Aachen: Gauck appelliert in Aachen: „Kultur und Bildung muss man wollen!“

Aachen: Gauck appelliert in Aachen: „Kultur und Bildung muss man wollen!“

Karl der Große ist der Held des Tages. Aachen feiert ihn und das kulturgeschichtliche Erbe des Frankenkönigs. Die Stadt inszeniert im ganz großen Stil den sagenumwobenen Herrscher — und nicht zuletzt sich selbst in dessen Glanze. Rudolf Schieffer aber rückt die Fakten zurecht — und zwar deutlich.

„An der Gewaltsamkeit, mit der Karl der Große seine Macht über die Völker ausgebreitet hat, gibt es nichts zu beschönigen“, sagt der renommierte Bonner Historiker. Er spricht von „wilder Zerstörung, blutigen Exzessen und planmäßiger Entvölkerung“ und vom Kampf gegen die Heiden, bei dem „anscheinend kaum ethische Schranken galten“. Der Mann, der das sagt, kennt sich aus in der karolingischen Geschichte wie nur wenige.

Zur Ehre Karls in Aachen: Präsident Gauck (oben) und Historiker Schieffer. Foto: Michael Jaspers

Deshalb hielt er bei der feierlichen Eröffnung der Ausstellungstrias „Karl der Große. Macht Kunst Schätze“ auch die Festrede. Dazu kamen auf den Aachener Katschhof zwischen Dom und Rathaus immerhin Bundespräsident Joachim Gauck und First Lady Daniela Schadt. Für Beklemmungen sorgten Schieffers Befunde nicht; schließlich ist man sich Karls dunkler Seite auch in Aachen durchaus bewusst, auch wenn man sie zum 1200. Todestag nicht unbedingt bis in alle blutigen Ecken ausleuchtet. Da geht es in den drei Ausstellungen mehr um die Pfalz und die Marienkirche sowie all die Schätze und Kulturgüter, die hier geschaffen, gesammelt oder initiiert wurden.

Der strenge Historiker Schieffer hat dafür durchaus Verständnis. Man könne ohne Übertreibung sagen, dass es Aachen ohne Karl den Großen gar nicht gäbe, stellt er fest. Ohne den Frankenherrscher wäre Aachen nicht das geworden, was es war oder nach wie vor ist: „regni sedes principalis — vornehmster Sitz des Reiches“, großzügige Pfalz mit der einzigartigen Marienkirche, Wallfahrtsort, Badestadt, Europastadt. Das ist mehr als eine lokal-folkloristische Perspektive; es sind Besonderheiten, die Bestand und Attraktivität haben, was sich in diesen Tagen in der Aachener Innenstadt eindrucksvoll dokumentiert.

Mehr noch: Von Aachen gingen unter Karl dem Großen Impulse aus, die in Politik und Kirche, Bildung und Kultur jahrhundertelang wirkten — zum Teil bis heute. Das zeigen die drei Ausstellungen im Krönungssaal des Rathauses, im Centre Charlemagne am Katschhof und in der Schatzkammer des Domes. Schieffer erläuterte, wie diese „Gestalt von europäischer Bedeutung“ daran ging, sein schnell wachsendes Reich zu einigen, zu ordnen und zu gestalten. Karl kümmerte sich um eine effektive Verwaltung, erließ juristische, ökonomische und — selbstbewusst gegenüber Papst und Klerus — kirchliche Bestimmungen. Schieffer findet es bemerkenswert, dass „Karl und seine Berater sich zutrauten, durch schriftlich verbreitete Normen das Verhalten einer fast völlig aus Analphabeten bestehenden Gesellschaft steuern zu können“.

Was Karl für die Entwicklung der Zivilisation geleistet hat, stellt dessen Amtsnachfolger, wenn man ihn so nennen will, in den Mittelpunkt seiner Eloge: Gauck spricht Karl „eine politische und kulturelle Neugründung Europas“ zu, wovon „wir alle im Grunde bis heute profitieren, was uns alle in Europa bis heute zutiefst prägt“. Die wichtigste Lehre, die der Bundespräsident „aus den großen Kultur- und Bildungsanstrengungen“ Karls und dessen Hofes zieht, lautet: „Kultur und Bildung muss man wollen!“ Applaus auf dem Katschhof — und Gauck fügt hinzu: „Als erstes haben jetzt die Politiker bei diesem Satz geklatscht. Das ist doch ein Versprechen.“ Eines habe sich seit Karl dem Großen nicht geändert: „Zur wirklichen, lebendigen und prägenden Kultur einer Gegenwart wird nur, was uns selbstverständlicher, innerer Besitz geworden ist.“

Immer wieder betont Gauck diese nachhaltige Wirkung: Was Europa bis heute geistig und kulturell im Kern ausmacht, sei „die Verbindung christlicher Überlieferung und theologischen Denkens mit antiker Philosophie und Kultur. Diese Kombination ist durch Karl den Großen und seinen Hof ins Werk gesetzt worden, vielleicht im letzten Moment, bevor sie endgültig vergessen und verloren gegangen wäre.“ Aachens Oberbürgermeister Marcel Philipp darf sich also bundespräsidial bestätigt fühlen; hat er doch zuvor gesagt: „Drei Monate lang steht Aachen im Zentrum der Kulturgeschichte Europas.“ Die Ausstellungen sind bis zum 21. September zu sehen.