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Kommentar zum Attentat auf Salman Rushdie: Ein feiger Angriff auf uns alle

Kommentar zum Attentat auf Salman Rushdie : Ein feiger Angriff auf uns alle

Nach dem Messerangriff auf den Schriftsteller Salman Rushdie im US-Bundesstaat New York ist die Bestürzung nicht nur in der Literaturwelt groß.

Fast hatte man vergessen, dass der Schriftsteller Salman Rushdie seit 1988 in der ständigen Angst leben musste, getötet zu werden. Damals hatte der inzwischen verstorbene iranische Führer Ajatollah Khomeini nach der Veröffentlichung des Romans „Die Satanischen Verse“ Rushdie einen Verächter der islamischen Religion genannt und eine „Fatwa“ gegen den 1947 im indischen Mumbai geborenen Autor ausgesprochen.

Alle Muslime dieser Welt waren fortan aufgerufen, Rushdie zu töten; wem es gelänge, dem winkten mehr als drei Millionen Dollar Belohnung. Zwar erklärte der Iran zehn Jahre später, man werde sich nicht für die Vollstreckung des Urteils einsetzen. Doch noch 2019 bekräftigte Irans „Oberster Führer“ Ali Chamenei auf Twitter, dass die Fatwa ihre Gültigkeit bewahrt habe. Die Gefahr eines Attentats war also keineswegs gebannt.

Rushdie, der einer breiten Öffentlichkeit bedauerlicherweise eher durch den Wirbel um „Die Satanischen Verse“ und weniger wegen seines schriftstellerischen Oeuvres bekannt wurde, veröffentlichte weiter regelmäßig Bücher, ansonsten wurde es still um den heute 75-Jährigen. Zumindest bis Freitag, als der schlimmste Alptraum doch noch wahr wurde und Rushdie bei einem Vortrag im US-Bundesstaates New York Opfer eines Attentats wurde. Er zog sich dabei schwerste Verletzungen zu, nach derzeitigem Stand wird er überleben.

Zehn Jahre lang stellte die britische Regierung den Autor nach der „Fatwa“ unter Polizeischutz. Rushdies Leben wurde zu einem einzigen Versteckspiel, Sicherheitsbeamte zu seinen engsten Vertrauten. Ist Leben unter diesen Umständen überhaupt möglich? Darüber hat Rushdie in seiner Autobiographie mit dem Titel „Joseph Anton“ geschrieben, Rushdies Tarnname im Versteck, den er aus den Namen seiner literarischen Vorbilder Joseph Conrad und Anton Tschechow zusammensetzte. Das 2012 erschienene Buch ist das Beste, das Rushdie je geschrieben hat. Allen, die gerade überlegen, welches Buch sie als nächstes lesen, sollten schnell in die nächste Buchhandlung gehen und ein Exemplar erwerben oder bestellen. Wem das Buch nach der Lektüre nicht gefallen sollte, darf sich an den Verfasser dieser Zeilen wenden und die 24,99 zurückfordern, die es kostet.

Eigentlich hatte Rushdie am Freitag bei der Veranstaltung über die USA als „Ort des Asyls für Autoren und andere Künstler und als Heimat der Redefreiheit“ sprechen wollen. Wenn Rushdie öffentlich auftrat, dann als mutiger Streiter für die Meinungsfreiheit. Für seine Furchtlosigkeit wurde er stets bewundert, dass er doch noch ein Opfer seines Mutes wurde, ist schrecklich. Selbst, wenn man noch nicht weiß, was die Motive des Attentäters waren: Der feige Angriff auf Salman Rushdie ist ein Angriff auf die freiheitlich-demokratische Grundordnung, ein Angriff auf alle, für die Meinungsfreiheit ein hohes Gut ist.

„Er stand im Eingang des Halcyon Hotel und sah den davonfahrenden Jaguaren der Polizei nach. Dann fiel ihm ein, dass er zum Immobilienmakler (…) musste, um den Mietvertrag (…) zu unterzeichnen und sich das Haus noch einmal anzuschauen. ‚Na schön‘, dachte er, ‚auf geht’s‘. Er trat aus dem Halcyon Hotel auf die Holland Park Avenue hinaus und hob den Arm, um ein Taxi zu bestellen.“ So endet Rushdies Autobiographie. Wie würde es aussehen, sein Leben ohne ständigen Polizeischutz? Würde er überleben?

33 Jahre ist es, trotz aller Entbehrungen und der ständigen Angst, gutgegangen. Am Freitag holte Rushdie die Vergangenheit ein. Offensichtlich war sie nie weg. Der Schriftsteller Salman Rushdie muss uns ein Vorbild sein. Redefreiheit, das hat er einmal gesagt, sollte wahrgenommen werden wie die Luft, die wir atmen: als selbstverständlich. Damit das so bleibt, sollten wir Rushdies Beispiel folgen und couragiert unsere Meinung sagen. Es fängt im Kleinen an. Und nicht auf der großen Bühne.