Jerusalem: Ein Land zwischen Krieg und Start-Up-Kultur

Jerusalem : Ein Land zwischen Krieg und Start-Up-Kultur

Nach dem Grauen des Holocaust ging 1948 für Juden aus aller Welt der uralte Traum von einer eigenen Heimstätte in Erfüllung: Trunken vor Freude tanzten Tausende nach Israels Staatsgründung auf den Straßen, um das „Wunder“ zu feiern.

„Wir waren völlig aus dem Häuschen vor Freude“, erinnert sich der Holocaust-Überlebende Chaim Kozienicki an den Moment, als Staatsgründer David Ben Gurion am 14. Mai in Tel Aviv die Unabhängigkeitserklärung verlas.

ARCHIV - 14.05.1948, Israel, Tel Aviv: Nach der Unterzeichnung der Proklamationsurkunde im Stadtmuseum von Tel Aviv hält eine nicht identifizierte Person das Schriftstück mit den Unterschriften in die Höhe. Links steht David Ben Gurion, der erste Ministerpräsident Israels. (zu dpa "70 Jahre Israel: Dauerkampf in feindlicher Umgebung" vom 17.04.2018). Foto: dpa

Doch unmittelbar danach griffen fünf arabische Staaten Israel an. Der heute fast 90-jährige Kozienicki hatte das Ghetto Lodz und das KZ Stutthof bei Danzig überlebt, aber seine Familie im Holocaust verloren. Trotz „Magengrimmen“ meldete der junge Mann sich freiwillig bei der Armee, um für den neuen jüdischen Staat zu kämpfen.

„Als ich während der Kämpfe zum ersten Mal einen Schuss abfeuerte — das war, glaube ich, der glücklichste Moment in meinem Leben“, erzählt Kozienicki. Der Mann mit der schwarzen Brille und dem schütteren, grauen Haar spricht mit leiser, bedächtiger Stimme. „Dass ich für meine eigene Heimat kämpfen kann, davon habe ich schon als Kind in Polen geträumt.“

Für die Palästinenser bedeutete der Freudentag der Juden eine Katastrophe. Rund 700.000 Palästinenser mussten im Zuge der israelischen Staatsgründung fliehen oder wurden vertrieben. Die Zahl der palästinensischen Flüchtlinge und ihrer Nachfahren ist heute auf mehr als fünf Millionen angewachsen. Denn sie können ihren Flüchtlingsstatus an die nächste Generation „vererben“.

Auch Nachfahren, die in Flüchtlingslagern in den Palästinensergebieten oder umliegenden arabischen Staaten leben, fordern daher ein „Recht auf Rückkehr“ auf das israelische Staatsgebiet. Israel lehnt das ab, weil es aus seiner Sicht die Zerstörung des jüdischen Staates bedeuten würde.

Die Zahl von Juden und Arabern im Bereich des historischen Palästina zwischen Mittelmeer und Jordan ist heute laut der israelischen Cogat-Behörde etwa gleich groß — jeweils etwa 6,5 Millionen. Das Thema Demografie ist in der Region besonders sensibel, weil es weitreichende Auswirkungen auf die Zukunft beider Völker hat.

Seit mehr als 50 Jahren hält Israel das Westjordanland besetzt, die Zahl der Siedler dort und in Ost-Jerusalem ist bereits auf etwa 600.000 angewachsen. Mitglieder der rechts-religiösen Regierung wollen, dass Israel sich Teile des Westjordanlands einverleibt. Damit wäre das Ziel eines unabhängigen Palästinenserstaates wohl endgültig vom Tisch. Wegen seiner Palästinenserpolitik wird Israel international stark angefeindet.

Der Konflikt zwischen den beiden Seiten ist bis heute ungelöst — immer neue Anläufe zu einer Friedensregelung in der Region liefen ins Leere. Binnen eines Jahrzehnts hat Israel sich mit der im Gazastreifen herrschenden radikalislamischen Hamas drei Kriege geliefert. Seit 1860 sind mehr als 23500 israelische Soldaten, Zivilisten und jüdische Untergrundkämpfer im Konflikt um den Landstrich am Mittelmeer gestorben. Sechs Nahostkriege tobten seit 1948 in der Region, zwei Palästinenseraufstände forderten auch Tausende Todesopfer auf der anderen Seite.

Trotz des Dauerkonflikts hat sich das kleine Israel in den 70 Jahren seit dem Tag seiner Geburt vom sozialistischen Agrarstaat zur hochmodernen Start-up-Nation entwickelt. Die Zahl der Einwohner hat sich mehr als verzehnfacht — von 806.000 auf mehr als 8,8 Millionen. Etwa drei Viertel davon sind Juden, gut 20 Prozent Araber. Israels Statistikbüro erwartet, dass das Land an seinem 100. Geburtstag mehr als 15 Millionen Einwohner haben wird. Denn Israel hat die höchste Geburtenrate der westlichen Welt — mit durchschnittlich drei Kindern pro Frau. Das ist besonders erstaunlich, weil Israel nicht nur mit externen, sondern auch mit internen Problemen zu kämpfen hat. Während des 20. Jahrhunderts gab es in Israel noch eine klare Mehrheit säkularer, westlich orientierter Juden. Diese ist jedoch stark geschrumpft.

In einer Aufsehen erregenden Rede sprach Präsident Reuven Rivlin 2015 von einer „neuen Ordnung“ in Israel mit „vier Stämmen“: strengreligiöse Juden, nationalreligiöse Juden, säkulare Juden und Araber. Entlang dieser Grenzen ist auch das Bildungssystem getrennt — die Kinder der einzelnen Gruppen besuchen eigene Schulen. Und die Gräben vertiefen sich immer weiter. Israelis kämpfen zudem mit hohen Lebenshaltungskosten und einer großen Kluft zwischen Arm und Reich.

Das leichtlebige Tel Aviv gilt heute als Zentrum für Start-ups, in kaum einer anderen Stadt werden so viele neue Unternehmen gegründet. Reisegruppen aus aller Welt — viele auch aus Deutschland — kommen in die Küstenmetropole, um sich vom unerschrockenen Gründergeist der Israelis inspirieren zu lassen.

In Israel gibt es fast 6000 Start-ups und rund 300 Forschungs- und Entwicklungseinrichtungen multinationaler Unternehmen. Unterstützt wird die Szene von Inkubatoren und Acceleratoren und mehr als 370 Investoren. Der bisher größte Deal in Israels Hightechindustrie war der Kauf von Mobil­eye, das auf Roboterauto-Kameras spezialisiert ist. 15,3 Milliarden Dollar (12,4 Mrd. Euro) zahlte der US-Chip-Gigant Intel für das Unternehmen aus Jerusalem.

Der frühere Regierungschef Ehud Barak hat den Begriff von Israel als „Villa im Dschungel“ geprägt: Ein hochmodernes Biotop, umgeben von feindseligen, unberechenbaren Nachbarn. „Es ist ein Ort, an dem andere Gesetze gelten — es gibt keine Hoffnung für jene, die sich nicht verteidigen können und keine Gnade für die Schwachen“, sagte Barak schon 1996, damals Außenminister.

Für Jossi Beilin, einen der Architekten der Friedensabkommen mit den Palästinensern, gibt es jedoch auch heute keine Alternative zu einer Friedenslösung in der Region. „Ich denke, in den kommenden zehn Jahren wird es eine Entscheidung geben“, sagte Beilin. „Die Situation so beizubehalten, wird unmöglich.“ Ideal wäre seiner Meinung nach ein Staatenbund zwischen Israel und einem unabhängigen Palästina. Zwei Staaten, die durch Einrichtungen, etwa in der Landwirtschaft oder der Infrastruktur, verbunden sind.

Diese Vision könnte wohl nur Wirklichkeit werden, wenn es nicht nur ein endgültiges Abkommen mit den Palästinensern gäbe, sondern auch die arabischen Staaten Israel anerkennen würden. Die Gründung des „zionistischen Gebildes“, wie Israels Feinde das Land nennen, war auch der Beginn einer tiefen Feindschaft und mehrerer Kriege mit den Nachbarn. Ägypten und Jordanien schlossen zwar vor Jahren Friedensverträge mit Israel — doch das Verhältnis bleibt unterkühlt.

Annäherung an Saudi-Arabien

Ausgerechnet ein gemeinsamer Gegner könnte zur Annäherung beider Seiten führen: Israel und das sunnitische Königreich Saudi-Arabien sind dem schiitischen Iran gleichermaßen feindlich gesinnt und wollen dessen Einfluss zurückdrängen. So ist zu erklären, dass der saudische Kronprinz Mohammed bin Salman kürzlich den Israelis das Recht auf einen eigenen Staat zubilligte — überraschende Worte aus dem Mund eines arabischen Herrschers.

Allerdings hatte schon der mittlerweile verstorbene saudische König Abdullah 2002 eine Friedensinitiative vorgeschlagen, die eine Normalisierung der Beziehungen zwischen Israel und der arabischen Welt vorsieht. Das arabische Gipfeltreffen vor einem Jahr in Jordanien bekräftigte den Plan noch einmal. Für viele Anführer der Region spielt das Schicksal der Palästinenser längst nur noch eine untergeordnete Rolle. Das zeigten auch die nur schwachen arabischen Proteste gegen die Entscheidung von US-Präsident Donald Trump, Jerusalem als Hauptstadt Israels anzuerkennen.