ab dem 19. Jahrhundert kam zum Antijudaismus die Rassenideologie hinzu. Sie definierte Juden aufgrund ihrer Herkunft als Fremde und Feinde. Heute wissen wir natürlich, dass es keine Rassen gibt. Aber das hat den Rassismus nicht beseitigt. Spätestens die Katastrophe des Holocaust hat zudem gezeigt, welch menschenfeindliche, gefährliche und uns selbst beschädigende Ideologie der Antisemitismus ist. Trotzdem konnten Vorbehalte gegenüber Juden in Teilen unserer Gesellschaft überleben. Politisch gehörten sie immer zur DNA des Rechtsextremismus.

Wie tief ist Antisemitismus heute noch in der deutschen Bevölkerung verwurzelt?

Benz: Nach seriösen regelmäßigen Umfragen gibt es im Weltbild von bis zu 20 Prozent der deutschen Bürger Vorbehalte gegenüber Juden. Das bedeutet aber nicht, dass jeder Fünfte ein gewaltbereiter Antisemit ist, ebenso wenig wie Kritik an der israelischen Regierung Ausfluss fanatischer Judenfeindschaft ist. Die Umfrageergebnisse, die über einen langen Zeitraum konstant sind, verweisen aber auf Ressentiments, die existieren und jederzeit aufgeheizt werden können.

Gibt es einen Zusammenhang zwischen Antisemitismus und dem Hass auf andere Minderheiten?

Benz: Der Hass auf Minderheiten hat nichts mit der jeweiligen Minderheit zu tun. Als Objekte der Ausgrenzung sind sie beliebig austauschbar. Mehrheitsgesellschaften missbrauchen Minderheiten immer wieder, um sich selbst zu bestätigen und den eigenen, angeblich besseren Status zu zementieren. Diese Rolle spielen in Europa traditionell die Juden. In der Türkei sind es die Kurden, in China die Uiguren. Oder nehmen wir die Sinti und Roma. Sie wurden als „Zigeuner“ wie die Juden mörderisch verfolgt. Trotzdem sind sie auch heute noch die Minderheit, die sich in Europa mit den stärksten Aversionen konfrontiert sieht.

Gilt das auch für Muslime und Flüchtlinge?

Benz: Muslime haben zu einem beträchtlichen Teil die Rolle der ausgegrenzten Juden übernommen. In unserer politischen Kultur ist Antisemitismus zum Glück verpönt und geächtet. Offene Feindschaft gegen Juden wird in Deutschland sanktioniert. Offene Feindschaft gegen Muslime hingegen nicht. Das zeigt das Beispiel Thilo Sarrazin. Auch der Attentäter von Halle war nicht nur Antisemit. Weil er mit seinem Anschlag auf die Synagoge scheiterte, hat er ersatzweise eine muslimische Döner-Bude angegriffen und dort einen Menschen umgebracht. Mit diesem Hinweis soll allerdings nicht die einmalige, schreckliche Dimension des Attentats auf die Synagoge relativiert werden.

Ist also Antisemitismus eine Unterart von Rassismus?

Benz: Nur bedingt. Antisemitismus hat sehr viele rassistische Züge. Aber aufgrund der Geschichte lässt er sich nicht einfach unter diesem Begriff subsumieren.

Demonstration gegen Antisemitismus und rechten Terror nach dem Anschlag auf eine Synagoge in Halle: Wolfgang Benz hat das Attentat schockiert, aber nicht überrascht. Angesichts der Verwahrlosung der politischen Sitten sei mit solch einem Verbrechen zu rechnen gewesen, sagt der Historiker. Foto: dpa/Federico Gambarini

Wer ist verantwortlich für die neue Hemmungslosigkeit in unserer Gesellschaft gegenüber Minderheiten wie den Juden. Die AfD?

Benz: Die AfD hat das Ausgrenzen von Minderheiten nicht erfunden. Aber sie sitzt begeistert auf diesem Zug und johlt nach Kräften mit. Eine ganz entscheidende Rolle spielen natürlich auch die neuen Medien. Sie tragen erheblich zum Verfall unserer Umgangsformen und der Abnahme von Hemmschwellen bei.

Hat deshalb in unserer Gesellschaft auch der Antisemitismus wieder zugenommen? Ist er salonfähiger geworden?

Benz: Ich glaube nicht. Das widerspricht zwar Medienberichten, einigen Umfragen und Bekenntnissen von Politikern. Aber als Forscher sehe ich keine Belege für eine Zunahme von antisemitischen Einstellungen. Es kommt nur etwas an die Oberfläche, was in den vergangenen Jahrzehnten immer da war. Zudem lässt sich eine deutlich höhere öffentliche Sensibilität gegenüber dem Antisemitismus beobachten. Noch vor 20 Jahren nahm unsere Gesellschaft antisemitische Vorfälle – die in ihrer großen Mehrzahl Propagandadelikte sind – kaum zur Kenntnis. Weder die Kriminalpolizei noch der Verfassungsschutz listeten sie damals gesondert auf. Heute wird jede Beleidigung registriert und öffentlich verurteilt. Das ist natürlich gut so. Gefördert wird dadurch das allgemeine Bewusstsein, dass Antisemitismus verabscheuungswürdig ist. Nur sollte diese gestiegene Aufmerksamkeit und Sensibilität nicht zu dem Trugschluss führen, Antisemitismus habe in unserer Gesellschaft deutlich zugenommen. Er befindet sich seit Jahren auf einem relativ konstanten Niveau.

Wurden denn die Gefahren durch den Antisemitismus in der Vergangenheit unterschätzt?

Benz: Wenn ein Verbrechen wie in Halle passiert, ist die Aufregung natürlich ungeheuer groß. Danach ebbt sie wieder ab. Leider war das auch in der Vergangenheit so. Schon kurz nach dem Untergang des rassistischen NS-Regimes, das jedem gezeigt hat, Hass gegen Minderheiten führt zum Völkermord, gab es 1946 in München eine Demonstration gegen Juden. Weihnachten 1959 wurde die Synagoge von Köln mit Hakenkreuzen beschmiert. Nicht nur in Deutschland, sondern in vielen Ländern Europas gab es Nachfolgetaten, die für Entsetzen sorgten. Langfristig führte das zu einer verstärkten politischen Bildung auch in Schulen. Ich möchte nicht wissen, wie es heute in Deutschland aussehen würde, hätte es in den vergangenen 50 Jahren keine Bemühungen gegeben, über den Antisemitismus aufzuklären, ihn zu ächten und einzudämmen.

Oft ist inzwischen die Rede von einer neuen Form von Antisemitismus, einem Antisemitismus unter Muslimen ...

Benz: Natürlich gibt es unter Muslimen Antisemiten. Aber sie arbeiten mit ideologischen Versatzstücken, die zunächst in Europa entwickelt und dann in den arabisch-muslimischen Raum exportiert wurden. Die „Protokolle der Weisen von Zion“, die als rassistische Waffe gegen Juden und inzwischen auch gegen den Staat Israel in Stellung gebracht werden, sind Ende des 19. Jahrhunderts in Europa zusammengeschmiert worden. Es gibt keinen genuin muslimischen Antisemitismus. Er ist lediglich eine andere Erscheinungsform des alten, europäischen Antisemitismus, der im Christentum wurzelt.

Trotzdem wurde in jüngerer Vergangenheit öffentlich vor allem über Antisemitismus unter Muslimen und Zuwanderern diskutiert. Wurde dabei der europäische Antisemitismus aus den Augen verloren?

Benz: Ja. Und zwar mit Absicht. Es ist bequem, mit den Fingern auf andere zu zeigen. So kann sich die vermeintlich geläuterte deutsche Mehrheitsgesellschaft zurücklehnen und braucht nicht mehr auf sich selbst zu schauen. Aber auch das ist kein neues Phänomen. In den vergangenen Jahrzehnten haben wir uns lieber über den Antijudaismus polnischer Katholiken mokiert, als über den eigenen Antisemitismus.

Viele Kritiker der israelischen Politik gegenüber den Palästinensern sehen sich ebenfalls zunehmend mit Antisemitismus-Vorwürfen konfrontiert. Oft geht es um ihr Verhältnis zur BDS-Boykottbewegung, die auch von israelischen und jüdischen Friedensgruppen unterstützt wird. Ist das korrekt?

Benz: Dieser Vorwurf ist völlig überzogen. Ich wünsche der israelischen Nation bessere Freunde als jene Aktivisten, die mit solchen schwerwiegenden Anschuldigungen Kritiker der Regierung in Tel Aviv mundtot machen wollen. Politisch lehne ich persönlich die BDS-Bewegung ab, weil ich Boykotte für falsch und wirkungslos halte. Sie verhärten die Fronten zwischen Israelis und Palästinensern nur noch weiter. Auch in dieser Bewegung gibt es Fanatiker. Aber sie deshalb pauschal als antisemitisch zu verurteilen, ist falsch. Dafür wird sie von viel zu vielen sehr unterschiedlichen Organisationen getragen.

Nach dem Anschlag von Halle diskutiert die Politik über ein härteres Vorgehen gegen Rechtsextremisten, über Verbote und Überwachungen. Wie aber lassen sich rassistische und antisemitische Denkfiguren aus den Köpfen der Menschen verbannen?

Benz: Das ist ein unglaublich schwieriges und langwieriges Geschäft. Schnelle Patentlösungen gibt es nicht. Für mich wäre es schon ein großer Erfolg, wenn wir durch Aufklärung und Bildung den Damm gegen die braune Flut befestigen könnten. In den vergangenen Jahren gab es Erosionsprozesse. Dazu beigetragen haben Leute wie der ehemalige Verfassungsschutz-Chef Hans-Georg Maaßen, als er die ausländerfeindliche Hetzjagd in Chemnitz negierte. Nach dem Anschlag von Halle versprechen die meisten Politiker, strenger gegen den Rechtsextremismus vorzugehen. Hoffentlich überdauern ihre Ankündigungen die kurze Zeit der emotionalen Aufwallung. Alle, die sich intensiv mit Rechtsextremismus beschäftigen, fordern nämlich schon seit Jahren einen schärferen Kurs gegen Rassisten und Antisemiten

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