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Mönchengladbach: Eine putinische Geschichtslektion mit dem Altkanzler

Mönchengladbach : Eine putinische Geschichtslektion mit dem Altkanzler

Für die bekannte Fernsehjournalistin hat der Altkanzler eine kleine Lektion in Geschichte — aber nicht in Völkerrecht — parat: Die Krim gehörte seit Zarin Katharina der Großen (1729-96) zu Russland, bis der damalige sowjetische Parteichef Nikita Chruschtschow die Halbinsel 1954 der Ukrainischen Sowjetrepublik schenkte.

„Die Krim ist urrussisches Gebiet“, sagt Gerhard Schröder in Mönchengladbach. „Das gibt kein russischer Präsident mehr zurück.“ Das Wort Annexion will er gar nicht in den Mund nehmen, als Dunja Hayali ihn nach dem Bruch des Völkerrechts fragt. „Ich will das nicht rechtfertigen, sondern verstehen.“

Schröder übernimmt vor rund 700 Besuchern, die der Initiativkreis Mönchengladbach eingeladen hat, die Position seines Freundes Wladimir Putin. Einwände und Nachfragen wischt er beiseite: „Russland ist keine Westminster-Demokratie; das ist mir bekannt.“

Der neue Aufsichtsratsvorsitzende des russischen Energie-Riesen Rosneft, den die EU mit Sanktionen belegt hat, gibt sich, wie man ihn kennt: selbstgewiss, burschikos, kalauernd. Die Vorwürfe, die ihm — nicht zuletzt aus seiner eigenen Partei — wegen seines Rosneft-Engagements gemacht werden, belächelt er nur. „Ich verstehe die Kritik nicht; ich werde sie auch nicht verstehen. Wenn ich bei Exxon wäre, würde das niemand beanstanden.“

Schröder bemüht sich, seinem hochdotierten Job von Putins Gnaden politisch zu begründen: Er wolle Russland integrieren und nicht isolieren. Auch die Entspannungspolitik der 60er und 70er Jahre habe so funktioniert: Wandel durch Annäherung. Medien, die ihm seine Nähe zu Putin vorhalten, seien „ideologisch fixiert“. Zu Russland wie zur Türkei brauche die Europäische Union ein besseres Verhältnis, auch wenn es „schwierige Länder sind“. Ohne die beiden gebe es keine Stabilität in Osteuropa, Nahost und Nordafrika. „Und wir müssen verhindern, dass diese zwei Länder nach China abdriften.“

Schröder erwartet von Frankreich und Deutschland, dass sie wie früher gemeinsam die Führung in der EU übernehmen. „Die anderen Mitglieder erwarten das.“ Das dürfe aber nicht Dominanz bedeuten. „Es wäre ein schlimmer Fehler“, die kleineren Partner zu vernachlässigen. „Wir müssen uns aus historischen Gründen und wegen unserer wirtschaftlichen Stärke gelegentlich zurücknehmen.“ Der Altkanzler spricht von einer schwierigen, aber notwendigen Balance. Wenn Deutschland in der EU führe, gebe es Beschwerden, wenn es das nicht tue, auch. „Deshalb geht es nur mit Frankreich.“ Schröder verlangt Klartext gegenüber osteuropäischen Staaten, die sich der Solidarität verweigern, wenn Flüchtlinge verteilt werden müssen: „Denen müssen wir sagen: Dann gibt es kein Geld mehr.“

Deutliche Kritik übt Schröder an US-Präsident Donald Trump; der habe „wenig Respekt vor den Werten, die uns verbinden“. Zur vielfach verknüpften Weltwirtschaft gebe es keine vernünftige Alternative. „Das wird auch der amerikanische Präsident lernen.“

Der Altkanzler ist ein gewandter Talkpartner. „Fanden Sie es richtig, dass Martin Schulz am Wahlabend schon um 18.02 Uhr erklärt, dass es keine große Koalition geben werde?“, fragt ihn die Moderatorin. „Frau Hayali, das ist doch eine Fangfrage“, sagt er, fügt aber hinzu: „Okay — das hätte man auch anders lösen können.“ Ansonsten ist von ihm kein kritisches Wort zum SPD-Vorsitzenden zu hören.

Nur dass Schulz dem Magazin „Der Spiegel“ zugestanden hat, ihn während des Wahlkampfes bei internen und vertraulichen Gesprächen zu beobachten und zu belauschen, versteht er nicht. „Ich hätte das nicht gemacht. Ihr Journalisten müsst nicht alles wissen. Es gibt Privates, das muss privat bleiben. Wer soll noch in die Politik gehen, wenn alles immer gnadenloser an die Öffentlichkeit gezerrt wird.“