Paris: Frankreich und der neue Hass auf die Juden

Paris : Frankreich und der neue Hass auf die Juden

Ob sie sich hier sicher fühlt? Bei der Frage wiegt die Frau zweifelnd den Kopf. Sie stellt sie sich oft. „Wir sind beunruhigt. Es ist kein gutes Gefühl. Ich selbst oder meine Familie wurden noch nie bedroht. Aber damit rechnen muss man...“

Vor einer jüdischen Grundschule im Pariser Vorort Vincennes wartet sie auf ihren Sohn; bald wird er mit seinen Kameraden herauslaufen, die Kippa auf dem Kopf. Mit kleinen Klammern ist sie an seinem Haar befestigt, damit sie nicht herunterfällt, selbst wenn der Achtjährige noch so wild herumtobt. Droht dieses religiöse Symbol den Knirps eines Tages zur Zielscheibe von Judenhassern zu machen? Und könnten die Soldaten das verhindern, die mit ihren Maschinengewehren vorbeipatrouillieren? Die Sorge ist real; trotzdem erscheint es der Mutter dreier Kinder nicht als Option, nach Israel auszuwandern. „Wir sind Franzosen. Wir fühlen uns hier zu Hause.“ Aber fühlen sie sich auch sicher — als Juden?

Herzen und ein Foto von Mireille Knoll wurden nach deren Ermordung an der Tür ihrer Pariser Wohnung angebracht. Foto: dpa

Die Frage bekam zuletzt neue Brisanz. Der bestialische Mord an der 85-jährigen Jüdin Mireille Knoll Ende März hat Frankreich aufgeschreckt. Tausende Menschen beteiligten sich an einem Gedenkmarsch für die alte Dame, die in ihrer Wohnung in Paris mit elf Messerstichen getötet und deren Körper danach angezündet worden war. Ein Foto von ihr prangte auf Tafeln, das an die Frau mit dem gutmütigen Lächeln erinnerte. Humorvoll und lebensfroh sei sie gewesen, sagte ihre Nachbarin Claudette in einer französischen Zeitung.

Der Deportation knapp entkommen

Dabei hatte Mireille Knoll Schlimmes erlebt. Keine zehn Jahre war sie alt, als sie im Sommer 1942 gemeinsam mit mehr als 13.000 Juden bei der „Massenrazzia im Wintervelodrom“ in Paris von französischen Nazi-Kollaborateuren festgenommen wurde; der Deportation in osteuropäische Todeslager entkam sie dank ihres brasilianischen Passes. Mit ihrer Mutter floh sie nach Portugal, kam später zurück nach Paris und heiratete einen Auschwitz-Überlebenden, der Anfang der 2000er Jahre starb. Zwei Söhne, Alain und Daniel, zog das Paar in derselben Wohnung groß, in der Mireille Knoll ihren grausamen Tod fand.

Beim mutmaßlichen Haupttäter handelt es sich um den 28 Jahre alten Yassine M., einen Nachbarn, der sie seit seiner Kindheit gekannt hatte und sie ab und zu besuchte. Er und ein weiterer Tatverdächtiger, der 21-jährige Obdachlose Alex M., beschuldigten sich gegenüber der Polizei gegenseitig der Tat. Alex M. soll demnach ausgesagt haben, Yassine M. habe „Allahu Akbar“, „Gott ist groß“, gerufen, bevor er auf Mireille Knoll einstach.

Beide wussten, dass sie jüdisch, wenn auch nicht gläubig und in der Religionsgemeinde nicht aktiv war und sollen sich laut polizeilichen Quellen noch vor der Tat darüber unterhalten haben, dass angeblich Juden oft wohlhabend seien — was auf die in bescheidenen Verhältnissen lebende Mireille Knoll keineswegs zutraf. Ob die Täter trotzdem gehofft hatten, bei ihr etwas holen zu können, muss die noch laufende Untersuchung ergeben. Die Justiz ermittelt wegen schweren Diebstahls und vorsätzlicher Tötung aus einem antisemitischen Motiv heraus.

Die Gefahr nicht kleinreden

„Das ist eindeutig und das muss ganz klar benannt werden“, sagt Léa, die gerade im K-Shop, einem Laden für koschere Produkte, im Pariser Vorort Charenton-le-Pont eingekauft hat. Aufgewühlt sei sie, sagt die junge Frau, die selbst jüdischen Glaubens ist. „Das Schlimmste wäre jetzt, die Gefahr kleinzureden, der wir ausgesetzt sind.“ Präsident Emmanuel Macron folgte ebenfalls schnell dieser Auslegung. „Der Mörder hat eine unschuldige und wehrlose Frau getötet, weil sie Jüdin war“, sagte er.

Inzwischen hieß es allerdings in französischen Medien, weder die Familie von Mireille Knoll noch die Ermittler hätten Anzeichen von Judenhass bei Yassine M. feststellen können. Bis vor kurzem war er wegen sexueller Belästigung der zwölfjährigen Tochter von Mireille Knolls Pflegerin in Haft. Dort hatte er Alex M. kennengelernt, der wegen Diebstahls einsaß. Es wird nicht ausgeschlossen, dass die beiden Männer die alte Dame unabhängig von ihrer Religion ausrauben und töten wollten.

Dass die Polizei dennoch schnell von einem antisemitischen Antrieb sprach, liegt auch an den Versäumnissen im Fall der getöteten Sarah Halimi: Die 65-jährige Jüdin wurde vor einem Jahr von einem Nachbarn ermordet, der sie aus dem Fenster ihrer Pariser Wohnung warf, antijüdische Beschimpfungen und „Allahu Akbar“ rufend. Trotzdem nahm die zuständige Ermittlungsrichterin erst nach elf Monaten Antisemitismus als mögliches Tatmotiv auf. „Das war nicht zu begreifen, auch wenn es grundsätzlich schwer nachzuweisen ist, selbst wenn das Opfer erkennbar jüdisch war“, sagt Francis Kalifat, der Präsident des Zentralverbandes der französischen Juden, Crif.

Er begrüße den jüngsten Plan der Regierung für den Kampf gegen Antisemitismus und Rassismus, durch den unter anderem Hassparolen im Internet schärfer ins Visier geraten. Aber er plädiere für härtere Strafen und einen entschlosseneren Kampf gegen den Salafismus. Dabei legt Kalifat Wert auf eine klare Unterscheidung. „Es gibt Antisemitismus in Frankreich und dieser reduziert sich nicht nur auf Muslime. Aber Frankreich ist nicht pauschal ein antisemitisches Land.“

Die größte jüdische Gemeinschaft in Europa

Mit rund 550.000 Mitgliedern lebt hier die größte jüdische Gemeinschaft in Europa. Besonders sichtbar ist sie im Marais, dem traditionell jüdischen Viertel im Osten von Paris. In der stimmungsvollen Rue des Rosiers, so heißt es, gibt es die besten Falafel der Stadt, Bäckereien verkaufen typisches Gebäck. Ultraorthodoxe Männer mit ihren Rauschebärten und der traditionellen Bekleidung sind leicht erkennbar. Doch sie bleiben Ausnahmen; meist wird jüdisches Leben diskret gelebt. Wohl auch aus Vorsicht, nachdem es in den vergangenen Jahren immer wieder zu brutalen Übergriffen kam.

2006 wurde der 25-jährige Ilan Halimi, Sohn einer Familie marokkanischer Juden, von der sogenannten „Gang der Barbaren“ entführt, wochenlang gefoltert und schließlich ermordet; seine Peiniger hatten versucht, von seiner Familie Lösegeld zu erpressen. Im Frühjahr 2012 erschoss der Islamist Mohamed Merah nach dem Mord an drei Soldaten in einer jüdischen Schule in Toulouse drei Kinder und einen Rabbiner.

Kurz nach dem Attentat auf das Satiremagazin „Charlie Hebdo“ im Januar 2015 wurden bei einer Geiselnahme in einem jüdischen Supermarkt in Paris vier Menschen getötet. Im Januar gab im Pariser Vorort Sarcelles, der wegen seiner großen jüdischen Gemeinde „Klein-Jerusalem“ genannt wird, es kurz hintereinander Angriffe auf der Straße auf ein 15-jähriges Mädchen und einen achtjährigen Jungen, die jeweils sichtbar jüdische Zeichen trugen. So gingen 2017 antisemitische Straftaten wie Grabschändung oder Vandalismus zwar zurück; die Gewalt stieg aber an. Dem Innenministerium zufolge wurden Juden, die weniger als ein Prozent der französischen Gesellschaft ausmachen, Opfer von 38 Prozent der gezählten Gewalttaten.

„Antisemitismus des Alltags“

Darüber hinaus gebe es einen „Antisemitismus des Alltags“, sagt Crif-Präsident Kalifat: böse Blicke, Graffiti-Schmierereien, Drohungen. Jüdische Kinder besuchen oft Privatschulen, auch katholische, weil ihre Eltern in staatlichen Einrichtungen mit einem höheren Anteil muslimischer Kinder Angst um sie haben. „Das jüdische Leben wird immer schwieriger“, bedauert Kalifat. Alte Vorurteile hielten sich, nach denen Juden reich und politisch dominant seien.

Verschärft habe sich die Situation ab den 2000er Jahren infolge der Zweiten Intifada: Der Nahostkonflikt fand einen Widerhall mit gewalttätigen Zusammenstößen am Rande von Demonstrationen. Mit den Terroranschlägen der vergangenen Jahre verschlechterte sich die Stimmung weiter. Wanderten bis dahin jährlich zwischen 1500 und 2000 französische Juden nach Israel aus, so stieg ihre Zahl im Jahr 2015 auf 3500 und 2016 sogar auf mehr als 7000; seither sank sie wieder. „Die Franzosen sind zuletzt zur größten Einwanderergruppe geworden“, sagt die österreichische Publizistin Anita Haviv, die seit langem in Israel lebt. „Der Trend ist stark erkennbar: In Tel Aviv gibt es französische Viertel, Bäckereien, Bars. Man hört die Sprache sehr oft.“

Viele kehren nach Frankreich zurück

Allerdings kehren viele auch wieder nach Frankreich zurück — aber sie werden ebenso wenig in Statistiken vermerkt wie Juden, die in andere Länder auswandern, etwa nach Kanada oder in die USA. „Da haben wir nur Schätzungen“, sagt Crif-Präsident Kalifat. „Aber neu ist seit einigen Jahren, dass es sich bei den Auswanderern nicht mehr überwiegend um Studenten oder Rentner handelt, sondern zunehmend um junge Paare und Familien, die sich hier nicht mehr sicher fühlen.“

Das ist auch der Fall von Noa Goldfarb, einer Enkelin Mireille Knolls. „Vor 20 Jahren habe ich Paris verlassen, weil ich wusste, dass dort weder meine Zukunft noch jene des jüdischen Volkes liegt“, schrieb sie nach dem Mord an ihrer Großmutter auf Facebook. „Aber wer hätte gedacht, dass ich meine Angehörigen dort zurücklasse, wo der Terrorismus und die Grausamkeit zu einer solchen Tragödie führen würden?“

In den Medien und sozialen Netzwerken sendeten Mireille Knolls Hinterbliebene versöhnliche Botschaften aus. Dagegen wollte der Crif Vertreter des rechtspopulistischen Front National, der sich vor allem in der Vergangenheit durch antisemitische Töne auszeichnete, sowie der radikalen Linken, die sich an einer Boykott-Aktion israelischer Produkte beteiligten, vom Gedenkmarsch ausschließen. Als die Parteichefs Marine Le Pen und Jean-Luc Mélenchon trotzdem kamen, wurden sie ausgepfiffen und mussten den Zug vorzeitig verlassen. Mireille Knolls Sohn Daniel sah das mit Widerwillen. „Der Crif macht Politik und ich öffne mein Herz“, sagte er. Jeder sei willkommen beim Gedenken an seine Mutter, denn jeder sei betroffen: „Es ist unerträglich, dass man in Frankreich heute auf eine so schreckliche Art und Weise sterben kann.“

Mehr von Aachener Zeitung