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Ende des 1. Weltkriegs am 11. November: Ein Ort des Gemetzels, ein Ort großer Gesten

Ende des 1. Weltkriegs am 11. November : Ein Ort des Gemetzels, ein Ort großer Gesten

Außer Gestrüpp und Krüppelkiefern wächst hier nichts mehr, dafür spuckt der Boden bis heute Blindgänger, Waffenteile und menschliche Knochen aus. Das Schlachtfeld von Verdun, auf dem rund 350.000 Menschen starben, steht symbolisch für die Sinnlosigkeit des Krieges. Ein Besuch.

Grabkreuze, soweit der Blick reicht. In langen Reihen sauber ausgerichtet wie eine zum großen Zapfenstreich angetretene Kompanie bilden sie in Douaumont den größten Soldatenfriedhof Europas. 15.000 Kreuze für 130.000 Gefallene, Deutsche und Franzosen, die meisten von ihnen namenlos.

Hier, unweit der ostfranzösischen Stadt Verdun, ruhen keine Sieger oder Besiegte, sondern die Opfer eines der mörderischsten Waffengänge der Geschichte. Eine kleine Kupferplakette markiert die Stelle, an der sich Francois Mitterrand und Helmut Kohl 1984 über diesen Gräbern die Hand reichten. Die emotionale Geste der Versöhnung zwischen den ehemaligen „Erbfeinden“ bleibt unvergessen.

Unvergessen aber ist auch, was in dieser Gegend vor 100 Jahren geschah. Verdun, der Name steht für die kaum vorstellbaren Grauen eines Stellungskrieges, in dem rund 350.000 Soldaten den Tod fanden – von Bajonetten durchbohrt, von Maschinengewehren niedergemäht, von Granaten zerfetzt oder durch Kampfgas vergiftet. Der Blutzoll war so hoch, dass die Franzosen das jedes Jahr am 11. November begangene Ende des 1. Weltkrieges nicht mehr als eine Siegesfeier ansehen mögen. Vielmehr versteht sich das Gedenken ebenso wie der Friedhof von Douaumont als eine Mahnung für den Frieden.

Erobert, verloren, neu erobert

Am frühen Morgen des 21. Februars 1916 begann die Schlacht, begann das große Schlachten. Exakt 210 Kilometer lang war die Frontlinie in der Nähe der lothringischen Stadt, wo die deutsche Offensive mit Stoßrichtung Paris gestoppt werden konnte. Statt des Sichelschnitts durch die französischen Verteidigungslinien kam es zu einem zermürbenden Stellungskrieg. Vor Ort ist es völlig unmöglich, sich ohne Führer zu orientieren. Unglaublich nahe lagen die gegnerischen Positionen, die Befestigungsanlagen und Gräben, welche in 10 Monaten immer wieder erobert, verloren und erneut erobert worden sind.

Eine unvergessene Geste der Versöhnung zeigten Frankreichs damaliger Präsident Mitterrand (links) und der damalige Bundeskanzler Kohl 1984. Foto: imago, dpa/dpa, imago

Dass hier jeder Quadratzentimeter Boden heiß umkämpft war, belegen nicht nur die zahllosen Gräber. Auch ohne diese stummen Zeugen werden die Narben in der Landschaft wohl noch in weiteren 100 Jahren unübersehbar sein. Auf Tausenden von Hektar gibt es keine einzigen flachen und unversehrten Flecken Erde. Die Artillerie der beiden Kriegsparteien hat eine Kraterlandschaft hervorgebombt, auf der jede Landwirtschaft unmöglich ist. Außer Gestrüpp und Krüppelkiefern wächst hier nichts mehr, dafür spuckt der Boden bis heute Blindgänger, Waffenteile und menschliche Knochen aus. Ortsschilder erinnern an die ehemaligen Dörfer, die damals komplett zerstört und nie mehr aufgebaut wurden. Einen symbolischen Bürgermeister haben sie bis heute, wenn auch keinen einzigen Einwohner.

Wenn die Glocken des Beinhauses von Douaumont läuten, fährt vielen der jährlich 250.000 Besucher ein Schauer über den Rücken. Immer wieder konstatiert Führerin Sophie Bechart die Fassungslosigkeit im Angesicht des Waldes aus weißen und schwarzen Kreuzen: „Was hier passierte, übersteigt einfach die Vorstellungskraft. Wer erstmals durch die Befestigungsanlagen und Gräben geht, realisiert nur bruchstückhaft, welche Tragödien sich an solchen Orten abgespielt haben. Der Tod war und ist tatsächlich allgegenwärtig!“

Kämpfend zwischen den Toten

Douaumont, die Massengrabstätte, liegt dort, wo noch 1916 ein ganzes Dorf stand. Es versank im Bombenhagel bis auf die letzten Mauern, wie auch Fleury, Vaux, Froideterre oder Vauxquois. Mit Ausnahme der Ortsschilder erinnert nichts mehr an die einst malerischen Dörfer, nur die Gräben des Stellungskriegs überdauerten.

In der Tradition des Miteinanders stehen auch Frankreichs Präsident Macron (links) und Bundespräsident Frank-Walter Steinmeier. Foto: dpa/Ludovic Marin

„Gräben“, so heißt es in den Erinnerungen eines französischen Kriegsteilnehmers, „in denen wir uns eingebuddelt hatten wie die Ratten. Hunger quälte, Durst und Durchfall. Wir warteten auf den nächsten Sturmangriff der Landser, die immer wieder gehorsam aus ihren Stellungen kletterten und durch das Sperrfeuer auf uns zuliefen (…) Die Überlebenden kämpften weiter, mitten zwischen den Toten, Sterbenden und Verletzten. Der Geruch war so unbeschreiblich wie das Grauen. Da war der Dauerbeschuß und da war vor allem die Angst: Angst vor der nächsten Granate, vor dem nächsten Angriff, Angst vor dem Gas, Angst vor dem Flammenwerfer, Angst vor der Kugel!“

„Die Hölle von Verdun“ währte 300 Tage und von den insgesamt 2 Millionen deutschen und französischen Soldaten, die sich hier gegenüberstanden, musste mindestens jeder Fünfte sein Leben lassen. Doch das sind grobe Schätzungen – manche Historiker gehen davon aus, dass die Opferbilanz, zu der auch 400.000 Verwundete zählen, mehr als doppelt so hoch gewesen sein könnte. Wobei dieses beispiellose Gemetzel ohne jedes strategische Ergebnis blieb. Als Mitte Dezember 1916 schließlich beide Seiten die Kampfhandlungen einstellten, hatte die Front wieder exakt jenen Verlauf erreicht, den sie auch am 21. Februar aufwies.

(epd)