Zum 65. Geburstag der Kanzlerin: Ein Hoch auf Angela Merkel

Zum 65. Geburstag der Kanzlerin : Ein Hoch auf Angela Merkel

Die Bundeskanzlerin feiert am Mittwoch ihren 65. Geburtstag. Zum Ende ihrer Karriere taucht aber plötzlich ihr gefährlichster Gegner auf: eine angeschlagene Gesundheit.

Es ist einer ihrer lakonischen Sätze, diese einfache Antwort ohne Schnörkel. Was soll sie schon groß dazu sagen, ist der Subtext ihrer Reaktion auf die Frage nach der Bedeutung ihres 65. Geburtstags. Ihr ist schon klar, dass die Weltöffentlichkeit jetzt kein Kaffeekränzchen erwartet, sondern wissen will, wie es um ihre Gesundheit steht. So liefert sie die gänzlich unbestreitbare Erkenntnis: „Das bedeutet eben, dass man nicht jünger wird.“ So wie sie einst auf die Frage, ob ihr der Abschied von Barack Obama als US-Präsident schwer falle, antwortete: „Demokratie lebt vom Wechsel.“

Ihre exzessive Sachlichkeit

Eine Angela Merkel sagt über ihren wohl einzigen wirklichen außenpolitischen Freund nicht: „Ich werde ihn vermissen.“ Oder über ihren Gemütszustand: „Mit 65 Jahren habe ich alles erreicht, wovon ich kaum zu träumen wagte.“ Und natürlich erst recht nicht: „Ich bin erschöpft.“ Aber wenn die zu exzessiver Sachlichkeit neigende Merkel zum Besten gibt, dass man eben nicht jünger wird, darf man das als Bekenntnis verstehen, dass die körperlichen Kräfte nachlassen. Das bedeutet eben nur nicht, dass sie im Kopf abbaut.

Die märchenhafte Karriere der Physikerin aus der DDR ist das eine. Der Preis für die vielen harten Jahre an der Spitze des Landes, mit der Verantwortung für 82 Millionen Menschen und den Ansprüchen anderer Staaten das andere.  Sie hat dieses Leben gewollt, ihr Lohn ist die Macht. Aber Verständnis wäre wohl ein Geschenk zum Geburtstag.

Merkel ist eine Person der Zeitgeschichte. Ihre Gesundheit ist im öffentlichen Interesse. Wenn sie aber je etwas abgeschottet hat, dann ist es ihr Privatleben. Ihren Mann, ihre Geschwister, ihre Familie. Ihre Gefühle. Sie ist so oft allein auf Auslandsreisen gewesen, dass sie einmal beim Aussteigen aus ihrer Limousine vor dem Weißen Haus ihren ausnahmsweise mitreisenden Ehemann Joachim Sauer beinahe vergessen hätte. Der öffentlichkeitsscheue Quantenchemiker gilt als internationale Koryphäe seines Fachs. Das sowie seine mit Merkel geteilte Liebe zur Oper und zu den Bergen ist schon fast alles, was man über ihn und die Ehe weiß.

Es dauert nicht mehr lange, dann ist sie länger als der erste Kanzler der Bundesrepublik, Konrad Adenauer, im Amt. 14 Jahre und einen Monat regierte er die Bundesrepublik. Zum Ende des Jahres könnte Merkel ihn einholen. Bliebe noch Helmut Kohl mit seinen 16 Regierungsjahren. Aber Merkel arbeitet schon lange an einem möglichst würdevollen Abschied aus dem Kanzleramt, der sich nicht an dem Superlativ der Amtsdauer ausrichtet. Sie hat im vorigen Jahr erklärt, dass sie 2021 aufhört. Spätestens. Böte sich früher eine gute Gelegenheit – Merkel würde sie ergreifen. Erst recht nach den jüngst sporadisch aufgetretenen körperlichen Einschränkungen.

Seit 1990 hat die Christdemokratin mit außergewöhnlichen Teflon-Fähigkeiten ihre Widersacher im In- und Ausland bezwungen: Sie ließ Kritiker abperlen und wartete beherrscht auf den richtigen Augenblick zum Gegenschlag. Sie ist eine Frau ohne Skandale, ohne Gier nach Geld. Ihr Wochenendhaus in der Uckermark hat Panzerglas, weil es die Sicherheitsvorschriften erfordern. Größer ist das Häuschen nicht geworden.

Ihr Eintrag ins Geschichtsbuch steht unabhängig von ihren eigenen politischen Krisen und Fehlern schon lange fest. Und wie bei ihren Vorgängern im Kanzleramt wird später in erster Linie einmal nachhallen, was die Welt verändert hat: Konrad Adenauers Westbindung Willy Brandts Ostpolitik, Helmut Schmidts Nichterpressbarkeit durch die RAF-Terroristen, Helmut Kohls deutsche Einheit, Gerhard Schröders harte Sozialreformen, Angela Merkels Flüchtlingspolitik.

Sie hat dem Land viel abverlangt,  und die Integration muslimischer Migranten ist eine Generationen-Aufgabe. Vermutlich wird im selben Atemzug genannt werden, dass damit der Rechtsextremismus in Deutschland besorgniserregende Ausmaße angenommen hat, weil der Staat zum einen Verstöße der Flüchtlinge gegen deutsche Werte nicht konsequent ahndete und zum anderen Rechtsextreme sogar in den eigenen Reihen beherbergte.

Es wird aber auch erwähnt werden, wie US-Medien Merkel als letzte Führerin der freien Welt bezeichneten, weil sie in Zeiten eines US-Präsidenten Donald Trump mehr als andere auf internationaler Bühne für Menschenrechte, Rechtsstaatlichkeit, Pressefreiheit eintrat.

„Alles hat seine gute Seite“

Sollte Merkel am Mittwoch neben dem Rücktritt von Ursula von der Leyen als Verteidigungsministerin und den Veränderungen ihres Kabinetts und der miesen Stimmung in der Koalition noch Zeit zum Innehalten haben, könnte der zweite Teil ihrer Antwort auf die Frage nach der Bedeutung ihres 65. Geburtstags nachwirken. Man werde eben nicht jünger, hatte sie gesagt. „Aber erfahrener vielleicht. Alles hat seine gute Seite.“ In der CDU, in der  manche Mitglieder bis heute mit Merkel fremdeln – und umgekehrt, heißt es, auf der einen Seite sei sie eine „Machtmaschine“. Aber auf der andere Seite sei sie immer ein Mensch geblieben.

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