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Zum Tod von Norbert Blüm: „Es war alles sehr schön“

Zum Tod von Norbert Blüm : „Es war alles sehr schön“

Norbert Blüm war ein durch und durch sozialer Mensch. Das machte ihn zu einem authentischen Politiker, der über viele Jahre das sozialpolitische Gesicht der CDU war. Nun ist unser langjähriger Kolumnist im Alter von 84 Jahren gestorben.

Noch vom Krankenbett aus sorgte er sich um die Menschen und Institutionen, die es in der aktuellen Krise besonders trifft. In dem Fall die 123 Mutter-Vater-Kind-Kurkliniken in Deutschland. „Die Einnahmen entfallen, die Ausgaben bleiben“, schrieb Norbert Blüm in einem Brief an unsere Zeitung mit der Bitte um eine Veröffentlichung. „Wenn hier keine Hilfe kommt, stehen wir am Ende der Corona-Pandemie ohne familienspezifische Reha-Maßnahmen da. Das wäre ein schwerer Verlust für unseren Sozialstaat.“

Typisch Norbert Blüm: Er, der nach einer Blutvergiftung seit einigen Wochen von der Schulter abwärts gelähmt war, hatte nicht sich und sein eigenes Schicksal im Blick, sondern das anderer. Blüm war selbst ein durch und durch sozialer Mensch. Das machte ihn zu einem authentischen Politiker, der über viele Jahre das sozialpolitische Gesicht der CDU war. Nun ist er, am Ende doch überraschend, im Alter von 84 Jahren gestorben.

„Die Rente ist sicher“

16 Jahre lang war Blüm Bundesarbeitsminister. Mit einem Satz ist er aus dieser Zeit besonders in Erinnerung geblieben. Noch Jahrzehnte später wurde er ihm auf der Straße nachgerufen, mitunter geradezu entgegengeschleudert, wie der CDU-Politiker einmal in einem Interview schilderte. Mal eher augenzwinkernd-freundlich, oft aber höhnisch und manchmal sogar in dem für ihn typischen Dialekt: „Die Rente ist sischer!“

Auch mit über 80 Jahren war Blüm noch jederzeit bereit, diesen Satz zu verteidigen. „Und zwar mit einer gewissen Wut im Bauch“, wie er versicherte. Überhaupt konnte Blüm unangenehm werden. Das bekam 2003 auch der Aachener Karnevalsverein (AKV) zu spüren, von dem sich Blüm, AKV-Ritter „Wider den tierischen Ernst” von 1985 und Publikumsliebling bei der Aachener Festsitzung, distanzierte.

Seine politische Karriere bleibt mit der Bonner Republik... Foto: dpa/Egon Steiner

Nachdem seine Büttenrede bei der Ordensverleihung an Porsche-Chef Wendelin Wiedeking in der TV-Aufzeichnung gekürzt worden war, hatte Blüm vorübergehend seinen Humor verloren und die Festsitzung als „fernsehgefangen” gegeißelt. Blüm besuchte später nie mehr eine Sitzung im Eurogress, schlug gegenüber dem AKV aber versöhnliche Töne an.

„Wir verlieren in Norbert Blüm einen Ritter, der dem AKV unermesslich viel gegeben hat. Ein geistreicher und hoch engagierter Mensch, mit dem man in der Sache streiten, sich aber genauso wieder versöhnen konnte. Humor und Menschlichkeit waren herausragende Eigenschaften, die Norbert Blüm nie aufgegeben hat“, sagte am Freitag AKV-Präsident Werner Pfeil.

...und der Rente (Foto von 1986) verbunden. Foto: dpa/Peter Popp

Blüm war der einzige Bundesminister der Kohl-Ära, der gleichzeitig Mitglied der IG Metall war. Er galt als „Herz-Jesu-Marxist“, als überzeugter Anhänger der katholischen Soziallehre. In seiner Jugend war der Arbeitersohn aus Rheinhessen Pfadfinder und Messdiener gewesen, bevor er sich als Werkzeugmacher bei Opel in seiner Geburtsstadt Rüsselsheim verdingte. Dann machte er Abitur auf dem zweiten Bildungsweg und studierte in Bonn Philosophie, Germanistik, Geschichte und Theologie.

Nordrhein-Westfalens Ministerpräsident Armin Laschet würdigte den Parteifreund als das „soziale Gewissen der Bonner Republik“. Blüm sei „eine der bekanntesten und zugleich beliebtesten Persönlichkeiten der Nachkriegsgeschichte“ gewesen, sagte Laschet. „Er war lebensfroh, menschennah und streitbar.“

Auch beim politischen Gegner genoss Blüm Ansehen und Respekt. „Norbert Blüm war außergewöhnlich. Sich selbst treu bleiben, auch wenn man gegen den Strom schwimmen muss, ist extrem schwer, kostet Kraft, verlangt Mut und die Sicherheit, das Richtige zu tun, auch wenn alle anderen den Kopf schütteln! Er hatte diese Kraft, den Mut und die Sicherheit. Ein außergewöhnlicher Mensch“, würdigte der SPD-Bundestagsabgeordnete und ehemalige Präsident des europäischen Parlaments, Martin Schulz, Blüm am Freitag gegenüber unserer Zeitung.

Blüm war immer jemand, der das Leben zu genießen wusste – ob im Gummiboot (1989)... Foto: imago images/Dieter Bauer/imago stock&people via www.imago-images.de

Von 1968 bis 1975 war Blüm als Hauptgeschäftsführer der CDU-Sozialausschüsse tätig. Als Helmut Kohl 1982 Bundeskanzler wurde, berief er den Weggefährten als Arbeits- und Sozialminister in sein Kabinett. Dort durfte Blüm von nun an 16 Jahre im Maschinenraum des Sozialstaats schalten und walten, denn als Repräsentant des CDU-Arbeitnehmerflügels war er einer der Pfeiler des Kohlschen Machtsystems. Mit seinem Namen verbunden bleibt die 1995 gegen erhebliche Widerstände eingeführte Pflegeversicherung.

Sein Verhältnis zu Kohl bekam erst 1989 tiefe Risse, als er mit Rita Süssmuth und dem ehemaligen Generalsekretär Heiner Geißler versuchte, den zu diesem Zeitpunkt unpopulären CDU-Chef zu stürzen. Stattdessen wollten sie dem beliebten baden-württembergischen Ministerpräsidenten Lothar Späth zur Macht verhelfen. Der schreckte aber davor zurück, seinen Hut in den Ring zu werfen. Dann fiel die Mauer, und Kohl mutierte zum „Kanzler der Einheit“.

Der vollständige Bruch mit Helmut Kohl

Der vollständige Bruch kam in den Jahren 1999 und 2000 im Zuge der CDU-Spendenaffäre, als Blüm seinen einstigen Förderer mit deutlichen – vielleicht überdeutlichen – Worten kritisierte. Von da an wechselten die beiden kein Wort mehr miteinander. Auf Blüm angesprochen, sagte Kohl in einem Interview: „Der Mann ist mir völlig egal.“ Dennoch ging Blüm 2017 zusammen mit Geißler zu Kohls Beerdigung.

...oder als AKV-Ritter (1985). Foto: imago images/Dieter Bauer/imago stock&people via www.imago-images.de

Auch gesundheitlich angeschlagen hatte Norbert Blüm noch Ziele – zum Beispiel, wieder selbst ein Buch halten zu können. Seinen Lebensmut büßte Blüm auch durch den Schicksalsschlag der Lähmung nicht ein. Sterben wollte er wie sein Vater. Dessen letzter Satz war gewesen: „Es war alles sehr schön.“

Unzählige Gastbeiträge hat Norbert Blüm für die Aachener Volkszeitung, später Aachener Zeitung, geschrieben. Anlässlich seines Todes veröffentlichen wir noch einmal Auszüge aus seiner Kolumne vom 26. September 2019, in der Blüm die Bedeutung des Themas Lesen hervorhebt. Es sollte einer seiner letzten Beiträge für unsere Zeitung sein.