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Aachen: Gunnar Hinck beschreibt Stationen der ehemals kommunistischen Protagonisten

Aachen : Gunnar Hinck beschreibt Stationen der ehemals kommunistischen Protagonisten

Ja, die Studenten! Die „Radikalinskis“! Dieser Mythos lebt — bis heute. Die armen 68er: Sie müssen für alles Mögliche herhalten: für Revolution, für freie Sexualität, für Anarchie, für Gewalt, auf jeden Fall für den gesellschaftspolitischen Exodus aus dem Mief der Adenauer-Zeit. Manches stimmt, einiges etwas, anderes gar nicht.

Drei Jahre lang führte der Berliner Politikwissenschaftler Gunnar Hinck zahlreiche Gespräche mit den Hinterbliebenen jener wilden Zeiten, durchforstete Archive mit dem gezielten Blick auf die Vergangenheit der K-Gruppen, gewichtete entsprechende Quellen. Dabei herausgekommen sind interessante Zitate, Betrachtungen, Episoden und gewiss auch eine Subjektivität, die verallgemeinert, statt zu differenzieren.
Stellenweise wirkt es zu anklagend, und das auf eine überhebliche und ironische Art und Weise. Dennoch lohnt sich die Lektüre seines über 400 Seiten starken Werkes mit dem Titel „Wir waren wie Maschinen“ schon wegen der vielen Original-Töne der Protagonisten jener bewegten Zeit.

Handschlag auf die neue sozialliberale Koalition: Willy Brandt (SPD) und Walter Scheel (FDP) im Herbst 1969. Foto: dpa

Hinck beschreibt die Biografien der ehemals kommunistischen Kämpferinnen und Kämpfer. Was aus den Überlebenden jener Jahre geworden ist, liest man zuweilen mit Erstaunen, gelegentlich mit einem Lächeln, manchmal mit einem leichten Anflug von Empörung über eine forsche Form der Vergangenheitsbewältigung, die von Ausblenden und postmodernem Schönreden geprägt wird.

Polizei-Einsatz an der RWTH Aachen: Bei der Immatrikulationsfeier am 18. Oktober 1968 war es zuvor zu Tumulten gekommen. Foto: Hochschularchiv RWTH

Aus vielen Aktivisten und Helden der 68er und der bundesdeutschen Linken der 70er Jahre sind im Laufe der Jahre bekannte Persönlichkeiten in lukrativen bürgerlichen Positionen geworden. Wer wollte das verurteilen? Die Revolution frisst ihre Kinder. Eben.

Hinck formuliert das so: „Sie gingen 1967 und 1968 auf die Straße im Namen von Emanzipation und Befreiung und fanden sich wenige Jahre später in Organisationen wieder, die nicht befreiten, sondern unterdrückten. Sie wollten es besser machen als ihre Elterngeneration, aber am Ende schien es, als ob sie sie in den Disziplinen Härte und Durchhalten bis zuletzt übertrumpfen wollten.“

Bekannte Politiker, Manager und Journalisten waren Funktionäre des KBW (Kommunistischer Bund Westdeutschland), unter ihnen der heutige Ministerpräsident von Baden-Württemberg, Winfried Kretschmann (Grüne), die ehemalige Gesundheitsministerin und Aachener SPD-Bundestagsabgeordnete Ulla Schmidt, der ehemalige Sozialdezernent der Städteregion Aachen, Günter Schabram (Grüne), die ehemalige Vorsitzende der Bundestagsfraktion Bündnis 90/Die Grünen, Krista Sager, und Reinhard Büttikofer, ehemals Bundesvorsitzender von Bündnis 90/Die Grünen und heute Europaabgeordneter.

Winfried Kretschmann nennt diese frühen politischen Jahre während seines Studiums heute auf seiner persönlichen Homepage „die Zeit meiner linksradikalen Verirrung. An dem Irrtum knapse ich mein Leben lang“.

Die Massenmedien spielten natürlich eine bedeutende Rolle. Hinck: „Mit ihrem Bedürfnis nach Vereinfachung, Helden und Symbolen haben sie zu dem positiven Bild der 68er beigetragen. Sie haben ikonengleich Bilder populär gemacht, die zum kollektiven Bildgedächtnis der Bundesrepublik gehören und routinemäßig immer wieder abgerufen werden: Uschi Obermaier und Rainer Langhans im Doppelporträt; die Nackten aus der Kommune I an der Wand, den Rücken zum Fotografen gekehrt; Rudi Dutschke, wild skandalierend, in einer Demonstrationskette in Berlin.“

Gunnar Hinck widerspricht dieser verklärenden Form der Geschichtsschreibung. „Dabei waren die 68er noch nicht einmal die heroischen Modernisierer, die die Bundesrepublik durchlüftet haben. Das Land steckte bereits mitten in der Veränderung, ein Befund, der bemerkenswerter Weise inzwischen auch von einstmals besonders forschen Studentenführern geteilt wird.“

Längst wurde damals schon über die Möglichkeit einer sozialliberalen Koalition spekuliert, sogar sehr konkret ausgerechnet im CDU-Bundesvorstand. Bei Hinck ist das kein Thema. Die offiziellen Protokolle der CDU gewähren aber detaillierten Einblick. Jede Äußerung wurde mit- und später niedergeschrieben.
Im Bundesvorstand sah man am 17. April 1969 die FDP eindeutig auf dem Weg in Richtung SPD. Der damalige Bundeskanzler und CDU-Bundesvorsitzende Kurt Georg Kiesinger sagte laut Sitzungsprotokoll: „Bei den Wahlen im Herbst wird die SPD entweder die absolute Mehrheit bekommen, oder es wird eine Kombination geben, bei der die CDU mit der CSU wieder die stärkste Partei wird, aber nicht so, daß nicht ein Zusammengehen zwischen SPD und FDP kommen wird. Wenn sie die Chancen haben, dann werden sie es machen, dann setzt unmittelbar ihre neue Ostpolitik ein, d. h. Anerkennung.“

Die Darstellung, Kiesinger sei nach der Wahl im September 1969 von der Entscheidung der FDP zugunsten der SPD und Willy Brandts überrascht worden, ist historisch falsch. Wenige Monate zuvor hatten SPD und FDP zudem den Sozialdemokraten Gustav Heinemann zum neuen Bundespräsidenten gewählt.
Die aktuelle Lage bereitete Kiesinger aber noch aus einem anderen Grund Kopfzerbrechen. Dazu heißt es im Protokoll im Kapitel über das geplante Hochschulgesetz: „Das erste ist die Bewältigung der Studentenunruhen. Hier gibt es nur ein entsprechendes Vorgehen gegen alle diejenigen, die das Gesetz brechen. Wir gewinnen nur etwas, wenn diese Reform Zustimmung bei den Studenten und bei den Professoren findet. Aber das findet sie nicht. Hier liegt doch das Problem. Ich habe früher schon gesagt, die Zeit für Hochschulgesetze ist nicht da.“

Und auch den bangen Blick nach rechts gab es damals. CDU-Generalsekretär Bruno Heck erklärte in der Sitzung: „Die Frage, wie wir mit der NPD fertig werden, wird bei den Wahlen kräftig davon beeinflußt, wie wir während der Kampagne bei unseren Kundgebungen und Versammlungen mit den Störversuchen der radikalen Gruppen — das wären in erster Linie die APO und nach den Erfahrungen von Ludwigshafen allerdings auch die neue Linke und die DKP — fertig werden.“

Und so schreibt Gunnar Hinck über die erfolgreiche Wahl Willy Brandts, er sei nicht gewählt worden, „weil der Sozialistische Studentenbund es so wollte, sondern weil die neue FDP-Spitze unter Walter Scheel von der CDU zur SPD als neuen Bündnispartner schwenkte“.

Der Staat, so seine These, habe schon vorher den Veränderungsbedarf erkannt. „Reformuniversitäten wie in Bochum, Bremen und Konstanz wurden vor 1968 geplant oder eröffnet. Es gehört zu den vielen Ironien und Grautönen dieser Zeit, dass die damals hochgelobte Reformuniversität Konstanz von einem gewissen Ministerpräsidenten Kurt Georg Kiesinger auf den Weg gebracht wurde.“

Hinck wirft auch einen Blick auf damalige Professoren. „An den Universitäten der 60er Jahren besetzte eine Generation junger, Reformen gegenüber aufgeschlossener Akademiker früh Professorenstellen. Sie profitierte vom Ausbau der Hochschulen, aber auch von der Lücke, die der Zweite Weltkrieg bei der vorausgegangenen Generation riss.“ Als prominente Beispiele nennt er Ralf Dahrendorf und Jürgen Habermas. „Diese Schicht junger Professoren bevorzugte den Dialog mit den Studenten und eben nicht die Konfrontation.“