1. Politik

New York: „Es ist sehr knapp”: New York wappnet sich für Wahl-Showdown

New York : „Es ist sehr knapp”: New York wappnet sich für Wahl-Showdown

Scott LoBaido hat sich endgültig heiß geredet. „Ohne Amerika wäre die Welt viel beschissener. Wir sind ein Schmelztiegel jeder verdammten Kultur, jeder verdammten Kreatur aus jeder Ecke des Universums. Das ist es, was uns so verdammt schön macht, das ist diese verdammte Blume, die wunderschöne Flaggen-Blume, die ich gerade erschaffen habe. Sie zeigt uns, wie verdammt schön dieser Ort ist.” Breitbeinig steht der Maler im Atelier und streckt seinem neuen Gemälde die Arme entgegen - eine Rosette über dem Sternenbanner.

Eben saß LoBaido noch am Tisch, selbst gedrehte Zigarette zwischen den Fingern, vor ihm die jüngste Ausgabe der „New York Post”. Auf der Titelseite: Das Foto einer strahlenden Hillary Clinton im Arm ihres Ehemannes Bill.

Ursprünglich erschienen auf Videoboost.de

„Clinton Bargeld-Maschine” steht in Blockschrift daneben - eine Titelstory über Finanzströme der Clinton-Stiftung. Im Spülbecken warten schmutzige Pinsel, Kartons stapeln sich, der Raum ist kalt. Noch etwa eine Woche bis zur Präsidentschaftswahl in den USA, der womöglich wichtigsten seit Jahrzehnten. Und LoBaido, der vor den Toren New Yorks auf Staten Island lebt, hat genug gesehen.

„Wir wollten einen Außenseiter. Wir alle hatten diesen verdammten Establishment-Status-Quo-Hurerei-Lobbyisten-Bullshit satt, und wir haben ihn bekommen. Wir haben die Extreme bekommen.” Mit den Extremen meint der 51-Jährige Linksaußen Bernie Sanders, der mittlerweile fast vollkommen von der Bildfläche verschwunden ist, und Donald Trump, den Baulöwen und ehemaligen Reality-TV-Star, der diese beispiellose Wahl aufgerüttelt hat wie kein zweiter. LoBaido, der das F-Wort im einstündigen Gespräch etwa hundertmal in den Mund nehmen wird, ist sicher: Trump wird Amerika zu dem machen, was es einmal war.

Es sind Bürger wie der aus einer italienischen Einwandererfamilie stammende Maler, bei denen „The Donald” trotz seiner Verbalausfälle den größten Rückhalt genießt: Weiße, hart arbeitende Geringverdiener und die Mittelklasse, die sich von der hohen Politik im fernen Washington verraten fühlt. Durchschnittstypen, „average Joe”, wie LoBaido sich selbst bezeichnet. „Diese verdammten Leute sind das Getriebe dieses Landes und sie haben nie protestiert. Dies ist ihr Molotowcocktail. Sie haben die Schnauze voll.” Als Beschreibung für die US-Wahl am kommenden Dienstag hat er ein Wort parat: Revolution.

Zwischen den Hochhausschluchten am anderen Ufer der Upper Bay scheint die Drohung angekommen zu sein. „Ich bin zuversichtlich, aber nervös wie alle anderen”, sagt der langjährige Clinton-Unterstützer Tom Watson, der in einem Café gegenüber der Grand Central Station in Manhattan Platz genommen hat. Ein Präsident Trump könne so weit gehen, seine politischen Gegner nach dem Wahlsieg zusammentreiben zu lassen, vergleichbar zuletzt mit Internierung japanischstämmiger Amerikaner nach dem Überfall auf Pearl Harbor im Zweiten Weltkrieg. „Das ist ein ziemlich gruseliger Gedanke”, sagt Watson. „Viele Menschen haben Angst davor.”

Plötzlich scheint wieder alles offen. Clintons E-Mails sind wieder im Gespräch, der solide Vorsprung der Demokratin bröckelt, Trump hat Boden gut gemacht. Und hatten nicht selbst erfahrene Wahl-Experten, Politikwissenschaftler und Journalisten den Mann mit der Föhnfrisur schon einmal vorzeitig abgeschrieben? Nämlich im Sommer vergangenen Jahres, als Trump gegen 16 Republikaner ins Rennen ging, die deutlich mehr politische Expertise vorweisen konnten als der Unternehmer, der mit Casinos, Hotels und Golfplätzen sein Imperium aufgebaut hatte?

„Wir befinden uns in der letzten Woche eines brutalen Wahlkampfs. Es ist sehr knapp”, sagt Watson. Heute verdient der 54-jährige Vater dreier Kinder als Unternehmensberater für Nonprofit-Organisationen sein Geld, doch seine Karriere begann als Reporter für Lokalpolitik in der Bronx. „Sie waren berühmt für knallharte Wahlkämpfe und viele schmutzige Tricks. Dieser Wahlkampf ist das Dreckigste, was ich je in meinem Leben gesehen habe.”

So dreckig, so überraschend, so unberechenbar, dass selbst gestandene Republikaner und Demokraten die Seiten wechseln. Richard Luthmann zum Beispiel, der Amtsinhaber Barack Obama in den vergangenen zwei Wahlen seine Stimme gab und der überzeugt ist, dass Obama unter anderem die US-Autoindustrie vor dem sicheren Untergang rettete und das Land vor einer erneuten Wirtschaftskrise bewahrte. Trotzdem will er jetzt Trump wählen. Im Büro in seiner Anwaltskanzlei hängen Trump-Schilder, die Baseball-Mütze mit dem Aufspruch „Make America Great Again” hat er sich gleich in mehreren Farben bestellt.

„Trump bringt frischen Wind”, sagt Luthmann. Gerade weil der Baulöwe keine längere politische Vergangenheit habe, sei er der richtige Mann für den Job. Sein Leben lang habe Trump Deals geschmiedet und dabei stets einen kühlen Kopf bewahren müssen. Der Immobilienmarkt in der Millionenmetropole sei schließlich einer der härtesten der Welt: „Im Grunde sind das die Piraten von heute. Sie schlitzen Dich von Ohr zu Ohr auf aber nutzen ihre Anwälte und Banker dafür”, sagt Luthmann. „Die Vereinigten Staaten zu führen, wird im Vergleich zum New Yorker Immobilienmarkt ein Leichtes sein.”

Auch LoBaido, der seine USA-Flaggen im Großformat als Auftragsmaler an die Wände bringt und mit seinem Truck schon mehrfach quer durch alle 50 Bundesstaaten tourte, will seine Weltsicht nicht in eine Schublade stecken lassen. „Ich habe geweint, als Obama gewonnen hat. Ich habe ihn nicht gewählt, ich wollte ihn nicht im Oval Office, aber ich habe geweint. Weil ich ein Mensch bin, weil wir gerade Geschichte geschrieben hatten.” Und wie der erste afroamerikanische Präsident ihm Tränen in die Augen trieb, würde er wohl auch weinen, wenn mit Clinton die erste Frau ins Weiße Haus gewählt würde, sagt LoBaido.

Überhaupt scheinen einige New Yorker sich selbst eine Woche vor dem Urnengang nicht endgültig festgelegt zu haben. „Wenn ich mich entscheiden müsste, würde ich Hillary wählen”, sagt Sean McGinniss - überzeugt klingt er nicht. Er hat seinen Vater in Brooklyn gerade zum Arzt gebracht und wartet nun vor dem Bürogebäude mit der Adresse One Pierrepont Plaza. Dass Clinton ihren politischen Apparat von hier aus lenkt, wusste er nicht. Nur die „H”-Pullover und „H”-Anstecker der Mittzwanziger, die sich zur Kaffeepause die Drehtür in die Hand geben, lassen ahnen, was im 10. Stockwerk vor sich geht.

Wer meint, dass die sexistischen Bemerkungen Trumps und die Vorwürfe sexueller Übergriffe ihn aus der Bahn geworfen hätten, muss nur mit Wählern wie Linda Vinciguerra sprechen. „Ich stehe trotzdem zu ihm, tut mir leid. Sie (Clinton) ist eine Lügnerin. Ich hätte gern eine Frau im Amt, aber nicht sie.” In dem Dessous-Geschäft, das Vinciguerra auf Staten Island betreibt, überhöre sie ganz andere Gespräche als das Macho-Gerede á la Trump. „Frauen haben auch ein dreckiges Mundwerk, Frauen reden schlimmer als Männer”, sagt Vinciguerra. Viele ihrer Freundinnen würden ähnlich denken.

Tom Watson, der seine Tasse Kaffee an der 42nd Street inzwischen ausgetrunken hat, findet da ganz andere Worte. Von „widerlichem Sexismus” spricht er, von „Missbrauch”. Eine Niederlage Clintons würde seiner Ansicht nach fraglos eine Niederlage des Feminismus bedeuten. Und selbst wenn mit Clinton erstmals eine Mutter (und Großmutter) den Arbeitsplatz im Oval Office bezieht: Die Ära des Feminismus und des Kampfes um Gleichberechtigung sei noch lang nicht am Ende. „Wir sind noch nicht einmal nah dran”. 2015 startete er die Kampagne „Hillary Men”, um mehr Männer auf Clintons Seite zu ziehen.

Ob nun eine Frau an der 1600 Pennsylvania Avenue in Washington ihr Quartier bezieht oder eine „zweiköpfige chinesische Lesbe mit einem Arm und einer Augenklappe”, ist Scott LoBaido ziemlich egal - solange sie „für Amerika” ist. Aber dass er einem „Mädchen auf den Hintern gucken werde, wenn sie in einem engen Rock vorbeigeht”, darauf könne man sich jedenfalls verlassen. Er habe es einfach satt, bei all der „politischen Korrektheit” ständig „auf Eierschalen” gehen zu müssen.

Ob und wie schnell die Wogen sich nach dem 8. November glätten werden, ist offen. Sicher ist, dass Millionen Amerikaner nach einem aberwitzigen Wahlkampf für diesen Abend nochmal einen langen Atem brauchen werden. Tom Watson hatte erst überlegt, ihn bei Clintons Party im Javits-Kongresszentrum in Manhattan zu verbringen. Aber er will wohl lieber im Kreis seiner Familie im nahen Mount Vernon sein. Wenn es läuft, wie er vermutet, wird er am Dienstagabend vor drei Bildschirmen sitzen, über Zahlen brüten, in Echtzeit ausrasten - „und wahrscheinlich schwer trinken”.

(dpa)